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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 10.5.2004

Brave New World

iPodpourri

Freitag Nachmittag. Ich stehe ziemlich ratlos beim lokalen Elektronikdealer inmitten tosender Hintergrundbeschallung vor dem Regal mit MP3-Playern, -Sticks, -Dosen, oder wie die Dinger sonst noch so heißen. Sowas brauchen wir unbedingt, sagen die Kids. Also gut, denke ich, wir brauchen sowas; aber welches Gerät in aller Welt soll ich nehmen?

Viel Ahnung habe ich ja nicht. Wenn man es genau nimmt, weiß ich nichts. Abgesehen von ein paar Kommentaren der Macfraktion zu den Qualitäten und unerhörtem Statuswert des appleschen iPod habe ich keinerlei Berichte gehört oder gelesen und stehe wie der berüchtigte Ochs' vor dem Berg der Jodelboxen.
Am Rande meines Gesichtsfeldes erscheint ein junger, übergewichtiger Verkäufer mit einem riesenhaften Kunden an Krücken im Schlepptau. Ich nutze eine kurze Pause im Zwiegespräch der beiden, um eine Frage einzuwerfen: »Haben Sie auch iPods?« - Ja, sie hätten, lautet die Antwort, und der Kerl drückt mir ein kleines, weißes Kistchen an einem Sicherungskabel in die Hände, bevor er sich erneut dem Riesen widmet.

Das Plexiglasding in den Fingern wiegt schwer. Sein Preis noch schwerer: knapp 450 Euronen soll ich dafür ausgeben? Ich runzle die Stirn. Was ist nur so außergewöhnlich an dem Ding? Noch während ich sinniere, sagt der Verkäufer neben mir zu seinem Kunden den entscheidenden Satz: »Also ich würde ja keinen iPod nehmen. Der iRiver ist einfach das bessere Gerät.«
Ich lege das weiße Schächtelchen zur Seite und lausche ungebeten dem Verkaufsgespräch. Ja, im Gegensatz zum iPod könne man mit dem iHP problemlos joggen. Aha. Ich weiß zwar nicht, warum oder wie der Mann an Krücken joggen möchte. Denn jetzt humpelt er dem Mediamarkter hinterher an den Computer. Man geht ins Netz und zieht ein paar Testberichte zu Rate: Ohren und Augen auf heißt es im MP3 Werk und selbst die Macwelt hat den iHP zusammen mit dem iPod getestet. Immerhin, selbst bei den Macfreaks landet der iHP knapp auf Platz zwei hinter dem Apple-Produkt; Grund ist offenbar nur der höhere Preis.

Ich bin infiziert. Der Krückenriese steht inzwischen alleine vor dem Playerregal. Ich spreche ihn an. Ob er sich mit der Materie befasst habe. Ja, habe er. Er arbeite in einer Werbeagentur, sei also von Haus aus schon mal apfellastig. Ein Kollege habe ihm aber unbedingt zum iHP 120 geraten. Schon allein wegen des einfacheren Datentauschs, aber auch wegen der besseren Playerqualität. Außerdem könne das Ding auch Ogg Vorbis. Ich sehe den Mann verständnislos an und sage: »Aha.«
»Im Grunde genommen«, meint der Riese, »habe ich mich längst entschieden. Es geht nur noch um den Preis. Der Verkäufer sieht gerade nach, ob sich an den 450 Euro noch etwas machen lässt. Bei Amazon habe ich das Ding gestern Abend für 389 gesehen.«

Ich denke nochmal nach. Musicbox und externe Festplatte in einem? Qualitativ besser als ein iPod? Ich erinnere mich des ältlichen USB-Sticks, mit dem ich mich noch immer beim Datentransport zwischen drei Computern abmühe. Zwanzig Gigabyte statt lächerlicher 128 MB Speicher? Plus Jodeln?

Zwanzig Minuten später verlassen zwei Gestalten den Elektroshop. Ein an Krücken humpelnder Riese und ein strubbelhaariger Büromensch. Beider Konten wurden um 429 Euro erleichtert. Doch in ihren Gehirnen tragen sie die Gewissheit mit sich, den Arbeitsplatz eines jungen, dicklichen Verkäufers gerettet zu haben, der ihnen eine Stunde seines Arbeitstages gewidmet hat. In den Plastiktüten, die die beiden mit sich tragen, liegen jeweils 160 Gramm Hightech im Zigarettenschachtelformat.

Jetzt habe ich nur noch ein Problem: Womit sollen die Kids ihre Hits hören?

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1084187455

Kommentare

van, 10.5.2004 um 14:17 h:

würde für die hits der kids nicht ein einfacher mp3stick für 99 euronen reichen?

oder haben die kids lediglich alibifunktion für die elektronikbegeisterung des herrn papa? ;)

Ulf, 10.5.2004 um 20:41 h:

Äh, ja. Natürlich. Ad 1.: Logisch. Muss ich wohl noch nachkaufen. Weil an mein Dingenskirchens lasse ich doch meine Kids nicht ran. Näch?
Ad 2.: Eletronikbegeisterung? Welche Elektronikbegeisterung? Wie jetzt! Das ist pure Notwendigkeit. Berufliche! Steuerlich absetzbare! Hoffe ich.

vasili, 11.5.2004 um 1:31 h:

ich möchte gern dabei sein, wenn dem steuerbeamten klar wird, dass du einen überdimensionierten mp3-player absetzen willst. ;-)

Ulf, 11.5.2004 um 21:32 h:

Das wird sicher kein Spaziergang durchs Finanzmant, Vasili. Wahrscheinlich muss ich dem Sachbearbeiter die mit Daten vollgestopfte Festplatte live vorführen und darauf achten, dass keine MP3s dabei sind?
Sonst noch jemand Tipps?

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