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Donnerstag, 4.11.2004

Am Ende einer steinigen Biografie

Es scheint zu Ende zu gehen mit Herrn Arafat. Ob es sich nun um Gerüchte handelt, nach denen der PLO-Chef im Koma liegt, oder ob er tatsächlich im Sterben liegt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der alte, schwerkranke Mann noch einmal ins Licht der Öffentlichkeit zurückkehrt. Vermissen werde ich Jassir Arafat auf jeden Fall. Er war bereits zu Lebzeiten zum Mythos geworden, auf gleicher Ebene mit dem Che, oder mit dem anderen alten Mann an der Spitze einer Regierung, mit Fidel Castro.

Jassir Arafat, 2004Ein ungeheuer angefülltes Leben hat Arafat hinter sich. Es heißt, er habe bereits als Jugendlicher am Kampf um Palästina – damals noch gegen die Briten – teilgenommen; und im Alter von fünfundsiebzig steht er noch immer an der Spitze der palästinensischen Regierung. Mitte der Neunziger hat Arafat wohl seinen größten Fehler gemacht, als er das Angebot Israels ausschlug und damit auf einen Staat Palästina verzichtete. Angesichts der katastrophalen Entwicklung, die das Verhältnis zwischen Palästina und Israel seither genommen hat, wäre es sicher weitsichtiger gewesen, zu akzeptieren. Aber hinterher sind ja immer alle klüger.

Jassir Arafat, 1974 vor der UN VollversammlungAuf mich hat Arafat in meiner Jugend großen Eindruck gemacht. Als er 1974 vor der UN-Versammlung auftrat, um die Palästinadebatte zu eröffnen, trug er seine Pistole am Gürtel. Mit dem Ölzweig in der Hand, aber der Waffe des Partisanen am Gürtel sei er gekommen, hieß es damals in den Nachrichten. Sinngemäß, jedenfalls; wenn ich das Geschehene in der Erinnerung nicht rosarot überhöht wiedergebe. Diese Mischung aus Guerilla und politischem Verhandeln machte Jassir irgendwie sexy. Damals trug auch jede(r) von uns, der etwas auf seine politisch revolutionäre Einstellung hielt, ein Palästinensertuch um den Hals oder um die Schultern.

Schade ist, dass es damals trotz Friedensnobelpreis nicht geklappt hat mit der Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern. Schade auch, dass Jassir Arafat nun am Ende sein Weges angelangt ist. Schon allein weil niemand auch nur erahnen kann, was nun werden soll. Was nach Arafat kommt.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1099585616

Kommentare

Claus, 4.11.2004 um 22:18 h:

Hm, ich habe in Herr Arafat bisher nur den Schlächter der Unschuldigen gesehen.
Den "ich will alles oder gar nichts"-Typen.
Den Saddam-Unterstützer im ersten Irak-Krieg.
Den Kinder-in-den-Selbstmord-Schicker.
Und den Ignoranten, der so völlig auf gewaltlosen Wiederstand verzichtet, damals wie heute.
Was wäre wohl passiert, oder was würde wohl passieren, wenn die Palästinenser ähnlich friedlich wie unsere ostdeutschen Schwestern und Brüder anno 1989 sich für Ihr Recht auf einen eigenen Staat engagiert hätten?
Oder was, wenn Herr Arafat all die Millionen an EU-Geldern auch mal an sein Volk weitergereicht hätte statt das eigene Geldsäckerl zu füllen und von dem Rest Waffen zu erwerben?

vasili, 5.11.2004 um 7:45 h:

claus, du hast bestimmt recht mit deiner einschätzung, auch wenn du dich auf die dunkle seite arafats beschränkst und ihm damit nicht gerecht wirst.

jedenfalls könnte es gut sein, dass die welt und vor allem der nahe osten in bälde froh wären, arafat würde noch leben. wenn er schon sonst wenig "gutes" bewirkt hat, so hat er doch ein stück weit integrierend, teilweise tatsächlich sogar mässigend gewirkt.

schaun mer mal, was jetzt kommt...

p.s.: ulf, du hast irgendwie eine affinität zu problematischen figuren der geschichte, kann das sein? ;-)

Ulf, 5.11.2004 um 7:52 h:

Jetzt wo du's sagst, Vasili … Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst eine problematische Figur bin. (Nicht der Geschichte, sondern überhaupt.)

Außerdem war ich jung und ich brauchte das Geld, … äh, ich meine, das Gefühl dagegen sein zu können. Wogegen, weiß ich gar nicht mehr so im Detail. Gegen die Eltern, gegen die Generation, die immer so wunderbar hektisch wurde, wenn man Palästinensertücher trug und nur den Anschein machte, man könne etwas gegen die Zionisten haben.
Hatte ich übrigens nicht. Ich habe sogar unter dem Palästinensertuch Ephraim Kishon gelesen. Inkonsistent und widersprüchlich.

Ich weiß wohl, dass ich mich in meinem Text auf Arafats Schokoladenseite beschränkt habe. Ebenso wie Claus sich auf die negativen Aspekte konzentriert hat. In der Summe wird wohl ein Schuh daraus.

Und trotzdem ist es ja so, dass man Menschen, die man gar nicht kennt, nur ihr Abziehbild in den Medien sieht, entweder ablehnt, oder aber gut findet. Zu Jassir Araft habe ich unleugenbar eine Affinität, Vasili, ja, doch, wirklich.

vasili, 5.11.2004 um 12:03 h:

"Ich habe sogar unter dem Palästinensertuch Ephraim Kishon gelesen. Inkonsistent und widersprüchlich."

mitnichten! ;-)

und arafat ist zweifellos ein beeindruckender mensch. wie auch sein aktueller gegenspieler. überhaupt spannend, wieviele "gegner" arafat schon hat kommen und gehen sehen...

vasili, 7.11.2004 um 10:24 h:

nachtrag: wie arafat sich zum symbol stilisierte

Ulf, 8.11.2004 um 7:43 h:

Wunderbar: Palästinensertuch, nicht um die Glatze zu verbergen, sondern als »Landkarte Palästinas«; und Un-Rasur, nicht wegen der Hautkrankheit, sondern »um nicht Zeit in der Sache Palästinas zu verschwenden«. – Persönliche Mängel wurden umgemünzt in nationale Anliegen.

Danke für den Link!

luci, 13.11.2004 um 16:14 h:

Unsereins tut sich schwer eine Meinung über Arafat zu bilden. Was wissen wir schon von Kriegen und deren Begleiterscheinungen. Studiert man Arafats Biographie genau, erkennt man welch Ungerechtigkeit den Palästinensern widerfuhr. Es würde mich wunder nehmen wie wir uns verhalten würden, wenn Italien plötzlich Besitzanspruch auf Deutschland erheben und uns unterdrücken würde. Auch wir würden uns zu wehren versuchen. Ich sehe Arafats krimminelle Ader, verstand aber seine Verzweiflung. Sharon trägt keinen Deut mehr dazu bei, dass in diesem von Krieg gebeutelten Gebiet endlich Friede einkehrt!

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