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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Freitag, 27.8.2004

Music is My Best Friend

Vom Holz zur Harfe

»Hier geht keiner so weg, wie er gekommen ist.«
(Frank Sievert, Harfenbauer)

Warum ich so lange gezögert habe, über meine Sommerbeschäftigung zu schreiben, weiß ich selbst nicht so genau. Seit einer Woche bin ich wieder zurück vom Harfenbau im Wendland. Mit Harfe. Keine »Stradilusche« also. Erfolgreich entgegen allen Bedenken und trotz zweier anstrengender Wochen.

Ein Haufen HolzEin Erholungsaufenthalt war die Angelegenheit nicht. Einen Haufen Holz bekamen wir vorgelegt, zusammen mit dem Versprechen, dass alles gar nicht so arg würde, wie es zu Anfang aussähe. Mit Sägen, Raspeln, Feilen und Schleifpapier rückten wir dem Blöcken und Latten zu Leibe, bis Schweiß floss und die Hände schwielig wurden. Wenn geleimt wurde und Einzelstücke aushärten mussten, konnte es abends schon mal länger dauern, bis wir alle Werkstücke vorbereitet hatten und erschöpft in die Federn sinken konnten. Wochenendpausen gab es auch keine, wir arbeiteten vierzehn Tage ohne Ablenkung an den Instrumenten.
Aber als die zweite Woche anbrach, begann unser Werk Konturen anzunehmen. Vorbei war das unbestimmte Gefühl, Sisyphusarbeit zu leisten, ohne voranzukommen.

Klangkörpers EntstehenVon da an flogen die Tage vorüber. Immer näher rückte der Tag der Abreise, das Ärgste stand aber noch bevor. Nach der »Geburt der Harfen« - es heißt, eine Harfe erblickt das Licht der Welt, wenn die erste Saite aufgezogen ist und das Instrument erklingt - müssen zum Erzeugen von Halbtönen für den Wechsel zwischen den Tonarten die Halbtonklappen aufgesetzt werden, sozusagen die schwarzen Tasten der Harfe. Dies ist, gelinde gesagt, eine ziemlich frickelige Aufgabe, die Kraft in den Fingern, ein gutes Gehör, viel Geschick und hohes Arbeitstempo erfordert. Bei der Arbeit an den Halbtonklappen habe ich einen zurückhaltenden, pensionierten Schweizer Lehrer Worte brüllen hören, die ich zwar nicht verstand, jedoch schreckliche Assoziationen weckten.

Holz, Käseleim und ReifenschläucheFertig wurden wir trotz aller Widrigkeiten alle. Am letzten Tag packten wir unsere vier Harfen ein und machten uns schweren Herzens auf die Heimwege.

Ich gestehe, dass mir selten ein Abschied so schwer gefallen ist wie der vom Baukurs. Ich weiß nicht genau weshalb. War es meine Liebe zur Arbeit mit Holz? Lag es an den Gastgebern, an Frank mit Statur und Gemüt eines Grizzlybären und an Tanja, der unerschütterlichen Mutter von fünf Kindern, Meisterköchin und Frohnatur? Waren es die Abende am Lagerfeuer unter Sternenhimmel, fern von den Ablenkungen einer Großstadt? Bannten mich die improvisierten Sessions, bei denen wir mit Harfen, Flöten, Geige, Akkordeon und Dudelsack irische Lieder spielten (»grandiosen Lärm« hätte es Kristof wahrscheinlich genannt)? Erfolg bei Unbekanntem ist bekanntlich ein großartiger Animationsfaktor. Damit meine ich nicht unbedingt den erfolgreichen Bau eines Instruments; ein Didgeridoo zu spielen, ist nämlich gar nicht so schwer, wie ich angenommen hatte. Tolle Sache, das!

Kritische Blicke des MeistersVielleicht sorgte aber auch die offene Art von Frank Sievert, mit seinen Gästen umzugehen, für Wohlgefühl. Die färbte ab, und von der zwanzigjährigen Studentin bis zum Rentner behandelten sich alle Anwesenden mit Respekt, äußerten aber auch schon mal deutliche Worte. Wahrscheinlich liegt es an meiner Tätigkeit in einem internationalen Großkonzern, dass ich vergessen zu haben scheine, wie es funktioniert, mit Fremden vertrauensvoll und freundlich an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Diese Erfahrung wirkte auf jeden Fall sehr fruchtbar auf meinen Gemütszustand.
Eventuell trug auch die ungewohnte Unabhängigkeit während meiner Reise zu meinen positiven Gefühlen bei: seit Jahren einmal ohne Familie unterwegs zu sein, nicht Verantwortung für andere mittragen zu müssen, sich einmal schlicht und einfach, ohne Reue auf sich selbst konzentrieren zu können.

Jetzt können es nur noch Harfen werdenBedenke ich es recht, sind wohl alle aufgeführten Umstände Gründe für die Wehmut, mit der ich nun an die Zeit im Wendland zurückdenke.
Ich wünsche mir eigentlich nichts sehnlicher, als die neuen Erfahrungen vom Alltagstrott nicht verschütten zu lassen. Hoffentlich gelingt es mir, die Frische der Eindrücke über lange Zeit hinweg zu konservieren und Gelerntes nicht klammheimlich wieder zu vergessen.
Aus heutiger Sicht wäre es ein persönliches Debakel, wenn ich die Zeit mit den Harfen eines Tages überhaupt nicht mehr aus dem Gedächtnis abrufen könnte.

Die »schwarzen Tasten«Frank hatte schon Recht: »Hier geht keiner so weg, wie er gekommen ist.«
An den Veränderungen von Schwerpunkten und neuen Grundeinstellungen wird es liegen, dass es mich viel Kraft gekostet hat, mich wieder in mein alltägliches Leben zu integrieren; dass ich bis zum heutigen Tag gebraucht habe, mich hier wieder zu Wort zu melden. Was sollte ich auch schreiben? Ich weiß auch jetzt noch nicht, ob es mir gelingt, den Lesern wenigstens in Ansätzen nahe zu bringen, was mir so wertvoll erscheint. Wahrscheinlich wird sich die eine oder der andere im Stillen sagen: Wieder so ein Bürohengst, der in voller Midlife Crisis nach dem Strohhalm des Aussteigens greift; einer, der angesichts der Unerträglichkeit des echten Lebens das Heil im Gegenteil dessen sieht, mit dem er tagtäglich konfrontiert ist.

ÄolsharfenTatsächlich habe ich selbst auch an diese Hintergründe gedacht, bin aber zum Schluss gekommen, dass sie nicht zutreffen. Weder will ich aussteigen, noch bin ich unzufrieden mit meinem Schicksal. Ich möchte lediglich eine der schönsten Zeiten meiner Erinnerung festhalten und so lange wie möglich von ihr zehren. Leben heißt lernen. Ein dämlicher Spruch, aber nie so wahr wie heute.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Die Harfe klingt einfach himmlisch.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1093641433

Kommentare

Sven [@], 28.8.2004 um 19:31 h:

Sehr aufbauender Artikel. Ein paar Harfencartoons von mir zum Dank: www.wolkesiebeneinhalb.de/

Ulf, 30.8.2004 um 22:04 h:

Oh ja, Dank zurück! Besonders beeindruckend - in Bezug auf Design und Akustik - ist ja die »Harfe Davidson«

Kristof, 30.8.2004 um 23:38 h:

Danke für diesen Beitrag.

Ulf, 30.8.2004 um 23:50 h:

Bitte. Sehr gern geschehen. Es war mir ein echtes Bedürfnis, mir von der Seele zu schreiben, was sich in den vergangenen Wochen dort zusammengeballt hatte.
Was mich wirklich freut, ist der begründete Verdacht, dass man mich zu verstehen scheint

nikki, 8.12.2004 um 17:02 h:

also, ich weiß nicht , ich grübel grade über mein referrat der Harfe. kann mir jemnad weiterhelfen? ich find nichts !
gruß , nikki

Isabel?

Link zu diesem Kommentar Isabel, 25.2.2010 um 23:43 h:

Huch den kenn ich doch, wer ist das bloß????

Link zu diesem Kommentar Svenja&Naen, 16.5.2011 um 15:42 h:

huhu
ghanz tolle seite
Lg

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