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Dienstag, 16.11.2004

Wirtschaftsexpertise II

Drei Erklärungen für den Sparwahn

Wenn man zunächst befremdliche Drohgebärden in die Richtung der Arbeitnehmerschaft noch einmal in aller Ruhe reflektiert, wie etwa die am Sonntag in der Bild-Zeitung veröffentlichte Kostenrechnung eines der wichtigsten Arbeitgebervertreter deutscher Unternehmen, kann man es schon mit der Angst zu tun bekommen. Mit Angst, nicht um lieb gewonnene Annehmlichkeiten am eigenen Arbeitsplatz, sondern um die Ernsthaftigkeit und den Realitätsbezug von Spitzenentscheidern in unserem Staat. Dass sich Norbert Walter mit seiner Attacke gegen bezahlte Arbeitspausen vergallopiert hat, dürfte nach der breiten Diskussion * seiner These zweifellos klar sein.

Wieso sich aber der Vordenker aus der Chefetage zu derlei Obstrusem überhaupt hat hinreißen lassen, muss man sich einmal deutlich machen. Natürlich mag es sein, dass die Redaktion eine Randbemerkung aufgebauscht hat, die gar nicht so gemeint war. Zuzutrauen wäre das der Bild-Zeitung allemal. Als Entschuldigung mag in diesem Falle herhalten, dass Herr Walter nur einmal ins Unreine laut gedacht hat. Aber selbst in diesem Fall hätte ein verantwortungsbewusster Mann seiner Stellung vorher darüber nachdenken müssen, welch blanken Unsinn er mit seinem Kostenmodell in die Welt setzt.

Da Walter ja nun aber kaum ein wichtigtuerischer Idiot, sondern sicher ein heller Kopf ist, glaube ich nicht an ein Missverständnis. Eine zweite Interpretationsmöglichkeit bestünde darin, ihm zu unterstellen, er habe die Plattform des Volksblattes genutzt, um unternehmerisches Schaulaufen zu veranstalten. Sollten nicht für die Aktien der Deutschen Bank ein paar Punkte zu machen sein, wenn man den umworbenen Analysten ein paar Brocken in die Fressnäpfe wirft? Ein weiteres Konzept zur Kosteneindämmung? Das gibt der Bankaktie doch gleich den nötigen Schwung zum Höhenflug! – War alles nicht so gemeint, Leute; das richtige Gerücht zur rechten Zeit hilft uns allen, auch den gescholtenen Angestellten, bei den Herren des Ratings zu punkten. Das sichert Arbeitsplätze!

Funktioniert dieser Bluff nicht, passiert nichts weiter. Im kollektiven Vergessen verblassen auch Walters Randbemerkungen zur Kursbeflügelung mit überraschend niedriger Halbwertszeit. Das wäre noch zu verschmerzen. Doch gelänge der Coup und ließen sich die Analysten durch den Bluff zur Kaufempfehlung hinreißen, bestünde dennoch kein Anlass zur Freude. Ein Unternehmen wie die Deutsche Bank kann es sich nicht leisten und sollte es im Übrigen auch nicht nötig haben, im globalen Roulette um Unternehmenswerte mit Finten, Lug und Trug zu punkten. Es kann nicht angehen, dass leitende Angestellte börsennotierter Unternehmen allen Ernstes glauben, langfristige Erfolge durch Blenden und Täuschen einfahren zu können.

»Autos kaufen keine Autos«

Es bleibt also de facto keine Alternative zu einer dritten Annahme: Professor Doktor Norbert Walter, oberster Volkswirt der Deutsche Bank AG, ist tatsächlich von Qualität und Umsetzbarkeit seines Vorschlages überzeugt. Er glaubt in der Tat daran, dass man die Unternehmensleistung erhöhen kann, indem man dem Arbeitnehmer Pausen in Rechnung stellt – und in der Konsequenz auch Urlaub, Krankheitszeit und sonstige rein persönliche Anteile am Arbeitsleben. Er kann sich nicht vorstellen, dass seine brillante Idee nach hinten losgeht und statt zu den prognostizierten Einsparungen in der Realität zu Reibungsverlusten führt, weil Menschen nun mal keine Maschinen sind. Wirklich traurig an diesem Szenario ist, dass es offenbar notwendig zu sein scheint, einem hoch qualifizierten Wirtschaftswissenschaftler sozusagen als Echo auf Henry Ford zurufen zu müssen: »Aktien führen keine Konten, zahlen keine Sollzinsen, tätigen keine Bankgeschäfte!« Selbst die Deutsche Bank – und erst recht jeder KfZ-Betrieb – macht ihre Geschäfte mit Menschen, im Endeffekt auch mit ihren eigenen Angestellten.

Diese mittlerweile bis zum Erbrechen abgedroschene Binsenweisheit gilt nichts in den Köpfen des deutschen Spitzenmanagements. Dort herrscht eindimensionale Einfallslosigkeit: Gut ist, was Kosten einspart. Besser ist, was noch mehr Kosten spart. Außer immer drastischeren Einschnitten in der Hauptsache bei den Personalkosten fällt deutschen Managern nichts ein.

Ein Armutszeugnis ist dies allemal. Denn dass diese Denke nicht zum gewünschten Erfolg führt, kann sich jeder am Beispiel Japans ansehen. Ausgerechnet die Industrienation, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Arbeitnehmer am skrupellosesten ausnutzte, die durch Gruppenzwang beschleunigt ungeheuren Einsatzwillen mobilisierte, rudert nun zurück. Mit Hilfe von Zwangsurlaub, etwa der »Golden Week«, geht Japan daran, seine Arbeitnehmerschaft umzuerziehen. Dort wurde erkannt, dass Menschen, deren Lebensinhalt in erster Linie im Beruf besteht, nicht zur Konjunktur beitragen. Japaner schütteln darüber hinaus auch die Köpfe, wenn sie hören, dass deutsche Unternehmen zu sparen versuchen, indem sie mehr Arbeit auf weniger Schultern verteilen.

Es ist nicht nur verantwortungslos, sondern auch im Unternehmensinteresse kurzsichtig, auf Personalabbau einerseits und lukrative Buchgeschäfte andererseits zu setzen. Ich bin überzeugt davon, dass dies auch unser Spitzenmanagement weiß. Die Leute sind ja keinesfalls verblödet. Im Gegenteil: Sie sind schlau genug zu wissen, dass ihnen persönlich auf Grund der Kurzlebigkeit ihrer eigenen Entscheidungen nur wenig Zeit bleibt, Erfolge einzufahren.
Langfristige strategische Planung leistet sich keiner der Herren mehr, weil er glaubt, sie sich im Eigeninteresse nicht leisten zu dürfen. Dafür wirft er jegliche soziale Kompetenz links und rechts so schnell als möglich von Bord; sofern eine solche überhaupt jemals vorhanden war.

Hintergrundlinks:
Wenn Rauchpausen von der Arbeitszeit abgezogen …
Einfach nur noch peinlich
Des Chefvolkswirts Stuhlgang
Jens Scholz [1] [2] [3]
Pausengeld
Rauchpausen, Rauchzeichen
Rauchzeichen vom Arbeitsmarkt (eigene Polemik)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1100593261

Kommentare

Kristof, 16.11.2004 um 13:07 h:

Ich kann das leider nicht alles in der Arbeitszeit lesen. Sonst gehen meiner Firma wieder Milliarden an Lohnkosten durch die Lappen.

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