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Dienstag, 6.4.2004

Große Brüder

Das Böse hat einen neuen Namen: G-Mail

Aardvark Horst veröffentlichte gestern eine sehr gelungene Zusammenfassung über Googles Pläne bezüglich des umstrittenen G-Mail Angebotes. Mit dem geplanten Webmailportal hat sich Suchgigant Google auf der Liste der bösen Buben schlagartig in die Spitzengruppe katapultiert.

In einem bestimmten Alter haben kleine Mädchen und Jungs schon mal grundsätzlich Probleme mit ihren älteren Brüdern. Die sind ihnen in jeder Hinsicht haushoch überlegen und spielen ihre Macht oftmals nur zu gerne als Trumpf aus. Später, wenn aus den kleinen Mädchen und Jungs große Kinder geworden sind, nehmen den Platz des unbequemen großen Bruders dann andere »Big Brothers« ein.

Als Paul Allen und Bill Gates im Jahr 1975 ihr aufstrebendes Unternehmen gründeten, nahmen zunächst nur wenige Freaks die anstehende Revolution wahr. Heute ist das Unternehmen Microsoft annähernd monopolistisch in zig Millionen Computern präsent, gilt dabei allerdings sehr vielen Anwendern und Gegnern als Bedrohung und Bösewicht, dem Widerstand zu leisten oberstes Gebot der Stunde ist. Die Verdienste, die Microsoft in Bezug auf Entwicklung und Beschleuningung der rechnergestützten Kommunikation ohne Zweifel erworben hat, spielen keine Rolle mehr.
Zwei Jahrzehnte nach Gates und Allen begannen Larry Page und Sergey Brin mit den Arbeiten, die innerhalb von weniger als zwanzig Jahren in die weltweit marktbeherrschende Suchmaschine mündete: Im Jahr 2000, nur fünf Jahre nach dem Start, bediente Google bereits 18 Millionen Suchanfragen pro Tag.

Die Parallelen zwischen den einstigen Garagenfirmen Microsoft und Google sind unübersehbar. Neuerdings kommt eine weitere Gemeinsamkeit hinzu. Waren beide Unternehmen in ihren Anfangszeiten geradezu Lieblinge der IT-Insider und später des breiten Publikums, kam für beide irgendwann der Zeitpunkt, zu dem ihrer Leistungsfähigkeit auf einmal mit Misstrauen begegnet wurde. Vor ein paar Tagen hat auch Google den Point Of No Return erreicht. Schlagartig wird der Netzgemeinde klar, welcher Hydra sie bislang ihre Gunst schenkten. Aus dem sympathischen Suchroboter Google wird schlagartig der nächste Big Brother.
Welche Bösartigkeiten haben Microsoft und Google nur ausgeheckt, um urplötzlich alleine gegen den Rest der Welt zu stehen?

Nun, eigentlich haben sie nichts Außergewöhnliches getan; jedenfalls haben sie nicht anderes gehandelt als jeder x-beliebige Unternehmer, der versucht, seine Geschäftsanteile gegenüber der Konkurrenz zu sichern und sie womöglich auszubauen.
Dabei ist Google genau wie längst zuvor Microsoft in die Falle gelaufen, die Kundschaft und deren Selbstwertgefühl zu unterschätzen. Beim Versuch, die eigenen Produkte immer attraktiver zu machen, um den Vorsprung vor den Mitbewerbern zu halten, überschritten beide Unternehmen eine Grenze. Der grundsätzliche Fehler bestand und besteht auch jetzt wieder darin, sich nicht darauf zu beschränken, dem Kunden ein überzeugendes Angebot zu machen, sondern darüber hinaus die Akzeptanten des Angebots auszuspähen.
Nun kann man geteilter Meinung darüber sein, was unter »Ausspähen« zu verstehen ist. Microsoft, Google und Co. weisen natürlich alle Vorwürfe entrüstet von sich. Schließlich wolle man nur das Allerbeste für die Kundschaft. Dazu gehöre nun einmal, dass man über sie Bescheid wisse. Und dies möglichst umfassend.

Tatsache ist aber auch, dass die heiß umworbenen Kunden misstrauisch wurden und wieder einmal werden. Niemand gibt ohne Zwang bereitwillig persönliche Daten und Informationen an Dritte heraus. Je größer und unüberschaubarer dieser Dritte ist, desto heftiger fällt der Widerstand aus.
Ob nun Microsoft »nach Hause telefoniert«, oder ob Google privaten Mailtext mit Werbekategorien abgleichen will, als Nutzer fühlt man sich bespitzelt; und das zu Recht.

Mir scheint, alle Firmen büßen ihre Unternehmensintelligenz ein, wenn sie nur einmal eine gewisse Größenordnung erreicht haben. Dieser Prozess ist offenbar nicht steuerbar, sondern führt irgendwann ganz ohne Zutun automatisch zum beschriebenen, fatalen Effekt.

Was kann man daraus lernen? - Wenn du das Glück hast, ein erfolgreiches Unternehmen gegründet zu haben, ziehe dich rechtzeitig zurück. Verkaufe das Ding ohne nachzudenken sofort, wenn dir ein gutes Angebot gemacht wird. Lehne dich zurück und sieh zu, wie andere den Karren an die Wand fahren. Denn dass er dort landet, ist unausweichlich.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1081234043

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