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Mittwoch, 16.6.2004

Gibt es nur ein Rudi Völler?

Ein Fußballsoziogramm

Wie man so sagt, bekommt ein Volk immer die Regierung, die es verdient. Dieser Leitsatz gilt aber nicht nicht nur in Bezug auf die Politik, sondern auch für die Nationalelf und deren Trainer. Der Fußball als Spiegel der gesellschaftlichen Befindlichkeit.

Lasst uns gleich nach dem zweiten Weltkrieg einsteigen. Sowohl Konrad Adenauer, als auch Sepp Herberger hatten bereits unter dem nationalsozialistischen Regime erste Meriten verdient. Doch nach Kriegsende marschierten die zwei Konservativen stramm neuen Zielen entgegen. Zusammengefasst: Das »Wirtschaftswunder von Bern« nahm seinen Lauf.
Zwanzig Jahre danach erlebte Deutschland seine sozialdemokratische Blüte. 1974 stand nicht nur der Wechsel zwischen zwei charismatischen, roten Kanzlern an, Willy Brandt und Helmut Schmidt. Unter dem höchst liberalen Bundestrainer Helmut Schön - was für ein Name! - stauchte der spätere Teamchef Beckenbauer seine Kollegen derartig zusammen, dass sie gar nicht anders konnten, als erneut den Weltmeistertitel zu holen. Der Kaiser, Bomber Müller, die Intellektuellen Günther Netzer und Paul Breitner - Deutschland, Deutschland über alles.

Doch dann machte sich Behäbigkeit breit in Deutschland. Die Duzfreunde Helmut Kohl und Berti Vogts regierten Deutschland und wollten gar nicht mehr damit aufhören. Irgendwann haben wir dann aber doch das Führungsduo gewechselt. Es gibt nur ein Gerhard Schröder; und nur ein Rudi Völler. Unter ihrer Ägide besinnt sich Deutschland wieder seiner Primärtugenden, oder wie war das nochmal?
Deutschland, das Land des Temperaments, der Leidenschaft, der Weltoffenheit? Brasilianischer Brillanz, französischer Eleganz? - Nein, das trifft es wohl nicht so ganz. Eher schon müssen wir auf Blut, Schweiß und Tränen zurückgreifen. Arbeiten, Durchackern, die Zähne zusammen beißen! - Ja, das sind wir: Deutsche auf dem Rasen und im Geiste.

Deutschland-Holland bei der Europameisterschaft 2004Vielleicht liegt es ja an unserem Zwang zur Härte, uns selbst und anderen gegenüber, dass auch gestern, zur Begegnung Deutschland-Holland auf der Europameisterschaft in Portugal, wieder kriegerische Töne angeschlagen wurden. Ruud van Nistelrooy, auf dem Bild in der Mitte, wies vor dem Spiel wieder einmal auf die nötige Wiedergutmachung der Kriegsgräueltaten hin. Als die deutsche Elf dann recht imposant gegen die Oranjes auftrumpfte, zumindest in der ersten Halbzeit, tönte von den Rängen der deutsche Schlachtenruf: »Sieg! - Sieg! - Sieg!« (Glücklicherweise wartete ich vergeblich auf den zweiten, historisch negativ behafteten Teil des Ausrufs.)

Krieg und Sieg, das reimt sich. Doch gestern trennten sich die beiden feindlichen Nachbarn auf dem portugiesischen Schlachtfeld einträchtig mit einem 1:1 Unentschieden. Beobachter von After-Match-Parties berichteten übereinstimmend, dass auch unter den Schlachtenbummlern beider Mannschaften stresslos und bierselig nachtarockt wurde. Auch wenn auf beiden Seiten ein wenig wehmütig die traurigen Klänge des portugiesischen Fado mitgesummt wurden.

Blicken wir in die Zukunft. Wir brauchen Hoffnung, Visionen! - Welches Polit-Fußball-Gespann wird Schröder-Völler wohl ablösen? Es stimmt schon: Es gibt nur ein Rudi Völler. Aber an der Schwelle der kommenden Epoche lauern bereits Angela Merkel und die Fußball-Weltmeisterin Birgit Prinz.

UB

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