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Mittwoch, 10.11.2004

Geschlossene Abteilung

Todkrank

Tot oder krank? Ein makabres Spiel läuft derzeit ab in einem Militärkrankenhaus in Paris. Da liegen die sterbenden Überreste eines Mannes in einem Bett der Intensivstation, verdrahtet und verschlaucht, und im Rest der Welt streiten mehr oder weniger Betroffene um sein Erbe. Bevor sich Gegner, Freunde und Familie des Mannes nicht einigen können, werden sie dem Körper Jassir Arafats keine Ruhe gönnen.

Makaber ist auch ein Kommentar, der am vergangenen Freitag auf einer Geburtstagsfeier von Freunden fiel. Einer der Gäste fragte nach dem aktuellen Befinden Arafats; ein anderer antwortete, dem ginge es schlechter. Ein dritter Gast bemerkte daraufhin: »Was? Noch schlechter? Der war doch gestern schon hirntot!« So gruselig diese spontane Anmerkung auch anmuten mag, sie macht doch die Problematik der Lage in Paris fassbarer. Das muss man sich mal in aller Deutlichkeit vor Augen führen: Da liegt jemand im Krankenbett, der unter anderen Umständen und einer anderen Identität längst verstorben wäre. Durch den Einsatz technischen Gerätes werden Blutkreislauf und Organtätigkeit dieses jemand konserviert, weil ; ja, warum eigentlich?

Anlässlich der völlig absurden Situation des tot/kranken Palästinenserpräsidenten drängt sich eine Szene aus einer der Alien-Filmfolgen in meine Erinnerung: Die mordenden Monster halten sich in ihrem Bau ein paar Menschen in qualvoller Gefangenschaft, die sie nur deshalb am Leben lassen und ernähren, um ihre Körper als Gebärmütter für Nachwuchs-Aliens zu missbrauchen. Sicher ist das Effekthascherei auf der Kinoleinwand. Trotzdem lässt mich die Parallelität der Szenen nicht los.

Es ist vielleicht bekannt, dass ich Jassir Arafat Achtung entgegen bringe *. Aber das Theater, das seine Familie und seine Freunde mit seinen Resten veranstalten, würde ich noch nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschen. Es ist nichts als eine Farce, wenn der palästinensische Außenminister Nabil Schaath betont, Muslime akzeptierten keine Sterbehilfe. Wenn es unerlaubte, oder unerwünschte Sterbehilfe sein soll, all die Apparate abzuschalten, die einen leblosen Körper daran hindern, ohne jedes weitere Zutun zum Leichnam zu werden, dann wird der arme Herr Arafat wohl noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag unter den Lebenden weilen.

Tatsächlich pokern aber Politiker um widerliche Etappenziele und halten dabei den offiziellen Todeszeitpunkt ihres Ex-Chefs, oder Ex-Gegners, oder Ex-Verbündeten als letzten Trumpf in der Hinterhand. Allein schon das absurde Gerangel um die letzte Ruhestätte des angeblich ja noch nicht einmal Verblichenen ist ein unwürdiges Schauspiel.

Das alles ist wirklich todkrank

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1100091365

Kommentare

Claus, 10.11.2004 um 14:03 h:

Nenn mich zynisch, aber meiner Meinung nach "passt" dieser Tod, dieses Sterben zum Leben bzw. zur Biografie dieses Mannes.

Ulf, 10.11.2004 um 19:55 h:

Du meinst, er hat es nicht anders verdient? Darüber ließe sich sicher bestens streiten. Allerdings geht es mir gar nicht so sehr um den »Sterbefall Arafat«. Ich finde das, was mit diesem Menschen wer auch immer da läge passiert, schlicht und einfach der Menschheit unwürdig.

Claus, 11.11.2004 um 11:12 h:

Ja, unwürdig ist es natürlich. Und "verdient" haben wir alle eigentlich nichts.
Dieses Theater des Hinhaltens, der Halbwarheiten, des Unwürdigens, des Verlogenen Machtspiels, das alles passt so zu dem Lebenslauf des Herrn A.
Erinnert an das Ende des Herrn A. K. aus dem Iran.
Manchmal ist der Lauf der Geschichte so perferkt, als wenn sich in Hollywood ein schlechter Drehbuchautor daran versucht hätte.

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