Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Donnerstag, 13.1.2005

Die WG Oberschrank

Mit Henkel dran

Meinen Beitrag zum Tage möchte ich heute einmal einem Objekt widmen, dem die glühende Leidenschaft ganzer Heerscharen von Bürohengsten und Officestuten gilt. Sie alle sehnen sich bereits mit dem Verlassen der heimischen Herdstatt nach der ersten Berührung, dem täglichen Initialkontakt mit dem Gegenstand der Begierde. Um Missverständnissen vorzubeugen, weise ich zunächst darauf hin, dass die Rede nicht etwa von der Tastatur des Bürorechners sein soll. Auch Körperteile menschlicher Büroliebschaften sind nicht gemeint.

Vielmehr ist es mir ein Anliegen, die zahllose Schar der Bürotassen ins rechte Licht zu rücken. Vor vielen Jahren, als ich meine allererste feste Anstellung antreten sollte, bedachte mich meine Lieblingstante mit Porzellanernem: einer edlen Tasse samt Untersetzer aus dem Hause Rosenthal. »Wirst ja jetzt viel am Schreibtisch sitzen, da brauchst du deine eigene Kaffeetasse«, meinte die Tante. Die wohlgemeinte Ausstattung weckte Assoziationen zum Sesselpupsen, zum Ärmelschoner tragenden Beamtentypus mit einem Arsenal aus Druckbleistift und zwei Kugelschreibern (blaue Mine, schwarze Mine) in der Brusttasche des Hemdes; mit eselsohrigem Karoblock neben dem Telefon; und mit eben der Bürotasse auf der Schreibtischplatte, stets am gleichen, durch kaffeebraune, angetrocknete Ringformationen gekennzeichneten Stammplatz.

Na ja, lange hat sie es nicht gemacht, meine Luxustasse. Für das raue Leben in Büroetagen sind sie nicht geeignet, diese dünnwandigen Kreaturen. Karambolagen am Rande des Spülbeckens überstehen sie ebenso schlecht wie die rasanten Reinigungsfahrten in eng bestückten Spülmaschinen. Seit dem Tod meiner Erstausstattung ziehe ich die robusteren Ausführungen der Bürotasse vor. Zum einen halten die Dinger mehr aus, und zum anderen ist es auch egal, wenn sie doch einmal zu Bruch gehen. Jedenfalls meistens.
Unverwechselbare Kennzeichen einer echten Bürotasse sind Form und Gestaltung. Tassen im eigentlichen Sinne sind es nämlich keinesfalls, auch wenn sich Henkel an ihnen befinden. Vielmehr handelt es sich eher um Becher oder um Humpen, zärtlich auch gerne »Pötte« genannt. Selten sind diese Gefäße ansprechend gestaltet, sind es doch in der Regel Werbegeschenke von Geschäftspartnern; zu hässlich, um sie zu Hause der Familie vorzusetzen, zu praktisch, um sie direkt nach Erhalt zu entsorgen. Solche Bürotassen wandern fast immer in den Gemeinschaftsschrank der Firmenabteilung:

»He, da kommt 'ne Neue«, tönt der Wortführer im Oberschrank, Dr. Lender, seines Zeichens Unternehmensberater. Schüchtern schiebt sich die so jäh angekündigte Tasse an den anderen vorbei in eine der Ecken. Nur nicht auffallen! Dabei ist dies so gut wie unmöglich. Lichtreflexe glitzern auf der makellosen Glasur der Neuen. Dr. Lender hingegen hat wie viele andere auch längst Altersflecken vom langjährigen Befüllen und dem Reiben an Metalllöffeln. Alle starren den Neuzugang an. Wer ist diese Tasse?

Java»Ach, lass sie doch in Ruhe, Lender«, mischt sich Java Sun ein. Er ist der unumstrittene Liebling aller Nerds unter den Bürohengsten. Kein Tag zieht in die Spülküche, an dem Java nicht als einer der ersten abgeholt und einer der letzten zurückgebracht würde. Seine Abenteuer und die Geschichten, die er darüber zu erzählen weiß, haben ihn beliebt gemacht bei den anderen Bürotassen. Außerdem sieht Java ziemlich gut aus. Er kann es sich erlauben selbst dem massigen Lender zu widersprechen.
Die Lexmark-Drillinge murren im Chor, weil sie alle ein wenig verliebt sind in Java. Natürlich wissen die drei, dass sie nicht besonders hübsch sind; Mauerblümchen eben, die nur dann zum Kaffeeklatsch geladen werden, wenn kaum mehr Porzellankonkurrenz im Schrank steht. Doch ist es nicht trotzdem zum Verzweifeln? Kaum erscheint eine neue Tasse im Schrank, schon beginnt ihr Schwarm zu flirten.

»Wo kommst du denn her? Wie heißt du?« – Java sind seine Mitbewohner egal. Er hat nur noch Augen für die Neue, eine Exotin unter all den trüben Siemens-, Reuters-, IBM- und Deutsche-Bank-Tassen. Der Neuzugang schlägt verschämt die Augen nieder und haucht kaum hörbar: »Samma. Ik ben van Nederland.«

SammaSie ist wirklich etwas besonderes. Sammas Haut ist nicht grell weiß wie die anderer Tassen, sondern eher altweiß, ohne jedoch ins Gelbliche zu verfallen. Besonders auffällig wirkt ihr Dekor. Wo die meisten anderen prahlerisch mit kontrastreichen und großbuchstabigen Aufdrucken ihrer Eltern versehen sind, trägt Samma wie eine dezente Tätowierung einen geheimnisvollen Schriftzug, der sie sofort aus der Masse heraushebt: »I am God's original creation«.

Man muss sich einmal vergegenwärtigen, welche Besonderheit eine solche Selbstauskunft für Tassen bereits im Allgemeinen darstellt. Im Umfeld der Bürotassen der WG Oberschrank jedenfalls war Samma vom ersten Augeblick an eine Unerhörtheit. Wie ihr alle längst erraten habt, waren sich Java und Samma rasch in gegenseitiger Leidenschaft zugetan. Ebenso klar ist euch aber sicherlich, dass der alte Lender und ein paar weitere, besonders harte Tassen diese Romanze nicht ohne Widerstand hinnehmen wollten. In unserer Kaffeeküche entbrannte ein meist stiller, manchmal leise klirrender Streit um die Gunst Sammas von den niederländischen Antillen.
Nur gut, dass Java und Samma einen Beschützer gefunden haben. Schließlich gibt es ja mich. So oft es geht, hole ich die beiden gemeinsam aus dem Schrank, um ihnen ein paar Stunden trauter Zweisamkeit in meinem Büro zu verschaffen. Natürlich denke ich daran, die Zimmertüre zu schließen, damit keine neidischen Blicke anderer Tassen die Schäferstündchen stören. Und abends, wenn ich die Spülmaschine leerräume, bevor ich nach Hause gehe, suche ich für Samma stets einen Platz neben Java im Oberschrank der Bürotassen-WG.

Was bisher in der WG Oberschrank geschah:
Die blöde Kuh (13.4.05)
Mit Henkel dran

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1105614965

Kommentare

andreas, 13.1.2005 um 17:32 h:

Ein tolles Thema und sehr zartfühlend aufgesetzt. Und weil ich keinen grünen Daumen habe, fühle ich mich meiner Kaffeetasse auch mehr verbunden als einige meiner Kollegen sich ihren kühn über die Fensterbank schwankenden Ficci? (pl. von Ficcus?). Sie hat zwar keinen trendigen oder nerdmässigen Aufdruck auf ihrer Wandung, aber sie ist einfach so wie sie ist, schwarz und blau, elegant geschwungene Hüften und trotz ihres Oversize XXL Volumens total sexy. Als ich sie damals vor vielen Jahren in einem Laden im Regal stehen sah, konnte ich mein entzücktes Auge in ihrer spiegelnden Keramikoberfläche sehen und war sofort wie vom Blitz getroffen. Und wenn du und deine Leser mir versprechen sie mit Respekt zu betrachten, dann habe ich hier ein sehr intimes Aktphoto von ihr ...

Ulf, 13.1.2005 um 21:07 h:

Ah! – Und im Henkel ist gar noch das Spiegelbild des Ficusbaumes zu erkennen. Sehr schön.
Im Übrigen habe ich mir erklären lassen, dass es zu lateinischen Gattungsnamen wie zum Beispiel »Ficus« keine Pluralbildung gibt. Man spricht dann eben von Ficusbäumen oder von Birkenfeigen.

Nachtrag von Ulf, 14.1.2005 um 7:51 h:

Danke für die E-Mails. Um es mal in aller Deutlich- und Öffentlichkeit zu sagen: Ja, ich bin »tatsächlich so ein Freak«. Ich gestehe, ein Verhältnis mit Samma zu haben. Ein gutes noch dazu!
 
Samma on my desk

Meine in Bezug auf Tassen bisexuellen Neigungen mit Hang zum flotten Dreier konnte ich leider nicht dokumentieren, da Java heute leider schon vergriffen war, als ich im Büro ankam.

andreas, 14.1.2005 um 10:43 h:

Ja, die Spiegelung zeigt das vertrocknete Etwas, was mal, zu seinen Lebzeiten, ein Ficusbäumchen war. Ich danke dir für die Erklärung, denn ich habe das gestern noch in dem Buch "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" gesucht und nicht gefunden (aber mir schon irgendwie gedacht ..:)

Ulf, 15.1.2005 um 0:44 h:

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod: Visas – Die Mehrzahl gönn ich mir (Seite 51 ff.)
Auf Seite 53 unten beginnt ein Absatz mit der Passage »Ein angehender Medizinstudent wollte von mir wissen, wie die Mehrzahl von Exitus lautet.« – »Der Plural von Exitus lautet Todesfälle, sagte ich. Das klingt zwar nicht so gelehrt, wie es die Mediziner lieben, aber dem Tod ist es egal, ob man ihn auf Deutsch oder Latein anredet.«

Von »Ficus« oder »Fici« ist zwar nicht die Rede im Abschnitt über unzählbare Hauptwörter, da muss man schon der bereits weiter oben in den Kommentaren zitierten Aussage über Gattungsnamen Glauben schenken. Trotzdem ist der »Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache«, respektive der Zwiebelfisch, von Bastian Sick eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte Lektüre.

Kommentar abgeben: