Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Sonntag, 30.1.2005

Monatsrückblick

Düsterer Januar

Begonnen hatte das Jahr mit den lähmenden Nachklängen der Seebebenkatastrophe in Asien. Von einer »beispiellosen« – manchmal auch »beispielhaften« – Hilfsbereitschaft (ja was denn nun?) war ständig und in allen Medien die Rede. Die Leute spendeten und spenden wohl noch immer, was die Brieftasche hält. Über Sinn und Unsinn der Geldgaben war bereits ausführlich in den Kommentaren eines früheren Beitrags die Rede.

Was mich inzwischen wirklich stört, ist das selbstherrliche Wettrennen um die Spitzenplätze in der Spenderhitparade. — Tu Gutes und rede darüber? Politiker und Firmen zumindest in Deutschland überschlugen sich geradezu in ihren jeweils letzten Meldungen zum Stand der finanziellen Hilfeleistungen. Doch andererseits muss man mittlerweile leider immer öfter lesen, dass die Hilfsleistungen offenbar nicht an den Zielorten ankommen. Die Bevölkerung der betroffenen Gebiete ist immer noch weitgehend auf sich gestellt. Das ist mehr als schade, es macht mich betroffen.

Auch die Geschichten um den verstorbenen Modemacher Rudolph Moshammer sind nicht dazu geeignet, meine Laune zu bessern. Na schön, er hat zum Teil sicher selbst Schuld an den Umständen, die zu seiner Ermordung durch einen Gelegenheitsstricher führten. Auch das nachfolgende, unvermeidliche Hohelied über den schmerzhaften Verlust einer schillernden Persönlichkeit, die zu ersetzen wohl niemand in der Lage sein wird, lässt mich ganz ehrlich gesagt nur die Schultern zucken.
Traurig stimmt mich hingegen der Hintergrund, der Auslöser der Gewalttat war. Die Unvereinbarkeit zwischen arm und reich klafft offenbar immer weiter auseinander. Wenn ich es recht bedenke, gilt diese Erkenntnis auch für die Horrorgeschichte zum Tsunami. — Wohin soll das noch führen? Wird in einer fernen Zukunft der gesamte Planet nur mehr aus Ghetto und Beverly Hills bestehen. Düstere Aussichten sind das.

Es ist nicht verwunderlich, wenn mittellose Asylbewerber ausrasten, um ihren Teil am vermeintlich unerschöpflichen Wohlstand anderer, in ihren Augen Superreicher zu beanspruchen. Erstaunlich wäre das Gegenteil. Ebenso wenig kann mich ein anderer aktueller Fall von eigenmächtiger Bereicherung in echte Empörung versetzen. Dass ein junger Kerl wie Robert Hoyzer der Versuchung erliegt, seine schiedsrichterliche Unfehlbarkeit in bare Münze umzusetzen, kann doch tatsächlich niemanden erstaunen.

Solange die Spitzen unserer Gesellschaft nur in Gewinnmaximierung, in Shareholder Value, in auszuschöpfenden Potenzialen und einzusparenden Ausgaben denken und handeln und diese Grundeinstellung auch noch als Kompetenz ausweisen dürfen, ist jede Verwunderung über die eben geschilderten Fälle fehl am Platze. Mehr und mehr – und immer seltener moniert! – geht uns das soziale Augenmerk verloren.

Als weiterer Beweis dieser Erkenntnis mag eine Randnotiz zur Situation der Opelwerke in Deutschland dienen. Kaum einer regte sich mehr auf, als die Konzernleitung aus den USA im Januar die deutschen Angestellten wissen ließ, man sei ja im Prinzip mit der gelieferten Qualität zufrieden. Nur die Gehälter müssten runter. Sonst gehe es zu Ende mit der Produktion in Deutschland.
In aller Deutlichkeit muss man sich einmal klar machen, was die leitenden Herren da ganz ohne Scham verkünden: Wenn die Kosten nicht sinken, sind wir eher dazu bereit, billig Ramsch zu liefern, als der Kundschaft hochwertige Produkte zu entsprechenden Preisen anzubieten. Für schlechte Verkäufer bestand schon immer der einzig gangbare Weg zum Kunden im Schrauben am Preis. (Ich spreche da durchaus aus eigener Erfahrung.)

Auf soziale Gerechtigkeit werden wir noch lange ewig warten müssen. Dies macht auch die verfassungsrichterliche Entscheidung für die Erhebung von Studiengebühren deutlich. Am Freitag noch hatte ich mich darüber lustig gemacht, dass bayerische Politiker zur Finanzierung Nachhilfestunden propagieren. Inzwischen habe ich eine etwas differenziertere Einstellung zur Gebührenerhebung. Interessant und zumindest nachdenklich stimmend ist eine Fallschilderung von Craig Morris, der über die Gebührenpraxis aus seiner eigenen Studienzeit in den USA Positives zu berichten weiß.
Leider kann mich selbst ein solcher Silberstreif am Horizont nicht aus meiner winterlichen Depression reißen. Ist mir doch längst klar geworden, dass die Einnahmen aus den Studiengebühren nur zu Bruchteilen dort landen werden, wo sie tatsächlich gebraucht würden: an den Universitäten nämlich. Tatsächlich wird das Geld wie so viele Einnahmen des Staates und der Länder zwar offiziell zweckgebunden sein. Was aber Zweckgebundenheit umfassen soll, ist dehnbar. Und da haben wir sie wieder, die Begehrlichkeiten, die leuchtenden Augen derer, die längst wissen, was sie mit der Knete anfangen werden.

Ach, Januar, deine kalten Klauen haben mich fest im Griff. Lass ab, du Gnadenloser, auf dass der Februar mir den Rest besorgen möge.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1107123860

Kommentare

Christian, 1.2.2005 um 8:36 h:

Silberstreif am Horizont der sozialen Gerechtigkeit ... ein Schauer läuft dabei über meinen Rücken, wenn ich an die Möglichkeiten denke, dieses geplante System noch effektiver auszuweiten ... warum nur Studenten mit Kredit ausstatten??? Haben wir nicht auch Probleme in den Kindergärten? Angenommen man stattete ein Kind mit der Geburt gleich mit entsprechendem Kreditrahmen aus, vielen Eltern fiele die Entscheidung doch leichter. Und Chancengleichheit wäre dann auch gegeben, Unabhängigkeit von den unzulänglichkeiten finanzschwacher Erzieher, jedes Kind kann sich die bestmögliche Ausbildung und Erziehung leisten ... ein Traum vom Paradies ? =:-)
Gegen die Rückzahlung kann man sich bis dahin sicher Versichern...

Kommentar abgeben: