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Montag, 7.6.2004

Smart People

Zwanzig Jahre clevere Karten?

Kürzlich war einer Presseverlautbarung der Firma Infineon zu entnehmen, dass man dem Geschäft mit der »Smart Card« eine herausragende Zukunft vorhersage. Wieder einmal wird das alte Thema aufgewärmt. Plastik im Format einer Scheckkarte soll - mit dem immer wieder als Wunderding gepriesenen Silikonspeicher versehen - der Technologiebrache auf die Sprünge helfen. Ob die Prophezeiung diesmal eintrifft?

Mutter aller ChipkartenWir erinnern uns. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre führte die Deutsche Bundespost nach Feldversuchen 1984 die Telefonkarte mit Speicherchip ein. Methusalems unter den Lesern erinnern sich vielleicht: In der Prä-Handy-Steinzeit, als es noch mannshohe, gelbe Kisten am Straßenrand gab, die »Telefonzellen« genannt wurden, konnte man in den Zellen mit Hilfe der Plastikkärtchen Telefonate führen. (Echt jetzt?)
Zehn Jahre später, im Januar 1995, ersetzten die Krankenkassen den Krankenschein aus Papier durch »Krankenversichertenkarten«, mit denen man sich bis heute beim Doktor identifiziert. Auch bei diesem Chip handelt es sich um einen reinen Speicherchip, dessen Vorteile gegenüber einem Magnetstreifen grob gesagt im Schreibschutz bestimmter Speicherbereiche liegt.

Wirklich clevere Karten gab es erst in den Neuzigern, als Chipkarten für den Betrieb von Mobiltelefonen eingesetzt wurden und Banken »elektronisches Bargeld« herauszugeben begannen, das etwa in Deutschland auf dem Prozessorchip der GeldKarte gespeichert wird. Erstaunlicherweise ist die Resonanz auf die Möglichkeiten, die die GeldKarte bietet, bis zum heutigen Tag mager geblieben. Nur wenige nutzen das von Wechselgeld befreite Bezahlen im Handel und an Automaten. Tatsächlich bieten zwar Parkhäuser, etwa in der Rhein-Main-Region, niedrigere Tarife bei Nutzung der GeldKarte an. Doch das Angebot wird selten genutzt.
Was aus den seit Jahren als Wunderwaffe zur Akzeptanzsteigerung gepriesenen Zusatzapplikationen (PDF!) wird, steht in den Sternen. Angedacht und in Pilotprojekten getestet wurden das elektronische Ticket, das auf dem Speicher des Kartenchips abgelegt werden soll, oder das Alterskennzeichen im Speicher der GeldKarte, mit dem der Zigarettenkauf am Automaten auf Erwachsene einschränkbar sein könnte.

Schlaues Silikon unter der GoldkappeEinerseits könnten solche Anwendungen dem Bürger ohne Zweifel Erleichterung bescheren; vor allen Dingen dann, wenn auf einem Chip - also auf einer einzigen Karte! - verschiedenartige Datensammlungen kombiniert würden. Technologiefreaks träumen längst von der Scheckkarte als Ausweis für den Zugang zu Bankgeschäften aller Art, Personalausweis, Führerschein, Verkehrs-, Museums-, Kinoticket und Krankenversicherungskarte in einem. An derlei Wunderwerk müssen Jürgen Dethloff und Roland Moreno gedacht haben, die sich lange Zeit um die Ehre der Erfindung der Chipkarte Ende der sechziger Jahre stritten. Ihre Auseinandersetzung ist seit Dethloffs Tod am letzten Tag des Jahres 2002 beendet, die Fantasien um die Zukunft der Karte dauern an.

Was so mancher als ultimative Errungenschaft sehnsüchtig erwartet, ist anderen eher ein Dorn im Auge. So viele Daten auf einem Speichermedium? Was passiert, wenn man das Ding verliert? Wer liefert Ersatz für das elektronisch gespeicherte Jahresticket der Bahn, wer die Kinokarte für die Vorstellung am kommenden Wochenende? Bekommt man seine Ersatzkarte bei der Bank? Oder beim Einwohnermeldeamt?
Auch Misstrauen gegenüber einer Anbietergemeinschaft auf einer Karte nährt die Ablehnung. Kann die Krankenkasse etwa nachsehen, wieviele Zigarettenpäckchen ich in den vergangenen Monaten gezogen habe?

Hinzu kommt eine nicht verstummende Technologiedebatte. Verkehrsverbünde liebäugeln mit einer kontaktlosen Karte, die ählich wie Skipässe auf Entfernung gelesen werden kann. Dadurch versprechen sie sich höheren Durchsatz beim Ein- und Aussteigen der Passagiere. Wer aber garantiert, dass die kontaktlose Technologie nicht auch für höheren Umsatz im Handel sorgt? Muss der arglose Schaufensterbummler nicht damit rechnen, beim Besuch im Einkaufszentrum mit kontaktlosen, elektronischen Langfingern Bekanntschaft zu machen, die ihm im Vorübergehen ohne Gegenleistung den letzten digitalen Cent aus der GeldKarte ziehen?

Die Interessen aller Beteiligten an einem solchen Kartensystem sind kaum unter einen gemeinsamen Hut zu bringen. Deshalb wird wohl im Januar 2006 die Wachablösung in der Krankenversicherungsbranche ohne jede Beteiligung Dritter starten. Die neue »Gesundheitskarte« soll zum Beispiel eingenommene Arzneimittel, Blutgruppe, Allergien, chronische Erkrankungen und Rezepte enthalten, die Arzt und/oder Apotheker mit eigenen Spezialkarten lesen werden können.
Wir dürfen gespannt sein. Worauf? - Das mag sich ein jeder selbst ausmalen. Vielleicht erleben wir ein »Disease Collect« mit ähnlich desaströsem Ablauf wie bei der Autobahnmaut. Oder aber wir lernen ein völlig neues Patientengefühl kennen, das den Arztbesuch zum Erlebnis werden lässt.

Fest steht nur eines: Ein paar wirklich smarte Leute werden mit Smart Cards viel Geld verdienen.

Update 2007: Der Geldautomat zu Hause

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Zwanzig Jahre clevere Karten?
Mein Haus, mein Auto, mein Boot (26.5.04)

UB

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Kommentare

andreas, 8.6.2004 um 10:48 h:

Wirklich tolle Zusammenfassung des Themas und ein paar sehr interessante Frage die du hier aufgeworfen hast. Auf der einen Seite sind Plastikkarten, die unbegrenzten materiellen Zugang zu allen Arten von Konsumgütern bieten, ja wirklich ein Segen, aber andererseits ist die Zusammenlegung von Daten (nach Interessengemeinschaften?) sehr beängstigend ... meine KK könnte ja dann möglicherweise das Risiko meiner, mehr oder weniger gesunden, Ernährungsweise analysieren und danach meinen 'schwindelerregend hohen' neuen Beitragssatz ermitteln ... allerdings habe ich (gerade mal gezählt .. ) jetzt schon 12 smarte Plastikkarten in meiner Brieftasche ... vielleicht können wir an dem Boom der Smart Cards auch noch profitieren, indem wir ein neues Berufsbild kreieren .. den Smart Card Träger ... den verschwiegenen, stets in der Nähe weilenden und 'smarten' Begleiter, der mit konzentrierter Muskelkraft ihre Smart Card Sammlung trägt?

Ulf, 8.6.2004 um 20:24 h:

Oh, es gibt da durchaus ernst gemeinte alternative Gedanken zu deinem »Smart Card Träger«. Der energetische Aufwand für Rechenoperationen in den smarten Chips ist so gering, dass er bei der kontaktlosen Technik über Induktion eingespeist werden kann. Es gibt Leute, die Kartenverlust oder -diebstahl tatsächlich durch Körperimplantate vorbeugen wollen.
Der Mensch der Zukunft bewegt sich dann mit dem Chip unter der Haut durch die Gegend, wie von Zauberhand öffnen sich Haus- und Autotüren, der Geldautomat spuckt auf Knopfdruck Bares aus, denn Kontodaten liest er vom Chip, die Identität prüft er über Irisscan oder Vermessen der Gesichtsgeometrie.
Ein Albtraum? - Wohlgemerkt: Das Szenario ist keine Zukunftsmusik, sondern entspricht dem gängigen Stand der Technik. Bisher haben wohl nur ethische Bedenken dafür gesorgt, dass solch feuchter Technikertraum noch nicht Realität ist

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