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Dienstag, 7.9.2004

Marathonitis

Die Saison 2004 zählt nicht gerade zu den besonders erwähnenswerten, wenn ich resümieren soll, wie oft der sonst so beliebte Gartengrill angeworfen wurde. Dabei hatte doch alles so viel versprechend begonnen: rostig gewordene Grillteile hatte ich rechtzeitig ausgetauscht, frisches Lavagestein unter den Rosten verteilt, eine randvolle Gasflasche angeflanscht; der Sommer konnte kommen. Besser gesagt: hätte kommen können. Schade eigentlich. Denn trotz des spät zündenden Nachsommers will jetzt niemand mehr in den Abendstunden auf meiner Terrasse herumsitzen und sich begrillen lassen. Es ist ihnen allen zu kalt, diesen Weicheiern!

Also gehen wir eben aus, an diesen Abenden, an denen die Sonne noch einmal ihr Bestes getan hat, aller Orten Stofffähnchen mit Spaghettiträgern hervorgekramt wurden und wegen der vergessenen Sonnencreme rote Nasen und Schultern zur Schau getragen werden.
Wenn schon nicht gegrillt wird, ist einer der besten Plätze für mediterranes Abhängen das Andalucia; klein, laut, authentisch und mit Tapas, die zwar deutlich teurer sind als hinter den Pyrenäen, aber wenigstens so schmecken, als ob sie aus Spanien kämen. Auch den abschließenden Carajillo weiß der Mann hinter der Theke durchaus genießbar herzustellen.

Dort saßen wir also unlängst wieder einmal und hechelten bei Albóndigas und Vino Tinto alles durch: die unmögliche Nachbarschaft, Fallstricke und Techtelmechtel im Freundeskreis, und natürlich auch den Fall V. Meine Herren, hat der zugelegt, der V. »So eine Kugel« schiebt der vor sich her inzwischen, seit seine Alte wieder da ist. Na ja vielleicht ist sie dann bald wieder weg, weil wer will schon so einen mit Wampe. Der macht ja schließlich gar nichts mehr, überhaupt nichts mehr, der V.

Mit »gar nichts mehr machen« ist übrigens der Sport gemeint. Nichts mehr zu machen, ist eine schwer wiegende Unterlassung, fast schon Todsünde in unserer Gesellschaft geworden. Vor allen Dingen in der erfolgsorientierten Powergesellschaft einer Stadt wie Mainhattan und Umgebung muss man nicht nur fit sein, sondern dies auch dokumentieren.
Am besten dokumentiert man durch Teilnahme an diversen imagewirksamen Laufereignissen. Die Chase Corporate Challenge ist natürlich Pflicht, ebenso der Eurocity Marathon. Darüber hinaus beteiligt man sich am besten noch am wöchentlichen Rollerskate Massenlauf und neuerdings gar an den beliebten Triathlon Veranstaltungen. Die sprießen wie Pilze aus dem rhein-mainischen Boden und bieten dem weniger durchtrainierten Teilnehmer einen vermeintlichen Vorteil. Man braucht nicht als Einzelner alle drei Disziplinen zu durchlaufen, sondern kann sie mit anderen teilen. Zu zweit oder zu dritt strengt's weniger an.
Doch wehe dem, der sich als Teiler outet. Schafft der das etwa nicht alleine? Muss der sich beim Triathlon vertreten lassen? Womöglich noch von der eigenen Ehefrau? - Nein, mit derlei Waschlappen wollen wir uns gar nicht erst einlassen. Da bezahlen wir lieber für jeden Einzelnen die volle Teilnehmergebühr.

Fast hätte ich mich an einem Stückchen rohen Schinkens verschluckt, dass ich mir in dem Moment genüsslich zwischen die Zähne schob, als ich erfahren durfte, dass Teilnehmer am gerade anstehenden Triathlon pro Nase satte 100 (in Worten: einhundert!) Euronen berappen müssen. Gebühren! Um sich quälen zu dürfen! Aber wer will schon meckern. Hat irgendjemand behauptet, Fitness sei umsonst zu haben? Und gerade heute und hier muss man für ein gesellschaftsfähiges Image schon ein wenig in die Tasche greifen. Ist doch klar.

Ich hatte Glück, an diesem gemütlichen Spätsommerabend mit am Tisch zu sitzen. Sonst hätten all die abfälligen Bemerkungen und Spitzen in Richtung V. mit Sicherheit auch mir gegolten. Mir, der noch nicht ein einziges Mal im Leben an einem Marathon teilgenommen hat. Mir, dem nicht nur der Begriff Triathlon, sondern schon das Wort Joggen die Mundwinkel nach unten zieht und Kopfschütteln hervorruft. Mir, der die zu Animationszwecken mitgebrachten Rollerskates ohne mit der Wimper zu zucken und noch im Neuzustand verebayed hat.
Mit Verlaub, ich halte mich lieber an den Vino Tinto und nehme auch nicht Anstoß, wenn im Spaghettiträgerkleid kein Marathonskelett, sondern eine Hand voll mehr steckt.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1094553609

Kommentare

wuestenfloh [@], 7.9.2004 um 13:03 h:

Ein äußerst gelungenes und sympatisches 'outing' zum Thema Sport. Meine Variante ist Rollerskaten mit gastronomischen Unterbrechungen. Es ist schön, mit einem Jever in der Hand und Gesprächen über Gott und die Welt auf das Wasser der Kieler Förde hinaus zu blicken und dann auch mal wieder ein bisschen zu rollern. Inliner i n n e n sind übrigens meist keine asketischen Typen.

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