Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Montag, 8.11.2004

Brave New World

Technifiziert und angeschmiert

Wieso gestehe ich mir erst jetzt ein, dass es so hatte kommen müssen? Genau so und nicht anders. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es, und daran muss es liegen, dass ich jetzt darbe - rein technologisch gesehen. Hatte ich nicht erst vor einem halben Jahr tief ins Portmonee gegriffen, um mich von all meinen lokalen Festplatten zu emanzipieren? Hatte ich nicht gerade deshalb vom Kauf des allgegenwärtigen Apfelproduktes abgesehen, weil ich eine Festplatte brauchte, kruzitürken, eine ordinäre Festplatte und keine MP3-Dudelbox!

Geneigte Leser hatten schon im Mai herausgefunden, dass in Wahrheit nicht technische Notwendigkeiten zur Produktwahl geführt hatten, sondern meine latente Technikbegeisterung: Papas Schnullerersatz in der postoralen Phase! Meine Kinder, so dozierte ich damals noch, wolle ich nicht an mein Spielzeug heranlassen; lieber noch einmal nachkaufen.

Was soll ich sagen. Es kam dann doch anders, als ich es geplant hatte. Zwar verteidigte ich die neue Technik tatsächlich heldenhaft und erfolgreich gegen die musikhungrige Kinderschar. Aber ich hatte nicht mit der besten aller Ehefrauen gerechnet. »Schahatz?«, flötete sie für gewöhnlich dienstags und donnerstags, seit einiger Zeit auch mittwochs und freitags: »Brauchst du heute die Musikkiste?« – Natürlich brauchte ich sie nicht, die Musikkiste. Natürlich lauschte die beste aller Ehefrauen dem Sound of Silence, und der Herr der Technik frickelte weiterhin auf drei verschiedenen Rechnern an seinen Daten herum. Solange bis er eines Tages mit einer übermäßig veraltete Version seiner Daten aus dem falschen der drei Speichersticks die Arbeit einer ganzen Woche zunichte machte.

Herrgottsakrament, was fluchte da der Herr der Technik! Ähnlich wortgewandt wie spanische Großgrundbesitzer beschimpfte er jedes einzelne Byte auf allen in Frage kommenden Speichermedien und schreckte nicht einmal davor zurück, seinen Kindern und der besten aller Ehefrauen Teilschuld in die Schuhe zu schieben. Als großes Wehklagen anbrach und der Herr der Technik endlich zur Erkenntnis gelangte, dass nur er selbst und kein anderer verantwortlich war für das aktuelle Datendebakel, fällte er den einzig möglichen Entschluss:

Alles, aber bitte keine Musik!Es muss jetzt – wie längst geplant – nachgekauft werden. Aber nicht etwa eine kleinere Musikbox für die Familie, sondern etwas, was keine Musik machen kann. Etwas, das für nichts anderes verwendet werden kann als für die längst fällige Sicherstellung der Datenintegrität des geplagten Festplattennomaden.

Natürlich sind 260 Euronen inakzeptabel für eine Festplatte, selbst wenn sie portabel ist und noch nicht einmal extra Strom zur Versorgung benötigt. Suchet, so werdet ihr finden, sprach der Herr und schickte mich auf die Pirsch nach Preisnachlass. Fündig wurde ich schließlich bei einem Laden, von dem ich zuvor noch nichts gehört hatte. PIXmania, ein sich aus Frankreich über ganz Europa ergießendes Technikimperium, verlangt gerade mal gut die Hälfte des unverbindlichen Richtpreises.

Tatsächlich verdankt die geneigte Leserschaft den initialen Impuls für diesen Text dem französischen Großisten. Nicht wegen des Preises, nicht wegen des Gerätes und auch nicht wegen des amazonlich anmutenden Internetauftrittes. Vielmehr hat mich ungewohnte Serviceleistung dazu animiert, die französischen Bildermaniacs zur Sprache zu bringen. Dass man nach erfolgter Bestellung eine Bestätigung per E-Mail erhält, ist nicht nur Usus, sondern wohl Vorschrift. Darüber hinaus bietet so mancher Versandhausbetreiber die Möglichkeit an, sich über den Bestellstatus irgendwo auf den Webseiten des Unternehmens zu informieren. Pixmania geht noch einen Schritt weiter und lässt den lechzenden Käufer bei DPD mitlesen, wo sich das Packerl gerade befindet.

So erfuhr ich also heute morgen nach Ankunft im Büro, dass meine künftige Datenschleuder um 8:18 Uhr im Bauch eines Lieferlasters den Ort Raunheim verlassen und sich auf den Weg zu mir gemacht hat. Wie lange die Paketsite wohl brauchen wird, um mir vom Ableben des Zustellers zu berichten, der beim vergeblichen Versuch, die Lieferung abzugeben, nach stundenlangem Ausharren vor der Zugbrücke unserer menschenleeren Burg verhungert sein wird?

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1099909874

Kommentare

Kristof, 8.11.2004 um 12:57 h:

Raunheim? Da hätte ich ihn ja heute morgen noch abfangen können. Mir fahren diese Lieferlaster morgens immer um die Ohren.
Ich hätte leicht mit meiner Bazooka die Herausgabe des Pakets fordern können, denn so ein Teil will ich auch haben.

vasili, 8.11.2004 um 13:30 h:

du hast doch gar keine bazooka!

Ulf, 8.11.2004 um 20:52 h:

Pst! – Sag das nicht so laut, Vasili. Vielleicht steht Kristof auf Jassirs Erbenliste? (Ich habe jedenfalls schon mal bei DPD nachgefragt, ob Ihnen ein Lieferlaster fehlt. Man kann nicht vorsichtig genug sein.)

Kommentar abgeben: