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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Dienstag, 1.6.2004

Die Kehrseite

Europas neue alte Angst

Am ersten Mai wuchs Europa bekanntlich um zehn neue Mitgliedsländer. In vielen der älteren Mitgliedsstaaten wird die Osterweiterung mit gemischten Gefühlen gesehen. Aber auch die neuen Nationen sehen misstrauisch in die gemeinsame Zukunft.

Fast sechzig Jahre ist es nun her, dass Deutsche aus den sogenannten »Ostgebieten« vertrieben wurden. Nach überstürzter Flucht deutscher Familien stand Grund- und Immobilienbesitz in Schlesien und dem Sudetenland zunächst leer und wurde nach Kriegsende durch die Regierungen neuen Eigentümern zugeteilt. Über ein halbes Jahrhundert später entzünden sich nun Anspruchsfantasien: Wem gehören die ehemaligen deutschen Ostgebiete?

Bekannt ist, dass sich deutsche Aussiedler in Landsmannschaften und Vertriebenverbänden organisiert haben, deren Dachorganisation der Bund der Vertriebenen ist. Deren Anliegen war schon immer zwiegespalten. Einerseits betrieb und betreibt man eine Art von Identitätspolitik für eine alternde, immer kleiner werdende Gruppe Heimatvertriebener. Andererseits schreckten die Verbände nicht davor zurück, Forderungen nach Entschädigung oder Rückkehrrechten aufrecht zu erhalten. Erika Steinbach, die Präsidentin des BdV, agiert mit großem Geschick, »terminatorhafter Entschlossenheit« (Zitat), jedoch nicht unumstritten in der deutschen Politik.
Auf der anderen Seite ist ebenfalls bekannt, dass die Bundesrepublik Deutschland längst auf alle territorialen Ansprüche gegenüber Polen und Tschechien verzichtet hat, Grenzverläufe sind unumstritten. Die Bundesregierung »hat damit aber nicht auf individuelle Ansprüche von Deutschen verzichtet«, wie das Bundesfinanzministerium unlängst einem Vertriebenen beschied, der gegenüber dem deutschen Staat Schadenersatz geltend machen wollte (Quelle).

Seit nun Polen und auch Tschechien europäische Staaten sind, wächst bei unseren Nachbarn die Angst. Schließlich sind damit Forderungsklagen deutscher Vertriebener vor dem Europäischen Gerichtshof in nächste Nähe gerückt. Geschürt wird die Angst noch durch eine Organisation, die Ansprüche bündeln und als gemeinsamer Vertreter ganzer Klägergruppen durchsetzen wollen. Dass die Preußische Treuhand ganz offensichtlich noch noch nicht sonderlich professionell organisiert ist - siehe Domainname und Gestaltung ihrer Webpräsenz -, bietet geringen Trost. Allein schon die englische Selbstbezeichnung der Treuhand, die sich sprachlich an die »Jewish Claims Conference« anlehnt, lässt manchem einen kalten Schauer den Rücken hinunter laufen.

Ich selbst bin Nachkomme von Sudetendeutschen, die Eltern meiner Frau wurden aus Schlesien vertrieben. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb möchte ich deutlich machen, für wie entsetzlich ich das gegenwärtige Aufwärmverfahren halte. Völlig perplex nehme ich Äußerungen wie die eines Herrn Alexander von Waldow wahr, der als stellvertretender Vorsitzender der Preußischen Treuhand ungeniert davon spricht, die Deutschen hätten den Krieg wohl begonnen; wer ihn jedoch verursacht hätte, wolle er nicht vertiefen. An die Adresse des derzeitigen Besitzers seines eigenen, ehemaligen Grund und Bodens in Polen gerichtet sagt Waldow: »Er hat Hehlerware gekauft vom verbrecherischen polnischen Staat. Und Hehlerware muss zurückgegeben werden.« (Zitat)
Zwar kann ich wohl verstehen, dass es Menschen gibt, die den Verlust ihres ehemaligen Besitzes bis heute nicht verkraftet haben. Für Jüngere ist es sicher auch schwer nachzuvollziehen, wie sich Vertriebene fühlen, die von heute auf morgen Hab und Gut zurücklassen mussten, nur um die bloße Haut zu retten. Zweifellos ist es furchtbar, aus der Heimat vertrieben zu werden und von den neuen Nachbarn wenig geliebt ganz von vorne beginnen zu müssen. Ich versuche oft, mich in die Gedankenwelt meiner Elterngeneration hinein zu versetzen.
Dass aber auch die Menschen auf der anderen Seite der Grenze gelitten haben, steht ebenfalls fest. Bevor nun eine Diskussion darüber entbrennt, wer mehr erdulden hat müssen, wer grausameres Unrecht erlitten hat, möchte ich hinzufügen, dass dies nun einmal zu den furchtbaren Konsequenzen von Kriegen gehört. Was früher Deutsche, Polen oder Tschechen erlebt haben, das durchleben nun Afghanen, Iraker, Israelis, Kroaten, Palästinenser, Serben, Sudanesen you name it.

Ja, hätten wir nur damals nicht! Hätte nur Bush heute nicht! Hätte, wäre, würde - Der Konjunktiv ist wenig hilfreich beim Lösen von Konflikten und Problemsituationen, die nun einmal zum Status Quo geworden sind. Meines Erachtens können Einigungsprozesse nur dann erfolgreich sein, wenn Verhältnisse schlicht und einfach festgeschrieben werden. Problematisch im globalen Dorf ist allerdings, dass dies nur schwer durchführbar sein wird. Schließlich steht es in Demokratien jedem auch noch so knorrigen ewig Gestrigen zu, seinem Anspruchsdenken Ausdruck in Form gerichtlicher Klagen zu verleihen. Falls nötig vor dem europäischen Gerichtshof. Oder aber vor amerikanischen Gerichten, was ja heutzutage auf Klägerseite sehr modern geworden ist.

Vielleicht ist in Hinsicht auf ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis der Bundesrepublik die Aufnahme der Osteuropäer einfach zwei oder drei Jahrzehnte zu früh gekommen?

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1086079199

Kommentare

vasili, 1.6.2004 um 13:01 h:

mir geht's genauso mit diesen vertriebenen - einerseits kann ich nachvollziehen, wie tief der schmerz und der verlust sitzen. andererseits bin ich davon überzeugt, dass man altes unrecht nicht durch neues wiedergutmachen kann. und die pauschale rückübereignung (die einer enteignung der derzeitigen eigentümer gleichkäme) wäre neues unrecht.

es ist tragisch, dass die brd sich immer noch weigert, offiziell auch auf individuelle ansprüche ihrer bürger zu verzichten. damit trägt sie die alleinige verantwortung für das gespannte verhältnis zwischen deutschland und polen und - viel stärker noch - deutschland und tschechien, das ja erst neulich in einem unsäglich dämlichen gesetz den herr benes betreffend gipfelte. tatsächlich kommt die n-eu-e nachbarschaft gerade zu tschechien ein paar jahre zu früh. das beweist aber traurigerweise lediglich, wie unreif dieses land und seine regierenden immer noch sind.

Ulf, 2.6.2004 um 7:18 h:

Geht das überhaupt? Rein rechtlich gesehen? Ein Staat verzichtet auf individuelle Forderungen seiner Bürger gegenüber Bürgern anderer Staaten?

Aber angenommen, Deutschland würde rechtsgültig im Namen seiner Vertriebenen den Verzicht erklären. Dann stünden dem Staat wahrscheinlich augenblicklich Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe ins Haus. Nach Angaben des Bundes der Vertriebenen wurden 15 Millionen Deutsche vertrieben, von denen immerhin 2 Millionen im BdV organisiert sein sollen. Obwohl die Mitgliedschaft nicht auf Vertriebene eingeschränkt wird, ist anzunehmen, dass die Mitgliederzahlen in den beiden kommenden Jahrzehnten merklich sinken wird. Wer in den ehemaligen Ostgebieten geboren wurde, also diese mit Fug und Recht seine Heimat nennen könnte, auch wenn er bereits als Kleinkind ausgebürgert wurde, ist heute mindestens 60 Jahre alt. unter Berücksichtigung des durchschnittlichen Sterbealters dürften vom ursprünglichen Kern der Vertriebenen spätestens 2030 nur mehr vereinzelte Methusalems übrig bleiben.

Mir scheint, die Bundesregierung spielt auf Zeit. Möglicherweise gibt es zur Taktik des Aussitzens auch gar keine Alternative, wenn man beabsichtigt, Wahlen zu gewinnen? - Nach dem Motto: Streue Strohhalme in alle Richtungen, sage aber um keinen Preis etwas Verbindliches; dann wählen dich womöglich je zwei Drittel aus allen Lagern.

vasili, 2.6.2004 um 10:11 h:

ja, das geht - mit der von dir bereits geschilderten folge: der bund wäre schadenersatzpflichtig.

Ulf, 2.6.2004 um 20:49 h:

Nachlese im Netz - Sieht man sich ein wenig im Netz nach Material zu den Vertriebenenverbänden um, fällt rasch auf, dass die Bündnisse Heimatvertriebener mal mehr, mal weniger in die Nähe des Rechtsradikalismus gedrängt werden:
- Wolfgang Ullmann (Freitag 37): Wir haben hier keine bleibende Statt
- IDGR: Vertriebenenverbände
- Peter Nowak (Junge Welt): Tendenziöse Absicht
- Samuel Salzborn (Hagalil): Deutsche zuerst

Dieses Abdrängen geht mir persönlich eigentlich ein bisschen zu weit, wenn ich an einzelne, mir bekannte Personen denke, die in solchen Verbänden organisiert sind. Andererseits: die Website etwa des hessischen Landesverbandes des Bundes der Vertriebenen mutet in Gestaltung und Gehabe durchaus ein wenig »bräunlich« an

vasili, 2.6.2004 um 21:28 h:

"wo der eine russische soldat mit plünderungsrecht gewütet hatte, befriedigte der pole seine wilden rachegelüste in tierischer weise."

(bdv hessen -> historisches -> die heimat -> schlesien)

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