Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 5.4.2004

Total global

Grand Prix gelb-blau

Es ist Samstag, der erste Tag der Osterferien. Um Punkt acht Uhr dreißig starten wir von der Pole Position auf direktem Weg zu unserem ersten Etappenziel. Die Strecke ist angenehm leer, doch als wir mit quietschenden Reifen auf die Zielgerade einbiegen, liegt das Fahrerlager bereits gut gefüllt vor uns im Talkessel. Leise fluchen wir vor uns hin. Die anderen Racing Teams eilen schnellen Schrittes und grimmigen Blickes an uns vorüber auf den Eingang des gelb-blauen Gebäudes zu, in dem zwischen Hessens beiden Hauptstädten der Möbelriese residiert.

Im Inneren des Gebäudes herrscht schon zu früher Stunde Chaos. Menschenpulks fluten die Gänge, im Fünf-Minuten-Takt resümiert eine Lautsprecherstimme die aktuellen Verlustmeldungen. Die Beschreibungen vertauschter Einkaufswagen und verlustig gegangener Sprösslinge werden marktschreierisch über die dahin wogende Menge megaphoniert.
Auf den Hauptwegen herrscht dichter Verkehr. Ohne Lücken zu lassen schieben lemminghafte Einkaufszombies ihre Gitterwägelchen dahin, ganz als ob sie sich über die nahe A5 in Richtung Basel stauten. Die Teams in den Seitengassen versuchen verzweifelt, sich in den Strom einzureihen. Hätten die Drahtkarren Hupen, der Verkehrslärm wäre Ohren betäubend.

Lustlos lasse ich mich von den Massen dahin treiben. Kaufen will ich hier sicher nichts. Aber der strenge Blick der besten aller Ehefrauen signalisiert: Wir gehen hier nicht weg, ehe der Sohn nicht seine neue Regalwand hat.
Seufzend ergebe ich mich in mein Schicksal. In der Abteilung IVAR setze ich mich an eines der Wohnbeispiele und skizziere eine nach mehreren Korrekturen akzeptierte Lernlandschaft.

Nachdem endlich eine Entscheidung gefallen ist, hoffe ich auf einen raschen Rückzug aus der Schlacht. Doch bald lasse ich den Gedanken fallen; die Fase des »Bummelns« hat begonnen. Sofern in dieser Umgebung von einem solchen überhaupt die Rede sein kann.
Mir fällt die stetig wachsende Anzahl fremder Herstellerhinweise auf den Ramschartikeln auf: Made in Peoples' Republik of China, und neuerdings immer öfter auch made in Russia.
Halb Deutschland lamentiert über die dramatischen Konsequenzen der Globalisierung. Aber gleichzeitig kauft ganz Deutschland lustvoll Billigware aus Produktionsländern, über deren Standortvorteile, wie es so schön heißt, niemand auch nur den geringsten Zweifel haben kann. Geiz mag geil sein, aber er macht auch dumm. Ich weiß, dass mein Kopfschütteln darüber keine Abhilfe schafft. Mein Einfluss ist ja schon in der eigenen Familie annähernd gleich Null.

Nach insgesamt acht Stunden verlassen wir die noch immer brodelnde Konsumhochburg. Beim Einladen entdecke ich ein fehlerhaftes Teil und reihe mich in die halbstündige Warteschlange der Umtäuscher ein. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir schließlich unser Zuhause; im Auto ein paar Holzbretter, auf dem Konto dreihundert Euro weniger.

Meine unüberwindliche Inkompatibilität zur schwedischen Möbelhauskette hat eine erneute Bestätigung erfahren. Amerika hat sein Vietnamtrauma, wir haben IKEA.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1081151460

Kommentare

Liisa, 5.4.2004 um 11:48 h:

1. Alle Achtung! 8 (in Worten: acht!) Stunden Ikea überleben, das ist eine wahre Leistung.

2. Danke für den Spruch: "Amerika hat sein Vietnamtrauma, wir haben Ikea" Den merke ich mir und werde ihn bei nächster passender Gelegenheit unters Volk bringen.

3. Das Litkara-Weblog existiert schon seit Anfang des Jahres nicht mehr. Fortgeführt wird es durch das Charming Quark Weblog. ;o)

Ulf, 5.4.2004 um 19:50 h:

Also wirklich! Ich wusste doch, dass ich dich kenne - äh, ich meine: regelmäßig gelesen habe -, als ich nach meinem ersten Aprileintrag auf deinen Kommentar + Weblog gestoßen war. Den Zusammenhang mit Litkara habe ich allerdings nicht hinbekommen.
Inzwischen ist meine Blogroll allerdings zumindest in Bezug auf den Quark Express wieder aktuell! - Danke für deinen Hinweis.

Gehe ich recht in der Annahme, dass du eine der wenigen LeserInnen hier sein könntest, die keine IKEA-Fans sind?

Christian, 5.4.2004 um 20:25 h:

Bist du Globalisierungsgegner? Die Elche aus Schweden verarbeiten schlieslich doch Russisches Holz mit Polnischen Kräften um es in Germany zu Profit zu machen der in der Schweiz angelegt wird. Aber kompatibel sollte man dann zu Billy schon sein.

Ulf, 5.4.2004 um 20:35 h:

Ob ich Globalisierungsgegner bin? - Was für eine Frage. Die kann ich doch glatt nicht beantworten!
Jedenfalls nicht ein einem Wort, oder einem kurzen Satz. Irgendwie befinde ich mich standpunktmäßig mitten drin im Getümmel um die Globalisierung.

Sagen wir es mal so: Einerseits erkenne ich, dass wir dem generellen Trend der Globalisierung überhaupt nichts entgegenzusetzen hätten, selbst wenn wir dies verzweifelt wollten.
Außerdem gibt es auch für mich gute Gründe dafür, warum wir grundsätzlich durchaus einen globalen Markt nutzen sollten.
Was mich jedoch stört an der Globalisierung, ist die Tatsache, dass der Mensch als Individuum zunächst unter ihr leidet (Verlust des Arbeitsplatzes etc.), andererseits aber durch sein persönliches Verhalten (siehe oben: »Geiz ist geil«) die Geschwindigkeit der Globalisierung sogar beschleunigt.

Wir befinden uns also in der schizophrenen Situation, über die Unausweichlichkeit unseres eigenen Todes zu lamentieren, während wir im gleichen Augenblick und ohne Not dabei sind, die eigenen Gräber zu schaufeln.
IKEA ist nur ein Beispiel für Konzerne, die solche persönlichen Inkonsequenzen ausnutzen. Das ist nicht deren Schuld, sondern unsere eigene; mich eingeschlossen, weil ich mich zu Hause nicht durchsetze.

Dass ich zu Billy & Co. inkompatibel bin, hat grundsätzlich andere Gründe. Ich bin unzufrieden mit der Relation Qualität/Preis/Service, um es einmal in weitest möglicher Umschreibung zu sagen.

van [@], 5.4.2004 um 21:21 h:

egal, ulf, es hat herrn ikea zum reichsten mann der welt gemacht - wahrscheinlich hat ihm nur noch das letzte wochenende gefehlt, um den 5 mrd. vorsprung zu herrn gates zu bekommen.. ;)

Ulf, 5.4.2004 um 22:17 h:

Mit der Aussicht, andere reich zu machen, habe ich kein Problem. Nur würde ich es vorziehen, den netten Schreiner, der schon meinen Esstisch gehobelt hat, zum reichsten Mann einer hessischen Kleinstadt zu machen, als Herrn Kamprad zum reichsten Mann der Welt =;o)

Horst [@], 5.4.2004 um 23:49 h:

ACHT Stunden Ikea?!? So viel hab ja noch nicht mal ich geschafft (Maximum war glaube ich mal dreieinhalb Stunden). Aber nix gegen Ikea: ohne die hätte ich nie Haldur Gislufsso getroffen...

Liisa, 6.4.2004 um 10:05 h:

Hi Ulf! Also eigentlich bin ich Skandinavien und damit auch Schweden sehr verbunden und auch was so an Design und Möbeln von dort kommt, ist teilweise nicht übel ... ich hab was gegen Ikea, wenn ich da gleichzeitig mit einer halben Million anderer Leute durchgetrieben werde. ;o) Außerdem kommt es auch auf die Fillialen an, wie ich festgestellt habe. Da gibt es durchaus gewisse Unterschiede. Laß mich ganz oder fast alleine durch einen Ikea marschieren und es ist okay, aber nicht inmitten von Horden. ;o)

Ich dachte mir übrigens schon, daß Du mich nicht ganz einordnen konntest nach dem Wechsel zu Charming Quark. :o) Danke für die entsprechende Änderung!

Ulf, 6.4.2004 um 20:32 h:

@Horst: Gut dass du vorbeischaust. Ich hatte eh vergessen, Haldur in meinem Beitragstext zu bitten, mal ein ernstes Wörtchen mit seinen Kollegen zu sprechen. So geht es nicht weiter bei IKEA =;oþ

@Liisa: Design und Funktion der IKEA-Möbel finde ich ebenfalls ziemlich gut. Wer kein Problem damit hat, bei jeder beliebigen Party auf Gegenstände zu stoßen, die auch bei ihm zu Hause zu finden sind, ist mit dem Elchdesign sicher gut beraten. (Bei uns schlürft man sein Wasser nun sogar in der Pizzeria aus Glas SVEPA!)
Was mir weniger gefällt, ist die Produktqualität. Ich habe noch kein Möbel zusammengeschraubt, das nicht irgendwelche Macken gehabt hätte. Stühle kippeln, Regale wackeln, Lampen sind schlicht und einfach Technikschrott (als die Billigleuchten mit Spargewinden aus Plastik herauskamen, ist mir der Kragen geplatzt). Für solch minderwertige Qualität ist mir der Preis einfach zu hoch, auch wenn er vergleichsweise niedrig ist.
Gleiches gilt für den Service. Fehlt etwas in der Packung? Ist ein Teil kaputt? Passt etwas nicht? - Zurückgeben oder Umtauschen ist zwar ohne Nachfragen möglich, allerdings ein organisatorischer Akt ohne Gleichen. Anfahrt zu IKEA, Wartezeiten beim Umtausch addieren sich zu versteckten Kosten, die die Wenigsten in ihre Preiskalkulation einbeziehen. (Die beste aller Ehefrauen ist mindestens einmal pro Woche bei IKEA, gibt zurück, tauscht, kauft nach und dreht die nächste Runde in der Woche darauf.)
Da lob ich mir den Schreiner, den ich bei Mängeln anrufe und der vorbeikommt, um sie zu beseitigen.

Na ja, ich mag eben das Konzept IKEA nicht, auch wenn mir einige der Objekte schon gefallen würden. Für mich ist IKEA nicht preiswert, sondern billig und doch zu teuer.

Liisa, 6.4.2004 um 21:55 h:

Über so viele einschlägige Ikea-Erfahrungen verfüge ich gar nicht, kann Deinen Ärger aber gut nachvollziehen. Das letzte Mal, war ich Anfang letzten Jahres eher zufällig bei Ikea, und hab nur einige Kleinigkeiten mitgenommen. Wenn es um "richtige" Möbel geht, die auch etwas länger halten sollen, dann ende ich auch eher in einem "richtigen" Möbelladen. :)

Ulf, 6.4.2004 um 23:34 h:

Von den »Kleinigkeiten«, mit denen ich im Rahmen des Bummelns Bekanntschaft gemacht habe, will ich lieber gar nicht erst anfangen. Ich bin überzeugt davon, dass ein erklecklicher Anteil der Einnahmen bei IKEA auf das Konto Wo-ich-schon-mal-hier-bin geht. Gibt es überhaupt Besucher, die den geschickt platzierten Kleinramschartikeln widerstehen können? Irgendetwas nimmt jeder mit.

Reine Neugier: Gibt es LeserInnen, die eine IKEA Filiale tatsächlich mit vollständig leeren Händen verlassen hat?

Liisa, 7.4.2004 um 12:21 h:

Also ich bin durchaus auch schon mal mit leeren Händen aus Ikea raus. Wenn die Kleinigkeiten nicht tatsächlich nötig sind, nehme ich sie auch nicht mit nur "weil ich gerade mal da bin" oder "weil ich sie ja vielleicht mal brauchen KÖNNTE" ... wie ich das durchaus auch schon von Freundinnen bzw. Bekannten gehört habe.

Ulf, 7.4.2004 um 20:24 h:

Das Eben-mal-mitnehmen kenne ich aus nächster Nähe. Deshalb fragte ich so neugierig

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