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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Mittwoch, 27.10.2004

Der Untergang

Gestern im Kino: »Der Untergang« - Stimmungslage während des Abspanns: Beklemmung; wenn nicht gar Bestürzung, Erschütterung. Nach draußen gestolpert und dabei gedacht: Der Film sollte Pflichtbesuch für Geschichtsklassen der Oberstufe sein. (Andererseits: FSK 12?)

Adolf HitlerBruno GanzSchwer beeindruckt war ich von Bruno Ganz in der Rolle Adolf Hitlers. Eine überzeugende Darstellung einer schizophrenen Persönlichkeit im dauernden Wechsel zwischen »dem Führer« und dem gedemütigten, zerbrochenen Weltverbesserer Adolf. Allein schon diese Wutausbrüche! Wie er sich mit kaum kontrollierbaren, zuckenden Fingern den Brillenbügel hinter dem Ohr hervornestelt, die Gesichtszüge entgleisen und schließlich ein gewaltiges Urgebrüll losbricht, die Stimme sich überschlägt, er weiterbrüllt, bis ihm die Stimme schließlich versagt, und er noch immer bebend vor Zorn davonrennt, weil er es nicht mehr aushält, nicht mit den Anwesenden, nicht mit den Abwesenden und nicht einmal mit sich selbst.
Ich weiß wirklich nicht, was Ganz hätte noch besser machen können.

Schlimm, ganz ganz schlimm war der Zusammenbruch der Magda Goebbels. Nach der im eigensten Sinn des Wortes abgrundtiefen Enttäuschung durch Adolf Hitler war es beinahe schon wieder nachvollziehbar, wie die Harfouch ihre sechs Kinder eigenhändig mit Zyankali umbringt. Obwohl das ja eigentlich gar nicht in mich hineingeht, jemanden mit in den eigenen Tod zu nehmen, weil man für sich keinen anderen Ausweg sieht.

Ich könnte noch ein Stündchen weiter davon schwadronieren, wie erschrocken ich über die Physiognomie von Ulrich Matthes (alias Joseph Goebbels) war, darüber dass dessen Auftritte aber nicht so dolle rüberkamen bei mir. Oder über den unsäglichen Himmler, auch ganz klasse ausgewählt. Oder über die grandiose Geräuschkulisse im Bunker. Oder zur Transparenz der Angst, die die Quasi-Erzählerin, Traudl Junge, auf den Zuseher überträgt.

Ich will es einfach mal dabei belassen und nur noch meine Lieblingsszene schildern. Ganz am Ende steht der Bunkerfunker, Soldat Misch, der übrigens als Original immer noch am Leben ist, am Tisch vor seiner Elektrik. Eine Pistole hat er da liegen, könnte ja eventuell doch noch nötig werden, auch für ihn. Seine Vorgesetzten, all die Nazigrößen haben sich umgebracht, und er steht da mit ungläubigen Augen: War's das jetzt? Alles vorbei?

(Nachtrag am 1.11.: Karl Richter heißt der Nazi )

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1098870817

Kommentare

Claus, 27.10.2004 um 19:51 h:

Seltsam. Ich habe fast 100% anders empfunden.
Bei jedem Charakter, bei jedem Schauspieler, bei der Aussage des Films.
Japs.

Ulf, 28.10.2004 um 7:33 h:

Jedem das Seine, Claus. - Würde mich aber interessieren, was du so anders empfunden hast.

Kristof, 28.10.2004 um 16:08 h:

Wenn ich auch antworten darf:
Ich fand allein Joseph Goebbels als Figur überzeugend. Alle anderen erschienen mir unglaubwürdig oder theaterhaft überzeichnet (gerade Hitler). Der dokumentarische Eindruck ging durch die groteske Spreche Hitlers verloren.
Ich glaube auch nicht, dass man durch diesen Film viel lernen kann. Wenn Schulklassen ihn als Katalysator benutzen, um mehr über das dritte Reich zu lernen, dann ist das sicher OK. Ich vermute aber eher, dass es bei den meisten bei diesem Film bleibt ("meine Dosis Nazis für dieses Jahr"), und das ist wegen des geschränkten Themas schlecht.

Lady Death, 28.10.2004 um 18:04 h:

Also ich fand den Film auch " heftig" zumal sie tatsächlich ( ok, das wissen wir aus dem Geschichtsuntericht) ihre Kinder vergiftet. Brr.. was aber auch traurigerweise zeigt, das Frauen das stärkere Geschlecht sind .
Desweiteren, bestätigt es nur meine Ansicht , das Adolf einen an der Waffel hatte. Sorry für das banale Ausdrücken, aber egal wie schön die worte , der Effekt bleibt gleich.
Ich habe übrigens mit meinem Dad darüber geredet. Er war in Rußland und Frankreich in Gefangenschaft, und ist auch überhaupt nicht gut auf das braune Gesocks zu sprechen...

Claus, 28.10.2004 um 18:20 h:

Ulf: Kristof hat mir die Worte praktisch aus den Fingerkuppen genommen. Vor allem bei Hitler und Goebbels.
Die Aussage des Films noch viel schlimmer:
Hitler, der nette Spaghetti-Onkel.
Zum SS-Arzt, der da so freundlich das Lazarett betreut hat: der hat in Wirklichkeit vorher fleissig an lebenden Menschen herumexperimentiert. Kein Wort darüber im Film.
Und die Menschen im Krieg sind mir auch mal wieder etwas zu schnell gestorben: Keine Schmerzen, sondern schneller Western-Tod. Und die Zivilisten, die kurz vor Ladenschluss von Greifkomandos niedergemacht wurden: viel zu wenig Kamerazeit, um den völligen Irrsinn deutlich zu machen.
Da fand ich Filme wie "Der Pianist", "Die Brücke" oder selbst den grottigen "Stalingrad"-Film von der Botschaft her aussagekräftiger.

Ulf, 28.10.2004 um 19:49 h:

»Netter Spaghettionkel«? Aber sicher doch. Glaubst du nicht, dass er es war? Sein konnte? Das ist ja gerade das Gruselige an der Geschichte, wie ich finde.

Gestorben wurde schon auch mal schnell. Da hast du Recht. Aber denk mal an die vielen Kerle, denen sie bei vollem Bewusstsein die Gliedmaßen abgesägt haben. Das war m.E. hyperrealistisch.

Und was den »überzeichneten Auftritt« Hitlers betrifft, Kristof, den fand ich wirklich ausgezeichnet. Wenn man sich alte Reden anhört, kommt die spuckende, ausgekotzte Sprache von Ganz dem Original ziemlich nahe, meine ich.

Für mich ging es in dem kurzen Fragment gerade darum, die Persönlichkeiten aufleuchten zu lassen. Das ist bei fast allen geglückt. Goebbels jedoch war mir zu wenig fanatisch. (Der theatralische Tränenausbruch, als ihn Hitler wegschicken wollte, war hart an der Grenze zum Kitsch.)

Kristof, 28.10.2004 um 20:15 h:

Wie man doch unterschiedlich wahrnehmen kann.

Leider ist es völlig irrelevant, ob das ganze realistisch, beeindruckend, grotesk oder nur gestellt war. Es hat keinen Sinn, über die letzten Tage der Naziclique ein Drama zu drehen, wenn man über das Vorher, über das Warum, über die Opfer und die Folgen nichts erfährt. Die Charaktere entwickeln sich nicht, man erfährt nichts über ihr Inneres und ihre Beweggründe. Wir erfahren nichts über Magda Göbbels interessantes Leben vor Joseph Göbbels, nichts über Hitlers latenten Trieb zur Selbstzerstörung, nichts von den aberwitzig hohen Verlusten auf russischer Seite beim Kampf um Berlin. Es bleibt ein statische Gruselkabinett mit einem Personal, welches es als allerletztes verdient hat, ins Rampenlicht gestellt zu werden.

nelly_pappkarton, 29.10.2004 um 7:04 h:

Ich wollte eigentlich etwas ganz schlaues schreiben, aber die einzige Frage, die mich nach diesem Film beschäftigt hat, war: "Wie konnte Hitler nur eine so dumme Person wie Eva Braun an seiner Seite dulden?"

Ulf, 29.10.2004 um 7:41 h:

»Naziclique« ist ein sehr treffendes Wort, jedenfalls im Zusammenhang mit den Filminhalten, finde ich. Außerdem pflichte ich Kristof gleich nochmal bei: Ich bin erstaunt, wie unterschiedlich man die Details aufnimmt. Is' ja auch gut so; wir sind ja schließlich nicht bei Aldous Huxley.

Widerspruch möchte ich jedoch anmelden zu Kristofs Statement, es mache keinen Sinn einen Film über die letzten Tage zu drehen, wenn man nichts über das Vorher erführe. Das will ich doch mal schwer in Frage stellen.
Wenn ich es recht verstanden habe, ist »Der Untergang« aus Sicht der Traudl Junge angelegt worden, der Stimme aus dem Off am Anfang und der freundlichen Oma vom Ende des Films. Schon allein deshalb ist es völlig in Ordnung, den Film auf den gezeigten historischen Ausriss einzuschränken. Mal abgesehen davon, dass es wohl kaum eine generelle Verpflichtung zum Ben Huren geben kann.

Vielleicht kommt Eva Braun ja auch wegen der Junge-Perspektive so schlecht weg, Nelly? Vielleicht mochte die Sekretärin die Braun nicht? Möglicherweise aber war Frau Hitler ja wirklich eine Nullnummer in Sachen Sozial- und Realitätskompetenz

Kristof, 29.10.2004 um 11:08 h:

Der Film ist nicht allein die Sicht von Traudl Junge.
Eigentlich basiert der Film auf dem gleichnamigen Buch. Vielleicht kommt meine relative Enttäuschung über den Film auch daher, dass ich das Buch zuvor gelesen habe. Danach erscheint das Kinowerk leider als verpasste Chance.

Ulf, 29.10.2004 um 12:42 h:

Hm. Habe es bisher leider auch noch nicht erlebt, dass Verfilmungen an zu Grunde liegende Bücher herankamen. Ich muss da wohl noch etwas nachholen.

Claus, 30.10.2004 um 14:43 h:

Bei der unmöglichen Aufgabe war "Der Herr der Ringe" im Kino doch gar nicht so schlecht.

Ulf, 31.10.2004 um 23:26 h:

Beim Herrn der Ringe, mein Lieber, muss ich dir direkt und sofort einmal zustimmen. Unmöglich war die Aufgabe der filmischen Umsetzung von vorne herein. Das Ergebnis hat mich aber doch noch positiv überrascht. Ich hatte eigentlich mit der absoluten Entäuschung gerechnet, die dann jedoch nicht eingetreten ist. Mir gefallen die beiden ersten Folgen recht gut. Die dritte habe ich noch nicht gesehen.

nelly_pappkarton, 1.11.2004 um 10:17 h:

Na, ich warte ja auf "Das Parfüm" von Süßkind. Das wird ein Spaß!

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