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Montag, 24.5.2004

Bundespräsidiales

Köhler und die Kohle

Also haben wir wieder einmal einen neuen Bundespräsidenten, den neunten mittlerweile. Wie vor- und vorhergesehen ließ Horst Köhler seine Konkurrentin Gesine Schwan bei der gestrigen Wahl hinter sich. So mancher mag sich fragen, ob wir überhaupt einen Präsidenten brauchen; und so manch(e) andere(r) mag ja im Stillen gehofft haben, dass vielleicht doch die Frau den Mann diesmal schlagen hätte können. Das wäre mal was gewesen: die konservative Union bringt ihren Wunschkandidaten nicht duch, weil in den eigenen Reihen für die (Quoten-) Frau des Regierungslagers gestimmt würde.

Horst KöhlerBundespräsidentenSpätestens seit prominente Wahlfrauen wie Rosi Mittermaier - nein, Herr Schmachtenberg *, das ist nicht die, die mit Herrn Breschnew-Waigel verheiratet ist; Sie verwechseln die Dame mit Frau Irene Epple-Waigel, ihres Zeichens zwar ebenfalls Ex-Skirennläuferin, nicht aber Präsidialwahlfrau. Jedenfalls nicht dass ich wüsste. Aber ich komme vom Weg ab.
Seit also Frau Mittermaier durchblicken ließ, sie würde nicht für Gesine, die Geschlechtsgenossin, stimmen - denn wer sollte dann die karitativen Ämter ausüben? Etwa der Präsidialgatte? Nein, nein, dass wollten wir lieber nicht riskieren! -, war klar: Köhler wird Bundespräsident.

Es ist merkwürdig, dass mir erst jetzt einfällt, dass ich den Mann persönlich kenne. Vor einigen Jahren saß ich mit ihm und seinen Kollegen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes zu »Orientierungsgesprächen« an einem Tisch, so nannte man informelle Treffen, bei denen Möglichkeiten der Zusammenarbeit abgeklopft werden sollten. Ist dann nichts draus geworden, aus der Zusammenarbeit. Was mir vorher schon klar war, allerdings nicht an Herrn Köhler lag.
Ich erinnere mich an Horst Köhler als sehr angenehmen, ruhigen Gesprächspartner, der sich seine Position nie heraushängen ließ. Er sagte nichts Unüberlegtes und ließ sich im Zweifel Details ausführlich erklären, bevor er Stellung nahm. Wie es heißt, ist Köhler ein Mann des Geldes, ein Mann der Wirtschaft. Frau Simonis, schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin, kanzelte Köhler für seine Herkunft sofort ab. Er solle die Klappe halten, meint die Heide. Schließlich sei er nicht der Wirtschaftsminister.

Zwar hat Simonis mit dem zuletzt zitierten Satz ohne Zweifel Recht. Horst Köhler ist nicht der Wirtschaftsminister. Aber er versteht etwas von Kohle. Deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob er nicht wenigstens theoretisch der bessere Wirtschaftsminister wäre. Gottlob steht er ja für dieses Amt nicht zur Verfügung. Ich würde mir aber trotzdem von unserem frisch gebackenen Bundespräsidenten wünschen, er möge sich nicht einschüchtern lassen von dümmlichen Zwischenrufen.
Ich träume von einem Präsidenten, der nicht hauptsächlich seiner Reiselust nachgibt und mit erhobener Grußhand militärische Begrüßungsparaden in Gastländern abschreitet. Mein Traumpräsident wäre deutlich innernpolitischer als seine Amtsvorgänger. Watschentermine, wie der zuletzt und zu spät von Johannes Rau abgehaltene, hätten wir viel häufiger nötig. Die herrschende Klasse, ob nun in Regierung, Opposition oder Wirtschaft handelnd, bedarf dringend einiger präsidialer Tritte in die breit gesessenen, herrschaftlichen Hintern. Denn wer, wenn nicht der Präsident der Bundesrepublik hat die Möglichkeit und das nötige Gewicht, dem Volk auf 's Maul zu schau'n, seinen Grips zusammen zu nehmen und alle hohen Herren und Damen, die die Bodenhaftung verloren haben, wieder zurück in die Realität zu holen?

Ja, einen solchen Bundespräsidenten brauchen wir. Bräuchten wir. - Haben wir ihn vielleicht bekommen, Horst?

Nachtrag: Robert Leicht von der Zeit-Redaktion hält es mehr mit Heide Simonis', weniger mit meinem Standpunkt.

*) Herrn S. muss niemand kennen. Möglicherweise erkennt er sich selbst nach unseren Gespräch vom Wochenende wieder.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1085392651

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