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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Samstag, 22.1.2005

Worte zum Wochenende

Von Fischen, Ratten und anderen Charakteren

So ist das also: »Eine zufällige Begegnung könnte Ihr gesamtes Leben verändern. Beruflich kommen Sie einen beachtlichen Schritt vorwärts.« - Ich bin begeistert. Es scheint mir gut zu gehen, und die Chancen, die an meiner Türschwelle lauern, lassen mich beschwingt in den Tag starten. Erst am Abend werde ich mir auf dem harten Boden der Tatsachen seelische Prellungen zuziehen; wenn nämlich wieder einmal mein Leben unverändert geblieben ist, wenn keine zufällige Begegnung stattgefunden haben wird, wenn mein Beruf auch nicht das geringste Zeichen von Fortschritt hat erkennen lassen. Aber zum Glück gibt es morgen ja wieder ein Horoskop für den Fischemann.

So, oder so ähnlich stelle ich mir Befindlichkeiten von Zeitgenossen vor, die sich tagtäglich ihre Portion Sterndeuterei reinziehen, um der grauen Realität ihrer Existenz ein wenig mehr Farbe zu verleihen. Wie oft auch nicht eine einzige solcher geheimnisumwitterten Prognosen eintreffen mag, die Hoffnung stets stirbt zuletzt. Genauso wenig wie von den klassischen, westlichen Horoskopen halte ich im Übrigen auch von der asiatischen Sterndeuterei. Es ist längst zur Unart geworden, jenseits des Ural auf die Suche nach Erleuchtung zu gehen. Ein Beispiel: Aus meiner Zitatesammlung, die auf diesem Bildschirm die Ecke rechts oben mit Wörtlichem speist, stammt eine Erkenntnis des deutschen Alt-Präsident Richard von Weizsäcker: »Von den Chinesen könnten wir derzeit viel lernen. Sie haben für Krise und Chance das selbe Schriftzeichen.«

Ja, ja. Und Konfuzius hat immer gelächelt und die Weisheit mit Löffeln gefressen. Es wäre aber auch zu schön gewesen, wenn sich Richard nicht geirrt hätte. Jedoch werden im Chinesischen abstrakte Begriffe oft aus zwei Wörtern beziehungsweise Schriftzeichen zusammengesetzt. Krise heißt 危机 (weiji), Chance aber 机会 (jihui). In beiden Begriffen kommt das Zeichen 机 (ji) vor, das man mit Gelegenheit übersetzen kann. Wei bedeutet Gefahr, sodass also die Krise weiji eine Bedrohung mit Gelegenheit zur Wende darstellt. Hui muss man hingegen ebenfalls mit Gelegenheit übersetzen, so dass die Chance im Chinesischen also eine doppelte Gelegenheit ist. (Quelle)

Soviel zu falsch kolportierten Weisheiten aus dem Fernen Osten. Aber ich schweife vom Thema ab; es ging mir eigentlich um das chinesische Horoskop. Wenn ich mir anhöre, was mich im Land des Lächelns als Ratte ausmacht, kann ich kaum Unterschiede zum dümmlichen Geschwafel über die besagten zufälligen Begegnungen erkennen: »Der Ratte-Mann ist ein sehr strebsamer und besonders sparsamer Mensch. Er steckt voller Energie und Ehrgeiz und will in seinem Leben etwas erreichen. Ratte-Geborene besitzen Charme und eine listige Schläue, die sie immer wieder einsetzen, um zum angestrebten Ziel zu gelangen.« Nein danke, da bekomme ich echt die 危机.

Ich bin kein Fischemann und auch keine Ratte. Ich bin etwas ganz anderes, nämlich ein Schalter. Genauer gesagt ein Lichtschalter.

Ganz im Ernst, der Lichtschalter charakterisiert mich viel besser, als jedes Getier, das da kreuchen und fleuchen mag. Um diese Aussage beurteilen zu können, muss man wissen, dass der Haushalt, den die beste aller Ehefrauen und ich führen, fast nur aus Kupferdraht, Leuchtmitteln und elektrischen Steuerungselementen zu bestehen scheint. Manchmal glaube ich, das Mauerwerk wird allein durch die Verkabelung vor dem Zusammenbruch bewahrt. Wir verfügen über insgesamt 65 Lichtquellen, die über 54 Kipp-, Schiebe-, Dreh- und Kombischalter zum Erstrahlen gebracht werden. Absichtlich erwähne ich hier nur das Anschalten der Glühbirnen, Neonröhren und Energiesparlampen. Denn obwohl die zugehörigen Schaltelemente in technischer Hinsicht durchaus in der Lage wären, das Abschalten der Leuchtmittel zu bewerkstelligen, werden sie zu diesem Zweck nicht genutzt.
Ich muss mich geringfügig korrigieren: Licht wird bei uns nur einmal am Tag abgeschaltet. Dies geschieht in der Regel kurz vor der Geisterstunde. Der Grund hierfür ist jedoch nicht darin zu suchen, dass wir etwa Vampiren und Gespenstern Gelegenheit zu schaurigem Treiben geben wollten. Vielmehr ist es so, dass ich um diese Zeit müde werde und meine Runde durch das Haus antrete. »Hört ihr Leute, lasst euch sagen; der Stromzähler hat 12 Kilowattstunden geschlagen!« Mit diesem fröhlichen Liedchen zwar nicht auf den Lippen, sondern stumm im Gehirn geträllert tapere ich durch alle Etagen des deskriptiven Haushalts und knipse, was die Fingerkuppe hält. Wie ist es möglich, dass tatsächlich täglich alle Leuchtquellen auf vier Etagen benötigt werden? Manchmal träumt mir von kleinen Hauselfen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit auf leisen Sohlen durch die Räume streichen und dafür Sorge tragen, dass auch wirklich jedes auch noch so abgelegene Glühbirnchen angeknipst wird.

Mein Lieblingsphänomen ist die Leuchte in unserem Heizungskeller. Wenn ich mir einmal den Spaß mache, etwa an einem Wochenende mehrmals täglich zu prüfen, ob die Heizung beleuchtet wird, kann ich das Licht auch zehnmal ausschalten; und doch leuchtet es beim nächsten Wachgang erneut. Wer hat da etwas von »Sisyphusarbeit« gesagt? Nicht doch, ich bin schließlich ein Lichtschalter, das bisschen Geknipse macht mir nichts aus. Das Motto eines jeden Lichtschalters muss stets lauten: »Der Letzte macht das Licht aus.«

Im wörtlich Sinn ist das in Ordnung. Doch ich fürchte, auch im übertragenen Sinn ein Lichtschalter zu sein. Schon zweimal in meinem Arbeitsleben habe ich die Aufgabe übernehmen müssen, das Licht in einem Laden auszuschalten. Als vor zehn Jahren mein Arbeitgeber in Barcelona die Segel strich, war ich zuletzt mit dem Inventarisieren der Infrastruktur betraut worden und machte nacheinander in jedem der Räume jetzt wieder im wahrsten Sinn des Wortes das Licht hinter mir aus. Im vergangenen Jahr war ich ebenfalls der letzte Mohikaner, der sich erst einen Monat vor Schließung der Abteilung verabschiedete.

Schon seit längerer Zeit spiele ich mit dem Gedanken, meine offenbar vorhandenen, übersinnlichen Fähigkeiten interessierten Unternehmen anzubieten. Sie wollen einen Standort schließen, wissen aber nicht wie sie das anstellen sollen? Stellen Sie mich für ein Jahr ein und der Laden geht vor die Hunde. Wissen Sie, ich bin ein Lichtschalter, ich sorge schon dafür, dass das Licht ausgeht.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1106348903

Kommentare

Claus [@], 26.1.2005 um 0:26 h:

Geht mir sehr ähnlich, leicht abgewandelt:
Jeder, der von meiner Arbeitskraft begeistert und mich mit Engelszungen zum anheuern bewegt hat war spätestens ein Jahr später entlassen.
Abteilungsleiter und Kollegen gehen, fliegen (und leider) sterben ständig um mich herum.
Man darf da ruhig mal drüber ins grübelm geraten.
Bin mir jedoch sicher, dass ich keinen Fluch auf mir lasten habe, sondern im Gegenteil von solchen Unbillen des Lebens ständig verschont werde.
"Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen." (Joh 1,5).
;)

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