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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 22.11.2004

Schwächeanfall in der Prärie

Abende, die erst in den frühen Morgenstunden enden, sorgen bei mir in der Regel für eine gewisse geistige Schwäche, die in schweren Fällen zu körperlicher wie auch mentaler Bewegungsarmut führen kann. An solchen Tagen bin ich gleichsam in der Lage, die eigenen Synapsen beim Zünden zu beobachten und meiner reduzierten Mentalleistung zu jeder gelungenen Denkoperation zu applaudieren. Andere Menschen, zum Beispiel die beste aller Ehefrauen, drängen in dieser Situation gerne nach draußen, um ihr abgebremstes Ich durch eine Kälteschocktherapie auf brauchbare Umdrehungszahl zu zwingen. Ich hingegen ziehe es vor, in möglichst vollkommener Lethargie zu verharren, Atmung und Puls auf absolut überlebensnotwendige Minima zu reduzieren und die Wiedervereinigung der körperlichen Restmasse mit den ziellos wabernden Gehirnströmen abzuwarten.

Sehr zu schätzen weiß ich an solchen days after zwei oder drei frühmittägliche Weißwürscht', begleitet von gebutterten Brezeln und einem möglichst hefigen Weißbier. Dazu kam es gestern aber leider nicht. Vielmehr rangen mir die gnadenlosen Kinder der besten aller Ehefrauen nach einigen körperlichen Attacken, denen ich hingestreckt auf dem Sofa schutzlos ausgeliefert war, das Zugeständnis ab vorzulesen. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, lautes Rufen, Kreischen und Schubsen einzustellen. Ein fairer Deal, fanden wir alle.

May, KarlDen Rest des Tages galloppierten wir durch die erste Hälfte des ersten Bandes von Winnetou. — Zounds & pshaw, Menschurs! In meiner merkwürdigen Verfassung las ich Mays Texte aus einem ganz anderen Blickwinkel. Zwar formte wohl meine schwammige Zunge die Worte, die da auf dem Papier standen; zumindest beklagte sich keiner der Zuhörer über etwaiges Gestammle. Ich selbst aber war geistig abwesend und dachte über den erstaunlichen Text nach, den ich da rezitierte.

Jedem Gernleser empfehle ich unbedingt, die über hundert Jahre alten Texte Karl Mays noch einmal zu lesen. Mir bereitete die Kluft der menschlichen Entwicklung von damals bis heute, die aus der Erzählung hervorgeht, ein ungeheures Vergnügen. Schon allein die altertümliche Wortwahl ist einfach köstlich. Dazu kommen die antiquierten Bilder, die der Autor in seinem geschraubten, dozierenden Schreibstil enstehen lässt. Indsmen und Rothäute, diese unbekannte Spezies, versetzten mich sozusagen zurück in die Vergangenheit auf eine der alten, hölzernen Schulbänke des verblichenen Jahrtausends, vor mir das gläserne Tintenfässchen, das unter einer eisernen Klappe in die Tischplatte eingelassen war. Beim Lesen sah ich bildlich meine eigenen kleinen und tintenfleckigen Kinderhände die Seiten umblättern und roch im Hintergrund den längst vergessen geglaubten Küchenduft aus der Wohnung meiner Urgroßmutter.

Ich glaube, ich sollte noch einmal »Durchs wilde Kurdistan« lesen. Ich würde mit Sicherheit einen ganz neuen Blickwinkel auf die sich immer unerträglicher gestaltende Muslimdebatte der Aktualität bekommen. – Abtauchen!

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1101122009

Kommentare

Claus, 23.11.2004 um 18:36 h:

Interesse an den alten Winnetou-Hörspielen von Europa oder die "ja uff erstmal"-Parodie?

Ulf, 24.11.2004 um 8:09 h:

Ich weiß nicht? Hast du die noch im Sortiment, oder wie?

Claus, 24.11.2004 um 20:44 h:

Ja, ist im Sortiment enthalten.
Wobei die Europa-Hörspiele teilweise recht heftig sind ("schießt ihm in den Kopf" PENG "ahahaaaah") und die "uff"-Geschichte zwar lang ist, aber stellenweise doch sehr die gefilmten Sequenzen der TV-Show vemissen lässt

Ulf, 26.11.2004 um 20:03 h:

Weiß immer noch nicht so recht. Meine Jüngste ist erst fünf. – »Peng, Kopf weg«?

Claus, 28.11.2004 um 21:00 h:

Ich habe auch als fünfjähriger damals schon die Platten gehört, aber als ich jetzt nach Jahrzehnten mir die Platten wieder besorgt und dann mehr ins Mp3-Format überspielt hatte, musst ich doch staunen und lachen, was ich mir damals schon so wie selbstverständlich angehört habe.
Vor allem die Marterbaumszene mit Rattler ist schon etwas starker Tobak, da die Hörspielfritzen den Kerl nach jedem Treffer eines Messer schreien liessen.

Angel, 2.12.2004 um 22:23 h:

Ich graule mich ja davor, diese Liebling-Literatur meiner Kindheit wieder zu lesen. Ich bin überzeugt davon, dass der Zauber, den Karl May früher auf mich ausgeübt hat, damit umgehen in Staub zerfallen würde.
Dennoch - von dem Meter Karl-May-Taschenbücher, den ich irgendwo gestapelt habe, werde ich mich bestimmt nicht trennen :-)

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