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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Freitag, 26.11.2004

Season Greetings

Weihnachtsklänge

Ist es nicht herrlich, wie rasant wir wieder einmal auf das Fest der Feste zusteuern? Rotbemützte Männer und Frauen sind allüberall in Einkaufspassagen und auf Werbeplakaten zu sehen. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, sind Weihnachtsfrauen interessanterweise oftmals recht spärlich bekleidet. Die auf den Plakaten meine ich natürlich, nicht etwa die, die in den Konsumtempeln dem Publikum auflauern. Obwohl diese Variante der Weihnachtsfrau vielleicht sogar ein echter Brüller wäre; ein Hingucker, meine ich.

Ich picke mit spitzem Zeigefingern die Lebkuchenkrümel vom Teller. Natürlich hatten wir uns gegen Ende August rechtzeitig mit größeren Mengen des Weihnachtsgebäcks eingedeckt. Nur leider sind unsere Reserven mittlerweile aufgebraucht, und ich schlecke bekümmert die Krümelreste von der Fingerkuppe. Im Supermarkt sind die Dinger jetzt, Ende November, ausverkauft. Wie nur soll ich ohne Lebkuchendröhnung die weihnachtliche Woge absurfen, die da meterhoch auf uns zurollt?

Es stimmt schon: Ich bin ein wenig missmutig zu dieser Jahreszeit. Vor ein paar Tagen habe ich zusammen mit der besten aller Ehefrauen nachts bei zehn Grad unter Null eine Lichterkette auf unserem Gartengewächs drapiert. Ohne Jacke, ohne Schal und ohne Handschuhe. Heute bin ich definitiv erkältet. Sch€!$$ Lichterkette! – Obwohl ich ja korrekterweise nicht von Kette sprechen dürfte, sondern von Netz. Ist groß im Kommen, das Lichternetz, habe ich mir sagen lassen. Einfacher zu handhaben als eine Lichterkette; wenigstens hinterher, bei der Demontage im April oder Mai. Und außerdem so schön deutsch. Der Abstand zwischen den Leuchtpunkten ist bei Netzen gleichmäßig. Das sieht ordentlich aus: deutsche Lichtpunkte auf diesem unordentlichen, wuchstechnisch kaum einzudämmenden Bambuszeug aus Asien.

Wenn das der hungrige Koala wüsste, dass wir hier in Deutschland den Bambus beleuchten und er sogar nachts Knospen knabbern könnte, hätten wir vermutlich ein Problem mit einwanderungswilligen Pelzgetier aus dem fernen Osten. Wäre aber auch nicht weiter schlimm. Nachdem die Nachbarn der pelzigen Asiaten, die IT-Inder uns die Green Cards nicht gerade aus den Händen gerissen haben, hätten wir sicher noch Platz für Zuwachs aus den Ländern der aufgehenden Sonne. Ob Koalas auch programmieren können?

Aber was fasle ich. Bin schon ganz wirr von all dem präejakulierenden Gejingle und Gebelle. Eigentlich sprach ich von den Hungernden. Die Koalas haben mir zwar keine Bettelpost geschickt, aber Menschen tun das gern in letzter Zeit. Und oft. Immer öfter! – Mit all den Briefen habe ich meine Probleme. Da kommen welche, die direkt an mich adressiert sind. Andere liegen kostenfreien wie -pflichtigen Zeitungen bei; an die Leserschaft gerichtet.

Tut Gutes, schreiben sie in diesen Briefen. Helft uns, wir hungern, wir dursten. Das glaube ich wohl, nur frage ich mich was ich machen soll? Alle Antragsteller kann ich unmöglich befriedigen; mein finanzielle Situation ist ohnehin strapaziert. Unterstütze ich den ersten, den Erstbesten, der mich in der vorweihnachtlichen Zeit anschreibt? Lieber nicht, denke ich bei mir. Sonst entwickelt sich das Phänomen der Hungerpost womöglich parallel zum Lebkuchenangebot: jedes Jahr eine Woche früher.

Aber ich bin schon wieder mit den Gedanken beim Weihnachtsgebäck. Dabei wollte ich doch auf meinen Entschluss in Bezug auf die Welthungerlage zu sprechen kommen. Da mir die postalische Bettelei in ihrer weihnachtlichen Wucht auf den Senkel geht, habe ich mich längst schon für ein Ganzjahres-Engagement entschieden. Elizabeth in Bolivien und ihr Dorf nutzen meine Spenden, um ihre Lebensqualität zu verbessern. Da weiß ich, wofür ich das Geld aus dem Säckel ziehe, und kann einigermaßen reinen Gewissens weitere Bittsteller abwimmeln.

Gutes Gewissen und sanfte Ruhekissen weiß ich wohl zu schätzen und frage mich, ob der Chef der Bildzeitung wohl auch ein gutes, weihnachtsfähiges Gewissen hat, nachdem er jetzt zum verkaufsstrategisch günstigen Zeitpunkt die Volksbibel herausgibt? Abgesehen mal von seinem schmierigen Hairstyling macht sich Kai Diekmann bei mir noch unbeliebter durch die gutmenschelnde Frömmigkeit, zu der er sich auf einmal bekennt. »Ich bin praktizierender Katholik«, sagt er in einem Interview.
(Nachtrag: Wieso steht im Fenstertitel des Gesprächtextes »Autoren-Interview«? Ist Diekmann einer der Apostel? Das wusste ich ja gar nicht. Typisch. Alles, was wichtig ist, geht an mir vorüber.)

Aalglatt, der Mann. Es ist kaum zu glauben, wie er den Bogen von der Lehre Christi hin zur BILD-Zeitung spannt. Auf die Frage, wie es zu einer Zusammenarbeit ausgerechnet zwischen der BILD und einer katholischen Verlagsgruppe kommen konnte, antwortet Diekmann: »Die Botschaft der Auferstehung und des Sieges über den Tod ist immer noch die spektakulärste Nachricht, die je verkündet wurde. Und lebensnah und leicht faßlich sind auch die Gleichnisse der Bibel. Insofern sind BILD und die Bibel nicht allzu weit voneinander entfernt.«

BILD und Bibel sind da offensichtlich eine nette, kommerzielle Zweckgemeinschaft eingegangen. Von Ehe ist noch nicht die Rede, aber von einer Lebenspartnerschaft munkelt man im Vatikan bereits hinter vorgehaltener Hand. Die Bibel zum BILD-Preis! Juhu! Eine echte Volksbibel! Im »lederähnlichen Einband«! Whoa!

Da kommen mir die Lebkuchenbrösel von vorhin wieder hoch und das »Jingle Bells« aus dem Radio klingt auf einmal dissonant. Ihr entschuldigt mich doch bitte jetzt, mir ist schlecht. Bis ich wiederkomme, könnt ihr euch ja mit meinem Suchbild beschäftigen. – Frohes Fest!
 
Bibel als Original und Fälschung

Wo steckt der Fehler? – Zum Vergleich das Original.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1101474924

Kommentare

Claus, 26.11.2004 um 16:21 h:

Und ich dachte immer, die Volksbibel gebe es von den Gideons, und dafür umsonst.
Na, irren ist menschlich...

Ulf, 26.11.2004 um 20:01 h:

Wer oder was sind die »Gideons«? – Klingt irgendwie nach Quäkern. Oder nach Familie Cartwrights Nachbarn.

Claus, 27.11.2004 um 0:41 h:

Das sind die Damen und Herren, die auch immer in den Hotelzimmern ihre Bibeln auslegen. Noch nie gesehen?
Kaufen die Jungs und Mädels aus eigener Tasche und verteilen das Zeug dann gratis unters Volk.

Ulf, 29.11.2004 um 8:08 h:

Sozusagen als Kontrastprogramm zu den Pornovideos im Hotelfernsehprogramm? – Sehr lobenswert. Ich hatte bisher allerdings immer gedacht, dass die Bibeln zur Standardausrüstung von Hotels gehören, so wie die Plastikduschhaube und die Seife im Einwickelpapier.

van, 3.12.2004 um 17:38 h:

wenn ich denn jetzt mal ein bisserl klugsch*** darf: koalas fressen ausschliesslich eukalyptus.. deshalb kann man die auch jederzeit gefahrlos knutschen, ohne mundgeruch befürchten zu müssen & muss die weder einlegen noch würzen für den fall, dass man die weihnachtsgans auguste auch schon im september verspeist hat.. ;)

Ulf, 17.12.2004 um 21:15 h:

Was? Die Koalas wollen meinen Bambus nicht? Dann kann ich ja gefahrlos noch ein paar Lichterketten kaufen! - Jingle, jingle, jingle, …

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