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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Dienstag, 20.7.2004

Überlebensfrage

Heute vor sechzig Jahren scheiterte der Versuch eines Attentats auf Adolf Hitler. In einer Aktentasche versteckt hatte Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine Bombe in einem Besprechungsraum auf der »Wolfsschanze« deponiert. Der Sprengsatz explodierte, es gab einige Tote und schwer Verletzte; doch Hitler selbst kam mit ein paar Kratzern davon.

Über die Gründe des Fehlschlages wurde viel spekuliert. Hatte Stauffenberg seine Aktentasche selbst hinter einem schweren Eichenfuß des Kartentisches abgestellt? Hat sie einer der Anwesenden umgestellt, nachdem der Attentäter den Raum verlassen hatte? Das Schicksal jedenfalls meinte es gut mit Adolf Hitler. Er kam mit dem Leben davon, die Verschwörer wurden aufgespürt und exekutiert.

Adolf Hitler nach dem AttentatDie Ereignisse am 20. Juli 1944 werfen Überlegungen in gewaltigen Dimensionen auf. Wäre das Attentat damals erfolgreich verlaufen, befänden wir uns heute wohl alle in anderen Situationen. Wie oft habe ich schon überlegt, wo ich selbst mich heute befände, wäre der Führer vor sechzig Jahren pulverisiert worden?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie oft ich mir die Frage gestellt habe, und ich weiß nicht, wo ich jetzt wäre. Aller Wahrscheinlichkeit nach gäbe es mich überhaupt nicht. Hätte die Gruppe um Stauffenberg das Ruder herum gerissen, wäre es ihnen gelungen, durch sofortige Kapitulation den Vormarsch der aliierten Truppen an allen Fronten zu stoppen, dann wären die Familien meiner Eltern vielleicht niemals aus ihrer Heimat in Böhmen ausgesiedelt worden. Mutter und Vater hätten sich nicht Jahre später fern ihrer Ursprünge im bayerischen Städtchen Freising getroffen, geschweige denn geheiratet und Kinder gezeugt. - Insofern war Hitlers Überleben direkt gekoppelt an mein eigenes.

Nur deshalb bin ich überhaupt in der Lage, Überlegungen zu den historischen Ereignissen anzustellen. Heute werden die tragischen Helden des 20. Juli aller Orten offiziell und offiziös gefeiert. So schlecht sind wir Deutschen also doch nicht. Unsere Kollektivschuld wird zumindest geschmälert durch den Wagemut einiger weniger, die versucht hatten, dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Und überhaupt: Es waren doch alle irgendwie gegen Hitler. Auch wenn sich kaum einer zu mucken traute.

Was Deutsche damals tatsächlich dachten, wie sie fühlten, ist aus meiner Sicht kaum mehr nachvollziehbar. Walter Kempowski macht in der Zeit einen Versuch, mit Hilfe eines Mosaiks von Frontbriefen und -dokumenten, ein Gewissensspektrum nachzuzeichnen. Ob in solchen Brieflein aber tatsächlich auch immer die eigene Sichtweise offenbart wurde, ist zweifelhaft.
Meine Eltern waren damals zu jung, um eigene Ansichten haben zu können. Die Großeltern sind fast alle verstorben, nur eine Großmutter lebt noch. Leider kann ich sie nicht mehr nach der Vergangenheit befragen. Sie ist seit ein paar Jahren zwar intensiv in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts abgetaucht, lebt aber lediglich an der historischen Oberfläche; ihr Haus, ihre Nachbarn, ein Pläuschchen hier, eines dort, das alles kann sie im Detail wiedergeben. Aber politische Hintergründe und eigene Ansichten sieht sie nicht mehr. Oder will sie gar nicht sehen, beziehungsweise erzählen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Generation der damals jungen Erwachsenen über Jahrzehnte hinweg mit einer gewaltigen Barriere im Kopf gelebt hat. Ständig auf der Hut musste sie sein, bloß keinen Fehler machen und im Nachhinein von ihrer Verehrung für den Führer berichten.

Wes Geistes Kinder - beziehungsweise Enkel - wir sind, wird im Dunkeln bleiben. Ich finde mich also am Besten mit der Tatsache ab, das Produkt einer aberwitzigen Wendung des Schicksals zu sein, und bohre nicht weiter im braunen Lehm einer Vergangenheit, die ich sowieso nicht im Nachhinein ändern könnte.
Danke, Herr Stauffenberg, dass Sie es versucht haben. Und danke auch dafür, dass Sie es nicht geschafft haben. Denn eigentlich bin ich ganz zufrieden mit mir und meiner Existenz.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1090311997

Kommentare

Kristof, 20.7.2004 um 16:25 h:

Auf jeden Fall ist mir ein Deutschland, welches diesen Krieg nicht komplett verloren hätte (und evtl. den Holocaust hätte vertuschen können) mit "Halbnazis" und Militaristen an der Macht, ein sehr gruseliges Szenario. Die ernormen Opfer bis zur finalen Niederlage waren evtl. nötig, um überhaupt einen halbwegs friedlichen Neuanfang zu ermöglichen. Ein Putsch kontraproduktiv ? Ein zynischer Gedanke ist dies natürlich auch insbesondere in Anbetracht des Holocaust.

Dennoch finde ich es wichtig, die Attentatsveruche ins Bewusstsein zu holen, um zu verdeutlichen, dass man auch in dieser Zeit zum Entschluß kommen konnte, Widerstand zu leisten. Es kann nicht alleinige Ausrede sein, dass ja alle sowas von geblendet und verführt waren.

Verstörendes Thema ...

Ulf, 20.7.2004 um 18:03 h:

Verstörend auf jeden Fall. In Anne Franks Tagebuch findet sich eine Sequenz, in der davon die Rede ist, das Attentat hätte die Geschichte völlig auf den Kopf stellen können. Sie schreibt davon, dass Deutschland sich gerade noch rechtzeitig aus der Affäre hätte ziehen können, um dann später erneut aufrüsten und einen weiteren Krieg anstiften zu können.

Und dies von Anne Frank …

Claus, 20.7.2004 um 20:00 h:

Deutschland hätte den Krieg auch noch komplett verloren, wenn der Putsch gelungen wäre. Die bedingungslose Kapitulation war bereits gerfordert und nicht mehr abzuwenden. Auch der Holocaust wäre bis zum letzten Gramm aufgearbeitet worden. Alleine, um der aufgebrachten Hitlerjüngerschaft etwas entgegensetzen zu können: die einzige 1944 erkennbare innerdeutsche Rechtfertigung für den Putsch der Offiziere.
Stalins Position wäre bei den folgenden Verhandlungen der Siegermächte geschwächt worden. Churchills vermutlich gestärkt. Roosevelt/Churchill statt Truman/Attlee gegen Stalin, Josef. Wäre vermutlich für nicht eben wenige Europäer die bessere Lösung gewesen. Und Japan, nun, Japan wär vermutlich von den Atombomben verschont geblieben, wenn sich Stalins Horden und die angloamerikanischen Ressourcen ein Jahr früher mit voller Kraft Nippons angenommen hätten.
Und der Putsch selbst: bei den ganzen Offizieren ist es schon bedauerlich, dass sich nicht mal einen von denen einen Einheit geschnappt hat, um selbst des Radios und der NS-Größen in Berlin habhaft zu werden. Das hätte vermutlich selbst der Hauptmann von Köpenick besser organisiert. Tut meiner Bewunderung für die Courage der Beteiligten natürlich keinen Abbruch.

Ulf, 20.7.2004 um 23:11 h:

»Stalins Position wäre bei den folgenden Verhandlungen der Siegermächte geschwächt worden«? - Eventuell hätten dann die deutschen Revanchistenverbände zum Thema Rückübereignung der ehemaligen Ostgebiete heute nichts zu bemängeln. Einzufordern. Nachzutarocken.

Das hatten wir doch erst letzthin? Richtig: Europas alte neue Angst!

Claus, 21.7.2004 um 0:04 h:

Unsere ewig Unbelehrbaren hatte ich eigentlich nicht vor Augen. Eher die Ungarn, Tschechen, Slovaken, Polen, Bulgaren, Rumänen etc. die erst nach Sommer '44 unter die sowjetische Knute kamen.
Andererseits sehe ich auch nichts verwerfliches daran, über eine Welt ohne Vetreibung von Polen und Deutschen nach '45 zu sprechen.

vasili, 21.7.2004 um 17:15 h:

@claus: stalins horden?

Claus, 21.7.2004 um 18:35 h:

Horde:
[türkisch ordu, "Heerlager"],ungeordnete Schar.
a) die sowjetische Führung nahm bei Angriffen auf eigene Verluste keine Rücksicht. Im Kampf um Berlin lieferten sich zwei eitle sowjetische Generäle sogar untereinander Gefechte, nur um ja als erster Berlin zu erobern.
b)fragen Sie bitte die momentan austerbende Großmutter-Genaration aus den ostdeutschen Ländern nach den magischen Wörtern "Komm, Frau".
Ich würde natürlich auch ohne zu Zögern im Zusammenhang mit Unternehmen Barbarossa von deutschen Horden sprechen.
Just for the record.

vasili, 21.7.2004 um 19:24 h:

in kriegen werden verbrechen begangen, hüben wie drüben. mich wunderte nur die unterscheidung zwischen horden und ressourcen. aber geschichte wird von siegern geschrieben, was auch wieder vieles erklärt.

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