Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Samstag, 27.11.2004

Season Greetings II

Mentalfolter im trauten Heim

Habe ich nicht erst gestern über »präejakulierendes Gejingle und Gebelle« gelästert? Alle im November verhungernden Bittsteller abblitzen lassen? Die plötzlich einsetzende Religiosität gewisser Kreise gegeißelt? Aus Protest alle Lebkuchen aufgegessen? - Was soll ich d'rum herum reden: Es kommt noch schlimmer. Das weihnachtliche Grauen hat sich bereits bei mir zu Hause eingenistet. Zu Hilfe!

Der eine oder die andere hat vielleicht mitbekommen, dass ich mir vor ein paar Nächten eine satte Erkältung eingefangen habe, als ich mit der besten aller Ehefrauen ein Lichternetz über die Gartenbepflanzung spannte. Jetzt darf ich in der gemütlichen, völlig überheizten Wohnstube sitzen, Tee schlürfen und wahlweise von der Genesung oder dem Weihnachtsfest träumen. Ab und an halte ich das aber nicht mehr aus, ziehe eine Jacke über und fliehe mit einer Flasche Bier und Zigaretten hinaus auf die Terrasse. Genau dort ereilte mich gestern nacht eine Vision.
 
Einblick in die Wohnstube des Schreckens

Von draußen blickte ich in die Wohnstube, im Fenster spiegelten sich die in geometrischer Regelmäßigkeit angeordneten Lämpchen des Lichternetzes. Mir, dem zeitweise außen Stehenden, offenbarte sich auf einen Schlag die geballte Wucht vorweihnachtlicher Schrecken: Selbst im eigenen Heim nicht gefeit vor den Attacken der Festindustrie.

Aber das sollte noch immer nicht alles gewesen sein. Ich schicke voraus, dass sich die beste aller Ehefrauen in den Kopf gesetzt hat, in diesem Jahr am ersten Advent die Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest vollständig abgeschlossen zu haben. Alle Geschenke gekauft, verpackt und versteckt; Menüs für die Feiertage geplant und vorbereitet; Gäste verständigt, eingeladen und im Geiste bereits abgefüttert. – Tatsächlich ist sie auf dem besten Wege, ihr Vorhaben auch in die Tat umzusetzen.

Heute morgen wäre ich deshalb beinahe dem plötzlichen Herztod zum Opfer gefallen. Verschlafen, verschnupft und vergrätzt sitze ich an der ersten Tasse Kaffee und will nichts, als in Ruhe gelassen werden. Da schleppt die beste aller Ehefrauen eine offenbar schwere Pappschachtel an mir vorbei durchs Zimmer. Pflichtbewusst stehe ich auf, ihr bei und übernehme den Karton. Sagenhaft, dieses Gewicht im Vergleich mit den Abmessungen. Das kann doch nur ein Christbaumständer sein!

Japsend greife ich mir an die Brust und versuche irgendwie mit der Tatsache fertig zu werden, dass die bessere Hälfte bereits einen Monat vor dem grausigen Termin alle notwendigen Foltergeräte aus dem Keller schafft. Ich versuche, mich eben mit dem Gedanken anzufreunden, ein Novemberwochenende mit dem Aufbau der Krippe zu verbringen, als das Gespons mein Leiden mit den Worten beendet: »Bring den doch mal ins Auto. Wir verleihen das Ding ans Kindertheater für die Waldszenen in Hänsel und Gretel.« — Pfff…

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1101554451

Kommentar abgeben: