Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Montag, 17.5.2004

Befindlichkeiten in aller Welt

Mein wunderbares Wochenende

Es wird Sommer in Deutschland; zumindest was die Wetterlage angeht. Ich habe ein entspanntes Wochenende im Familienkreis und mit Freunden hinter mir. Nette Gespräche, Geplänkel auf sonnenbeschienener Terrasse, Brunch und Sekt und gute Laune. Und jetzt fühle ich mich irgendwie schlecht.
Dass hier bei uns zwischen Nordsee und Alpen nicht gerade Anlass zum Feiern besteht, dürfte nicht nur mir klar sein. Staatsverschuldung, Rentenunsicherheit, Arbeitsplatzabbau, Ausbildungsmisere, Autobahnmaut im Argen (oder ist sie jetzt doch tot?), Anspruchsmetalität in der Arbeitnehmerschaft, skrupelloses Ausschlachten unternehmerischer Restbestände durch das Management der Deutschland AG. Den Finger möchte man sich in den Hals stecken, um sich zu erbrechen, wenn man dadurch das Rad zurückdrehen und irgend etwas ändern könnte.

Dann sehe ich über die Grenzen in die Ferne; natürlich nicht direkt, sondern mittels Presse- und Privatstimmen der publizierenden Gemeinde im Netz; und mir wird klar, dass ich gefälligst aufhören muss, mich über die Lage bei uns zu Hause zu beklagen. Der Präsident (Rau, nicht Bush) weist mich zu Recht darauf hin, dass wir Weltmeister im Lamentieren sind. Dabei haben andere weiß Gott - Allahu Akbar - mehr Grund, sich zu beklagen.

Weniger erstaunt als bestätigt in meinen verworrenen Annahmen lese ich, wie Domina Lynndie England der Welt erklärt, was in ihrem Kopf vorging, als die Folterfotos aufgenommen wurden, auf denen sie die Hauptrolle spielte. »Wir dachten, das sähe witzig aus, also haben wir Bilder aufgenommen.« Oh ja, sehr lustig, Miss England. »Ja, ich bin auf einige von ihnen [Anm.: die Gefangenen] gestiegen, habe sie gestoßen oder an ihnen gezogen, aber nichts Extremes.« Nein, Miss England, das war nicht extrem, Sie haben ja nur ein wenig herumgeblödelt. Absolution. And have fun!
Schließlich gibt ja nun Condoleezza Rice für die USA im Ausland die Zerknirschte ab. Ist ja auch viel besser, wenn das mal eine Frau macht. Der nimmt man sowas eher ab, als wenn Rummy oder gar der Bushman selbst
Sie fühle Scham, sagt Condi. Die Misshandlungen seinen ein »Schandfleck für unser Land«. Dann betont sie, Donald Rumsfeld würde die Schuldigen schon zur Verantwortung ziehen. Nur zu, macht nur den Bock zum Gärtner. Ist ja kein Problem, die anderen sind auch nicht besser.
Egal, ob nun der öffentliche Mord an Nicholas Berg tatsächlich so öffentlich war, oder ob es nicht doch nur ein Fall besonders übler Leichenschändung war; egal, welche Machenschaften hinter den merkwürdigen Umständen seines Verschwindens stecken; auch in der arabischen Welt gibt es Stellungnahmen, die um Entschuldigung bitten, etwa die von Hassan Dawud.

Aber Bekenntnisse von Scham, Schande, oder Entschuldigung ändern nichts mehr am programmierten Verlauf der Dinge. Heute Morgen wurde Isseddin Salim, Präsident des provisorischen irakischen Regierungsrats, in Bagdad per Autobombe eliminiert. Wieviele Palästinenser heute Nacht ihr Leben gelassen haben, weiß ich gar nicht mehr. Solche Zahlen purzeln mir inzwischen durch die losen Maschen im Hirn.
Ist ja schon gut, dafür schäme ich mich inzwischen auch ein bisschen. Meinetwegen sogar öffentlich.

Dann also ab in diese kurze Woche. Wir nehmen uns alle an den Händen, schämen uns im Kollektiv über Dinge, für die wir die Verantwortung notgedrungen übernehmen müssen, und geloben Besserung. Aber lasst uns darüber auf keinen Fall die Schampusparty vergessen, die ab Donnerstag ansteht. Vier Tage Wellness, bevor in einer Woche erneut die Wellen der allgemeinen Bestürzung über uns zusammenschlagen. - Prost, Netzgemeinde!

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1084790129

Kommentare

andreas, 17.5.2004 um 14:27 h:

Prost Ulf!

Du hättest mich beinahe in deine Gedanken aus Betroffenheit, Bestürzung und 'Darfs-mir-denn-gut-gehen?' Stimmung hineingezogen.

Eben sah ich noch aus dem Fenster und betrachtete wohlgefällig, wie sich die Sonne langsam aus den Wolken hervorschälte, sich im Wasserbassin unten und der Büroglasfront gegenüber wunderbar spiegelt, und liess Vorfreude über das bevorstehende lange Wochenende am Ostseestrand mit Sohnemann, nebst Kameraden, weiterer Väter, Fußball und Schlafsäcke vor meinem geistigen Augen vorbei ziehen.

Und nun machen sich stattdessen sterbende Iraker, Palästinenser, dummdreiste GI's und andere Universal Rambos in meinem Kopf breit .... ok, Betroffenheit ist das eine, aber müssen wir uns denn wirklich jeden blutigen Schuh der Weltgeschichte anziehen?

Verdammt, Herr Rau hat Recht und ich werde mich dann weitergrämen, wenn ich meinen Schampus- oder Bierrausch nach dem Feste verdunste ...

Ulf, 17.5.2004 um 21:23 h:

Blutiger Schuh? Leide ich etwa am »Aschenputtel Syndrom« (APS)? Tatsächlich bedaure ich es, dass ich mir selbst nachträglich das schöne Wochenende vermiest habe. Aber nach der morgendlichen Pflichtlektüre sank die Stimmung sofort gegen den Nullpunkt.

Kommentar abgeben: