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Dienstag, 4.5.2004

Der Bildbeweis

Besatzungstruppen im Irak wird vorgeworfen, Kriegsgefangene zu foltern. Als Beweis werden Fotografien vorgelegt, auf denen die Szenen der Demütigung zu sehen sind. Entsetzen geht um die Welt.

Immer wieder erstaunlich ist, was ein paar Bilder auszurichten vermögen. Wenn etwa Amnesty International den Vorwurf erhebt, irgendeine Armee hielte sich nicht an die Genfer Konventionen, dann verebbt die öffentliche Reaktion darauf innerhalb kürzester Zeit. Die betroffene Regierung dementiert, im kurzen Verbalgefecht verkeilen sich die Argumente unüberschaubar ineinander, so dass die Öffentlichkeit schon bald nicht mehr weiß, wer was behauptet hat und wie die Wahrheit lauten könnte.

Irakischer Kriegsgefangener (Photo: CBS)Wird hingegen Fotomaterial veröffentlicht, das einen Vorwurf illustriert, dann steht auf einmal die Welt Kopf. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, das wissen wir alle. Ein Foltervorwurf, der von entsprechenden Fotografien begleitet wird, brennt sich ein in die Netzhaut und ins Gehirn. Den vergisst so schnell keiner. Verstärkt wird dieser Memoryeffekt durch die ständige Wiederholung der Bilder, vor allem (aber nicht nur) in Organen, die traditionell mehr Wert auf Bild als auf Text legt.
Ein gutes Beispiel ist dieser Eintrag. Ein kurzer Blick genügt: Aha, der Brossmann schreibt jetzt auch über Misshandlung im Irak!

Interessant an den Bildbeweisen ist, dass sie wesentlich fundierter wirken, als dies reine Formulierungen in Worten tun. Natürlich wird auch im Fall von Vorwürfen mit Fotobegleitung rasch deren Authentizität in Frage gestellt. Elektronisch manipuliert könnten sie sein, diese Bilder, oder gar gestellt. Wer weiß schon, ob unter den Kapuzen tatsächlich irakische Kriegsgefangene stecken? Tatsächlich allerdings wirken solche Versuche der Relativierung oder des in Frage Stellens meist hölzern. Natürlich, so schreit die Stimme des Volkes erzürnt, natürlich reden sie sich jetzt darauf hinaus, dass das Material gefälscht ist!
Implizit steht hinter dieser Reaktion unsere Überzeugung, Bilder lögen nicht. Auch wenn wir sehr wohl um die Möglichkeiten wissen, dass wir manipuliert und beeinflusst werden könnten, messen wir fotografischen Darstellungen einen höheren Wahrheitsgehalt bei.

Dabei ist es vollkommen nebensächlich, ob die aktuelle Bilderflut authentisch ist oder nicht. Wir sollten eigentlich längst unsere Naivität abgelegt und uns von Schwarz-Weiß-Malerei in unseren Gedanken verabschiedet haben. Es gibt nicht die Guten und die Bösen, es hat sie noch nie gegeben, es wird sie auch nie geben. Krieg und seine Folgen haben auf alle Beteiligten Auswirkungen, über die wir als zivilisierte Menschheit lieber den Mantel des Schweigens decken möchten.
Ob Araber verkohlte Leichen amerikanischer Soldaten schleifen, oder ob GIs arabische Gefangene malträtieren, macht keinen qualitativen Unterschied. Der Mensch ist und bleibt ein Tier. Situationen, in denen Regelverstöße nur schwer nachzuweisen sind, lassen diese Erkenntnis schärfer hervortreten. Fehlende Kontrollmechanismen durch die Öffentlichkeit verführen zu skrupellosem Regelbruch, aber auch zu leichtfertigen Unterstellungen.

Für diese Erkenntnis brauchen wir keine Folterbilder. Das sollte jedem von uns auch so klar sein.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1083675437

Kommentare

Kristof, 5.5.2004 um 20:58 h:

Aber sonderbar ist es schon. Du bist der einzige bisher, bei dem ich einen längeren Beitrag zu dem Thema gefunden habe. Haben inzwischen alle Angst, zu sehr manipulierbar zu sein? Denn die Tatsache, dass man viele andere, weniger prominent dargestellte Fälle ignoriert, kann mein Entsetzen bei diesen Bildern nicht lindern.

Und es kommt ja noch schlimmer! Was da Rumsfeld und Bush in ihrer Verzweiflung von sich geben, lässt mich nach Atem ringen.
Es sei sehr wichtig für die Araber zu verstehen, dass die Mehrheit der Soldaten im Irak "anständige Menschen" seien.
Und:
Auch Demokratien machen Fehler ... aber sie werden untersucht.
Allein die Frechheit, das Wort "Demokratie" überhaupt mit einer Invasion inkl. Folterungen in Zusammenhang zu bringen, macht mich rasend.

(Ich lasse besser meinen Fernseher die nächsten Tage aus ...)

Ulf, 5.5.2004 um 22:42 h:

Ich bleibe dabei: Hätte es keine Fotos gegeben, jeder Foltervorwurf wäre längst im medialen Getöse verpufft. Doch die Bilder machen die Taten nicht mehr oder weniger entsetzlich, als sie es sind. Ja, sie schockieren; und sie machen fast plastisch greifbar, was da vor sich gegangen ist. Oder noch immer geht.
Ich will sie aber trotzdem nicht haben. Schon allein deshalb, weil derart aufgeplusterte Skandale unsere Aufnahmebereitschaft für alle anderen, als weniger entsetzlich wahrgenommenen Vorkommnisse in Zukunft noch mehr schmälern.

Mit oder ohne Fotos: An Bushs Renommee bei der Wählerschaft scheint schließlich nicht einmal seine Ignoranz gegenüber den aktuellen Enthüllungen kratzen zu können. Darin liegt meines Erachtens der eigentliche Skandal.

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