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Donnerstag, 17.6.2004

Ein offener Brief

Liebe Frau Post!

Eigentlich hätte ich Ihnen gerne einen persönlichen Brief geschrieben. Aus zwei sehr unterschiedlichen Gründen musste ich jedoch davon Abstand nehmen. Zum einen weiß ich nicht, welche Vornamen sich hinter Ihren Initialen A und G verbergen, und konnte daher Ihrer Anschrift nicht habhaft werden. Der zweite Grund für die Wahl eines offenen Briefes ist gleichzeitig auch Anlass meines Schreibens: Die Wegstrecke, die ich hätte zurücklegen müssen, um einen Brief im Umschlag auf den Weg zu bringen, ist mir ganz ehrlich gesagt zu beschwerlich.

Vor über einem Jahr haben Sie sich dazu entschlossen, die Zweigniederlassung Ihres Büros in unserem Stadtteil aufzugeben. Ihre Entscheidung kam zwar nicht unerwartet und wurde von uns letztlich gar mit großer Freude aufgenommen. Denn die Bereitschaft Ihrer ehemaligen Angestellten, Dienst am Kunden zu leisten, war schlicht und einfach nicht vorhanden. Ihr Ersatzangebot stellte sich um ein Vielfaches kundenfreundlicher heraus. Dafür nahmen wir sogar die Irritation in Kauf, die uns befiel, als wir feststellen mussten, dass Ihre neuen Angestellten gar keine solchen waren. Es handelte sich nämlich um die Betreiber eines Büroartikelladens, die Sie, Frau Post, als freie Mitarbeiter unter Vertrag genommen hatten.

Nach weniger als einem Jahr kristallisierte sich heraus: Büroartikel gab es immer weniger zu kaufen in dem betreffenden Laden. Dafür wurden wir mit immer längeren Warteschlangen beglückt, wenn wir einmal die Dienste Ihrer Mitarbeiter in Anspruch nehmen und ein Paket aufgeben oder eine Briefmarke erwerben wollten.
Glücklicherweise haben Sie wenigstens nur den Briefkasten in unserer Straße abmontieren lassen. Der noch immer vorhandene Kasten neben dem neuen Postladen ersparte uns zumindest das Ausharren in der Warteschlange, wenn wir passendes Porto zu Hause hatten.

Was soll ich sagen, Frau Post. Wir hatten uns mit Ihrem neuen Service arrangiert. Aber seit Sie vor ein paar Tagen ohne Vorankündigung auch Ihre neue Zweigstelle schließen ließen, sind wir doch ziemlich irritiert. Denn auch im benachbarten Stadtteil hatten Sie Ihre Filiale längst »gedownsized«, so sagt man dazu wohl. Dort übernahm ein italienischer Obst- und Gemüsehändler die Aufgabe, Päckchen und Briefe entgegen zu nehmen.

Können Sie sich vorstellen, Frau Post, was seit ein paar Tagen im Obstladen los ist? Ganz abgesehen davon, dass der Salat in der Zeit welk wird, die man benötigt, um vom Ende der Schlange Kauf- und Versendelustiger bis an die Theke zu gelangen, ginge es auch noch bedeutend schneller, seine Sendung eigenhändig von hier etwa ins vierhundert Kilometer entfernte München zu bringen, als die Dienste Ihres Kartoffelmannes abzuwarten. Selbst wenn ich für den Transport die Waggons Ihrer Schwester, der verehrten Frau Bahn, in Anspruch nähme, kämen ich und mein Versandgut schneller an unser Ziel. Und das will schon etwas heißen!

So geht es einfach nicht, Frau Post. Das werden Sie doch sicher einsehen. Ich möchte Ihnen gerne meinen Vorschlag zur Lösung Ihres logistischen Problems unterbreiten. Warum drehen Sie den Spieß nicht einfach um? Statt reihenweise Kleinunternehmer in den Ruin zu treiben, die das erforderliche Dienstleistungsniveau nicht halten können, machen Sie Ihre kürzlich geschlossenen Zweigstellen wieder auf. Verkaufen Sie neben den Versandprodukten einfach auch Büroklammern, Papier, Klebstoff, Äpfel, Lauch und Pilze. Vielleicht erweitern Sie gar die Angebotspalette? Unter uns gesagt, meine Geheimtipps wären: Röstkaffee und Treibstoffe für Kraftfahrzeuge!
Dadurch rentabilisieren Sie Ihr Geschäft ohne Zweifel pfeilschnell. Schließlich sind Sie Ihre teuren und faulen Beamten schon los. Stellen Sie dafür billige Bankrotteure aus dem Papierfach- oder Obsthandel ein. Die verlangen kaum Lohn, da ihnen sowieso jeder Eurocent gepfändet würde, der oberhalb des Existenzminimums läge.
Stellen Sie sich an die Spitze einer neuen, Erfolg versprechenden Bewegung, Frau Post: »Insourcing« lautet das Schlagwort!

Geben Sie sich einen Ruck, Frau Post. Denn handeln Sie nicht, dann werden wir, Ihre Kundschaft, es tun: Wir nehmen die Beine in die Hand und laufen. Davon. So weit die Füße tragen. Auf nimmer Wiedersehen!

Mit den besten Grüßen,
Ihr Ulf Brossmann

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1087480215

Kommentare

van, 17.6.2004 um 19:05 h:

das wird nichts nutzen..aus eigener leidvoller erfahrung.. seufzz..

ich warte seitdem sehnsüchtig auf entsprechende konkurrenzunternehmen. hmpf

Ulf, 19.6.2004 um 10:02 h:

Ich züchte ja zu Hause Revoluzzer. G-mail, sozusagen: »generation mail«. Die hatte schon im zarten Alter von einem Jahr ein eigenes E-Postfach und braucht keine Briefumschläge mehr aus Papier. Und keine Briefmarke. Und keinen Postkasten. Und für haptische Ware gibt es (noch oder schon?) eine Filiale vom Flügelfußmann gleich um die Ecke. - Jawoll. Ich schmoll'.

Claudia, 4.7.2004 um 0:27 h:

... hat Frau Post gegenüber (sie verkauft auch Lottoscheine und Kippen und Bob der Baumeister Hefte und ganz wichtig die Bildzeitung).
Fahre trotzdem zu einem Paketdienst und nutze email.
Frau Post nur wenn gar nicht anders möglich.

Grüße sie aber trotzdem immer freundlich ,-)

Max, 7.9.2004 um 21:00 h:

Frau Post hat 500 m von mir noch ein eigenes
Büro! Wenn ich vorbeigehe, kaufe ich hin und wieder eine Briefmarke, dami es uns noch lange erhalten bleibt!
Da ich sonst e-maile, fange ich jetzt an, Briefmarken zu sammeln....

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