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Freitag, 10.12.2004

Elektrodomestiziert

Herr Mens und die Pfaffentittchen

Als ich gestern am späten Abend den Vorratskeller betrat, um von meinem Freund, Herrn Mens, ein Bierchen zu erschnorren, erlebte ich eine Überraschung. Gewiss, Herr Mens lehnte an seinem Stammplatz an der Wand gegenüber vom Weinregal und brummelte wie gewöhnlich leise vor sich hin. Doch als ich seine Tür öffnete, bot sich mir ein Bild des Schreckens.

Nicht eine einzige Flasche Bier stand im hell erleuchteten Bauch meines alten Freundes. Genauer gesagt waren da überhaupt keine Flaschen mehr zu sehen, weder Bier noch Wein. Mens war gerammelt voll mit Plastikschüsseln. Sie wissen schon: diese robusten, dickwandigen, milchglasigen, hochflexiblen Schüsseln aus Polyäthylen, abgedeckt von dickwülstigen, ebenso stabilen Plastikdeckeln in unterschiedlichster Farbgebung; diese Kunststoffdinger, die nicht im Haushaltswarenladen, sondern erstaunlicherweise auf sogenannten »Partys« verscherbelt werden, die ausschließlich von Menschen weiblichen Geschlechts besucht werden; ganz so, als ob es sich um unanständige Dessous handelte, deren Anblick man dem Manne nur in abgeschiedener Zweisamkeit gestattet, die zu belachen, zu betasten und zu kaufen sich Frau nur in Gesellschaft ihrer Freundinnen traut. Aber wahrscheinlich ist der ganze Partyzinnober einfach nur Teil des erfolgreichen Marketingkonzeptes der Firma von Earl S. Tupper.

Ja, von solchen Schüsseln bis in den letzten Winkel gefüllt war also der Bauch von Herrn Mens. Irritiert und bewegungslos verharrte ich noch vor meinem Freund, als der sich räusperte und zu schnarren begann: »Falls Sie das Bier suchen, Herr Brossmann, das steht hinten rechts in der Kellerecke. Ihre Frau hat vor ein paar Tagen alle Flaschen wieder in den Kasten gestellt und mir diese Schalen zur Aufbewahrung überlassen.«
Hörte ich da einen Anflug von Kritik in der Stimme meines Freundes? Noch bevor ich mir dazu eine Meinung bilden konnte, fuhr er fort: »Ich frage mich schon seit Jahren, was das eigentlich ist, das hier regelmäßig im November eingelagert wird.«

Also nahm ich eine der Schüsseln heraus und öffnete sie. Sie war bis zum Rand gefüllt mit einer glatten, zementfarbenen Masse von der Konsistenz frischen Wandspachtels. »Das, mein lieber Herr Mens«, antwortete ich lächelnd, »das sind Pfaffentittchen!«

Erwähnte ich eigentlich schon einmal, dass einer der Gründe, ach was: der Hauptgrund für die frühadventliche Planungswut der besten aller Ehefrauen darin zu suchen ist, dass sie übergangslos direkt im Anschluss an die Herbstferien bis zum Fest der Feste ununterbrochen bis zu den Ellenbogen in Plätzchenteig steckt? Aus diesem fertigt sie die berühmten Pfaffentittchen. Nach einem uralten, seit Jahrhunderten durch Mund-zu-Mund-Propagande von Mutter zu Tochter, oder in Ermangelung einer solchen von Mutter zu Schwiegertochter überlieferten Familienrezept wird das Weihnachtsgebäck hergestellt. In Mengen. In Massen. Tonnenweise. Wissen Sie eigentlich, in welcher Maßeinheit nicht nur Pfaffentittchen, sondern auch alle anderen Arten von Weichnachtsplätzchen gemessen werden? In Gramm? Oder in Stück? Nein. Plätzchenmengen misst man in Blechen. Wieviele Bleche hast du diese Jahr gebacken? Mit solchen Fragen wird zwischen Frauengenerationen ein verbales Kräftemessen veranstaltet. »Ach, dieses Jahr habe ich nur fünfzehn geschafft.« – Fünfzehn Bleche! Als ob wir in einer Großbäckerei lebten, die den gesamten Rhein-Main-Raum versorgen müsste mit älplerischen Leckereien.
Dafür jedenfalls benötigt die beste aller Ehefrauen auch den allerletzten Winkel des verfügbaren Kühlraumes in unserem Haus.

Denn nur nach ausreichend langer Kühlung des Teiges gelingen die Pfaffentittchen. Wie überhaupt bei diesem Rezept ungeheuer viel von nicht schriftlich festzuhaltenden Details abhängt. Das falsche Lied zum Teigkneten geträllert, und schon fallen die Plätzchen in sich zusammen wie Pfadfinderzelte, in denen die Zentralstange geknickt wurde. Tatsächlich ist es keiner der Plätzchenbäckersfrauen in meinem persönlichen Umfeld trotz gleicher Zutaten jemals gelungen, identische Pfaffentittchen herzustellen. Während die meiner besseren Hälfte ihrem Namen alle Ehre machen, so finde ich zumindest, erinnern die meiner Mutter eher an Nonneneuter.

»Pah!«, zischte Herr Mens, als ich ihm dies alles erzählte. »Von wegen falsches Lied. Daran ist doch nur der Neff Schuld!« – »Sie, Herr Mens, das sagt meine Frau auch immer.« Ganz ehrlich erstaunt war ich über die seltene Übereinstimmung zwischen meinem ältesten Freund und meiner besseren Hälfte. Auch diese gibt stets dem Herd die Schuld.
»Das ist doch klar«, fuhr Mens fort. »Der Neff ist eine fiese Sau. Das wissen wir alle, sogar der Dyson, der kein Wort deutsch versteht.« Ich runzelte ankündigend die Stirne, um der unbotmäßigen Wortwahl sofort Einhalt zu gebieten, doch schon setzte Mens erneut an:
»Wo wir schon mal dabei sind, Herr Brossmann. Das kann nicht so weiter gehen. Seit Jahren schon versteht man weder die Radio- noch die Fernsehgeräte in diesem Haus. Alle reden sie japanisch. Und jetzt haben Sie auch noch diesen Dyson gekauft, einen englischen Staubsauger. Ich finde, es wird Zeit für ein bisschen Leitkultur in Ihrem Haushalt, Herr Brossmann. Alle Elektrogeräte, die hier leben und arbeiten wollen, müssen auch deutsch lernen!«

Ein wenig verwirrt dachte ich noch über den haushaltsgesellschaftlichen Vorschlag meines Freundes nach, als dieser bereits das Thema erneut gewechselt hatte. »Warum backt Ihre Frau eigentlich all diese Plätzchen, wenn Sie ihr doch nie gelingen?« – Dies war eine berechtigte Frage. Warum buk die beste aller Ehefrauen Jahr für Jahr blecheweise Pfaffentittchen, wenn sie hinterher doch nur wieder am Resultat der eigenen Produkte herumnörgelte?
Das musste an irgendsoeiner rollenspezifischen Traditionspsychose liegen. So wie ich beispielsweise immer um den dreiundzwanzigsten Dezember herum in die Wehrmachtsstiefel schlüpfe, die ohrenabdeckende Schirmmütze aufs Haupt setze, die Axt schultere und mit meinem Stammhalter im Schlepptau losgehe, um eine »schöne Tanne« zu schlagen. – »Männer, zieht in den Wald!«

Aber das ist eine Geschichte, die ein andermal erzählt werden will.

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1102672379

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