Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Donnerstag, 20.5.2004

Nestflüchter oder Weichei?

Pathetische Betrachtungen zum Vatertag

Muttertag ist ja schon eine der peinlicheren Veranstaltungen unseres Kulturkreises. Ich erinnere mich an die Muttertage meiner Kindheit: Angetrieben durch Schule und Verwandtschaft bastelten oder dichteten wir, was das Zeug hielt. Und unsere Mutter ließ sich offensichtlich geschmeichelt hoch leben lassen. Wenngleich sie jedes Jahr und immer wieder beteuerte, sie brauche keine Blumen, keine Geschenke. Wenn wir doch nur das ganze Jahr über …
Aber das ist eine andere Geschichte. Der institutionalisierte Vatertag ist noch um einiges merkwürdiger.

Klassischerweise begeht der Familienvater den ihm gewidmeten Tag nicht im Kreise der Lieben. Geplant ist kein großes Frühstück mit blumenbekränztem Vaterteller, kein Mittag- oder Abendessen im Restaurant. Schließlich ist nicht Muttertag, also soll die Alte gefälligst den Kochlöffel schwingen. Wenn dies überhaupt notwendig ist. Der wahre Vater verbringt seinen Jubeltag nicht mit Kind und Kegel, sondern fliegt zusammen mit seinen Kumpels hinaus in die Welt, im Schlepptau den berüchtigten Bollerwagen, beladen mit Fassbier und Schnapsflasche. Der klassische Vatertagsvater ist Nestflüchter und hat das Recht - ach, was sage ich: die Obligation! - sich anlässlich seines Festtages zu besaufen.
So war das immer schon, zumindest bis vor ein paar wenigen Jahrzehnten: Papas unter sich, Zigarre raus und Kognakflasche auf den Tisch. Dann kam die Epoche der Weicheier. Gewandet in Latzhosen verbrachten Männer den Vatertag mit dem Kinderwagen auf dem Spielplatz im Park, während Muttern mit den Freundinnen einen draufmachen konnte. Am Vatertag, wohlgemerkt.

Heutzutage aber sind wir Väter weder Patriarchen noch Schlaffis. Wir sind Kuschelpapis. Angesiedelt irgendwo im Niemandsland zwischen Autorität und selbstlosen Seelsorgern. Erfüllt von Beruf und der Verpflichtung, die Familie zu ernähren, sind wir für niemanden mehr da. Weder für Kinder und Frau, noch für uns selbst.
Darüber werde ich nachdenken, wenn ich heute Nachmittag südwärts über die Autobahn zur anstehenden Familienfeier rollen werde und über mir, auf Brücken, kleine Pulks Fahrrad fahrender Gestalten sehen werde, geschart um Bollerwagen, mit Bierflaschen in den Händen den unter ihnen vorbei Brausenden zuprostend.

Auf Wiederlesen, bis Montag.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1085006120

Kommentare

andreas, 20.5.2004 um 10:07 h:

Lieber ein stolzes Weichei, als ein volltrunkener Nestflüchter ... ausserdem hilft noch der Gedanke, dass 'echte' Väter keine Zeit für dererlei Bollerwagenexkursionen haben!

Kommentar abgeben: