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Montag, 15.11.2004

Wirtschaftsexpertise I

Rauchzeichen vom Arbeitsmarkt

Die Bild am Sonntag heizt die Diskussion um sinnvolle Maßnahmen zur Konjunkturbelebung an. Die Zeitung zitiert den obersten Volkswirt der Deutschen Bank, Herrn Professor Norbert Walter: »Wer im Job rauchen und Tee trinken will, soll das auch weiterhin tun dürfen. Aber keiner kann verlangen, daß Arbeitgeber Zigaretten- und Teepausen auch noch bezahlen.« Schützenhilfe erhält der Wirtschaftsguru vom FDP-Arbeitsmarktexperten Dirk Niebel: »Wer glaubt, mit immer mehr Urlaub, immer höheren Löhnen und immer weniger Arbeitszeit unseren Wohlstand zu erhalten, wird sich noch mächtig wundern.«

Die Fraktion der kühnen Rechner hat wieder zugeschlagen. Professor Walter kalkuliert am Beispiel eines fiktiven KfZ-Meisters: »Mit monatlichen Bezügen von 2.866 Euro und einer Wochenarbeitszeit von 36 Stunden kommt der Kfz-Meister auf einen Stundenlohn von 20,56 Euro. Geht er pro Stunde fünf Minuten zum Rauchen vor die Tür, kostet das den Betrieb jedesmal 1,71 Euro. Aufs Jahr gerechnet, kommen 2.865 Euro zusammen ungefähr die Summe, die der Kfz-Meister im Monat verdient.«

Da will ich mich doch gleich anschließen und weiterrechnen. Denn natürlich raucht der angeprangerte Mechaniker nicht nur. Zur Zigarette trinkt er ein Tässchen Kaffee oder Tee, ein Gläschen Wasser oder Bier. Die Flüssigkeit muss er irgendwie auch wieder loswerden. Gehen wir einmal davon aus, dass der faule Sack am Arbeitsplatz nicht schwitzt wie ein Ross, so wird er sicher eine weitere halbe Arbeitsstunde pro Tag auf dem Lokus zubringen. Seine persönliche Erleichterung bringt die Firma also locker um weitere 480 Euro im Jahr.

Schwerer zu bewerten ist schon das Schwätzchen, das der Mann während des Schraubens mit dem Kollegen hält. Die Unterhaltung zieht schließlich Konzentration von seiner Aufgabe ab. Besonders unverantworlich wird es, wenn die Arbeit gar vollends unterbrochen wird, etwa um über einen Witz zu lachen! Kurz und gut, ohne zu plauschen könnte der Arbeitnehmer mehr leisten. Gehen wir einmal davon aus, dass nur zehn Prozent der Arbeitskraft im Small Talk verpufft, so bezahlt das Unternehmen dem säumigen Angestellten pro Kalenderjahr zusätzlich 3.400 Euro zuviel. Um der Berechnung eines leistungsgerechten Lohnes noch näher zu kommen, kommt man aber nicht umhin, auch die nicht arbeitsbezogene Hirnleistung der Angestellten unter die Lupe zu nehmen. Schlechtes Wetter oder toller Sonnenschein, der wochenendliche Zoff mit dem Eheweib, die Fußballergebnisse der Bundesliga, der sagenhafte Hintern von Frollein K. aus der Buchhaltung und der Ärger mit dem uneinsichtigen Kunden hinterlassen ihre Spuren in den Gehirnwindungen des Autoschraubers. Sagen wir mal: weitere zehn Prozent, also weitere 3.400 Euro Abzug.

Bestimmt habe ich mit den aufgeführten Bewertungsgrundsätzen noch längst nicht alle Spielräume ausgeschöpft. Tatsache aber ist, dass der unsägliche KfZ-Meister seinen Arbeitgeber jährlich über den Daumen gepeilt um 10.000 Euro betrügt. Da haben wir es endlich einmal Schwarz auf Weiß: Wir sind ein Volk der Betrüger, die sich zu allem Überfluss mit nichts anderem beschäftigen, als ständig mehr Urlaub, mehr Lohn und weniger Arbeitszeit zu fordern!

Es tut mir leid, aber angesichts unserer schwer wiegenden Unzulänglichkeiten hilft nur ein radikaler Schnitt:

Manifest gegen die Menschheit

Meine lieben Mitmenschen! Es ist an der Zeit, den menschelnden Mitarbeiter in wirtschaftlich denkenden Unternehmen endlich abzuschaffen. Wir brauchen keine Raucher, Trinker, Pisser, Schwätzer und Nachdenker in unseren Betrieben; wir brauchen echte Leistungsträger. Wenn der Mensch aus Fleisch und Blut dazu nicht taugt, dann müssen wir eben auf Mitarbeiter aus Metall, Kunststoff und Silikon ausweichen.

Der Mensch hat seine Daseinsberechtigung verspielt. Zu dumm, zu faul und zu uneinsichtig sind wir alle geworden; vor allen Dingen aber zu unberechenbar. Es hat keinen Sinn mehr mit uns, wir müssen weg. Und zwar restlos. Denn eines ist schließlich klar: Wenn wir zu Arbeit und Leistung nicht mehr taugen, dann haben wir auch als Frührentner und Konsumenten in diesem unserem Lande nichts mehr verloren. Wie sollten wir auch. Ohne Arbeitsleistung gibt es keinen Lohn, ohne Lohn keinen Konsum, ohne Konsum kein Leben.

Marsch, marsch, ab in die Gaskammer! Kommen Sie mit, Herr Walter?

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1100518953

Kommentare

vasili, 15.11.2004 um 13:52 h:

gewohnt überspitzt den punkt getroffen. sehr schöner beitrag zu dieser unsäglichen diskussion!

andreas, 15.11.2004 um 16:03 h:

.. oha, und weit und breit keine MOMO in Sicht, die dem widerwärtigen Treiben der grauen Herren ein Ende setzt ... wie würde diese Zeitrechnung eigentlich bei Politikern aussehen? Wieviel würden die dann in etwa in das Staatssäckel zahlen müssen, damit Sie uns regieren dürfen ... ?

van, 15.11.2004 um 18:32 h:

oh.. ein déjà vu..?! bald gehört marx wieder in die bestsellerliste.. ;)

Ulf, 15.11.2004 um 19:34 h:

Marx? Ja, vielleicht auch der. Ich hatte bei Herrn Walters Offensive eher Aldous Huxley im Kopf. Es muss doch möglich sein, diese unvollkommene Menschheit irgendwie zu optimieren. Zunächst durch sanften Zwang, die Evolution tut dann schon das Ihre

Claus, 15.11.2004 um 20:57 h:

Sehr guter Beitrag.

Evolution? Degeneration und Mutation, ja, aber von Höher- oder gar Weiterentwicklung keine Spur.

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