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Mittwoch, 9.2.2005

Braune Bildungslücken

Vor vier Tagen hatte Vasili auf ein besonderes Foto vom Magdeburger NPD-Aufzug im Januar hingewiesen: »Hart wie Kruppstahl, doof wie Brot«? — Was habe ich gelacht!

Inzwischen ist mir das Lachen im Halse stecken geblieben. Gewiss, beim Anblick der Nationalisten, wie sie mit stolzgeschwellter Brust ihr Spruchband vor sich hertragen und dabei nicht die geringste Ahnung davon haben, von welch geistiger Armut allein die Grammatik ihrer Aussage zeugt, kann man gar nicht anders als sich unter röhrendem Gelächter auf die Schenkel zu klopfen.

»Wir gedenken den Opfern des alliierten Holocaust« - Braun und blöde?Hätten doch die braunen Damen und Herren Plakatmaler ihre Nasen nur einmal auf den Titel eines Buches zum Preis von nicht mal neun Euro richten müssen: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Nie war der Titel von Bastian Sicks Attacke auf sprachliche Entgleisungen wahrer als in Magdeburg.

Ist es nicht herrlich, vor dem Hintergrund humanistischer Bildung und im vollen Bewusstsein der eigenen Überlegenheit auf solche Dokumente brauner Blödheit blicken zu können? Was sind doch die Nazikameraden allesamt bescheuert! Dümmer als die Politik erlaubt?

Das wirklich Dumme an der Angelegenheit ist jedoch, dass die Vordenker in der NPD ja ganz bewusst auf Stimmenfang im Lager der schlecht Ausgebildeten und Arbeitslosen gehen. Insofern beweist der grammatische Ausrutscher auf dem Foto nichts anderes als den Erfolg neuer nationalistischer Strategien. — Das sollte uns zu denken geben und uns vom hohen Ross der Bildungselite auf den harten Boden deutscher Aktualität herabholen.

Es reicht nicht aus, den Ungebildeten zu verhöhnen. Ebensowenig ist es ausreichend, wenn Politiker nun gegen Rechts demonstrieren wollen. Jens hat schon Recht: Es ist an der Zeit, die Debatten gegen den erstarkenden Rechtsradikalismus zu beenden und endlich Taten folgen zu lassen. Das sollte sich vor allem Herr Stoiber mit seinem Gequäke gegen die Regierung zu Herzen nehmen.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1107925201

Kommentare

sonrisa, 9.2.2005 um 17:48 h:

Gibts doch, die Taten: Jede Woche ein paar hundert Arbeitsplätze weniger, jede Woche etwas weniger Sozialstaat, jede Woche mehr Frustrierte. Also an den mangelnden Taten liegt es nicht bzw., ja, genau daran liegt es.

Ulf, 9.2.2005 um 20:41 h:

Eigentlich bezog ich mich mit den geforderten »Taten« auf einen neuerlichen NPD-Verbotsantrag. Aber wenn du es nun schon einmal ansprichst: Ja, der Frust sitzt allerorten tief in Deutschland. Ganz Michelland hadert mit den Sparplänen der Regierung und zittert angesichts geplanten Stellenabbaus in der Industrie. Ein jeder, den es noch nicht getroffen hat, bibbert und betet, die nächste Sparmaßnahme möge nicht ihn selbst treffen. Und die längst persönlich Betroffenen sind … frustriert.

Ganz plötzlich geht es rund zum Ende der fünften Jahreszeit: Der Deutsche Bank Chef Ackermann spricht aus, was längst beschlossene Sache und keineswegs ein Geheimnis ist. Schon prasseln aus allen Richtungen Reaktionen auf den unbeschirmten Bürger ein. Grünenchef Bütikofer attackiert den Bankmann, wirft ihm rücksichtsloses Verhalten vor, die SPD-Frau Ypsilanti prescht ebenfalls vor und fordert den Kundenboykott des Geldinstituts. Der Börsenexperte Gerke kontert mit der Feststellung, dass Banken nicht für Sozialpolitik zuständig seien und fordert Ackermann auf, Frau Ypsilanti zu verklagen. Und der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Herr Walter, setzt noch einen drauf, indem er die deutsche Jammermentalität geißelt und Subventionen etwa im Kohlebergbau brandmarkt.
Regierungschef Schröder versucht zurückzurudern, indem er sein eigenes Sparpaket links (oder rechts?) liegen lässt und die Wirtschaft zu sozialverträglichem Handeln aufruft.

Alles schreit durcheinander, alle haben sie Recht, oder behaupten das zumindest. Währenddessen reiben sich die braunen Chargen die Hände. — Ein Hühnerhaufen ist das, ein Kindergarten, dem jegliche Konsens- und Kompromissfähigkeit fehlt. Ein unbeherrschtes und trauriges Bild geben sie allesamt ab, unsere Spitzenkräfte in Politik und Industrie.

Nachtrag von Ulf, 9.2.2005 um 20:44 h:

Hat Frau Merkel eigentlich schon den Mund aufgemacht? Oder liegt sie noch im Karnevalskoma?

vasili, 9.2.2005 um 23:19 h:

frau wer?

sonrisa, 10.2.2005 um 14:11 h:

Im Gegenteil, denke ich. Die gegenwärtige Politik basiert doch auf einem großen Konsens der Parteien. Das Durcheinander ist nichts als der gewöhnliche politische Tagespopulismus, mit Blick auf die wöchentlichen Umfragewerte. Dahinter jedoch besteht eine breite Einigkeit. Wenn es eine Spaltung im Lande gibt, dann ist es die zwischen den Arbeitslosen/Sozialhilfeempfängern/Mini- und 1 Eurojobbern und den leidlich gut bis sehr gut Beschäftigten.

Opposition in der Wirtschaftspolitik ist in Berlin für mich nicht auszumachen.

Ulf, 10.2.2005 um 20:06 h:

Wirtschaftsopposition nicht auszumachen? — Warum, so frage ich mich, krakeelt dann der Herr Stoiber herum und erklärt die SPD-Regierung zum Schuldigen an der Arbeitslosenmisere? Hat er etwa kein Gegenrezept, dieser Schaumschläger?

sonrisa, 11.2.2005 um 0:19 h:

Alle haben sie nur noch das eine Verlegenheitsrezept. Wieso ein Stoiber krakeelt? Weil er gar nicht anders kann, würde ich meinen. Meine Frage lautet, wie weit die Misere ein Produkt ihrer vermeintlichen Beseitigung darstellt. Die Nazis können einem da beinahe schon leid tun. Wenn ich bei Maz lese, dass sie heute nicht einmal Heil Hiltler rufen dürfen, ohne mit zerschlagenem Gebiss und Verfahren vor Kadi zu landen, dann mag mich die Bande nicht schrecken. Man sollte sie gut beschützen, dass man sie den Touristen ab und an vorführen kann, sonst schadet das einmal mehr der Wirtschaft. Überhaupt gehört da schon was zu, sich mit so einem Fähnchen wie da oben auf die Straße zu wagen. Nazisein ist heute wirklich keine Freude, immerhin können die Backpflaumen später mal ihr Elend auf eine dämliche Ideologie schieben. Mir dagegen bleiben nur Politpomeranzen wie Schröder & Co. Schön sind sie nicht, solche Aussichten.

Ulf, 11.2.2005 um 22:48 h:

Moah! — Wenn ich deinen Sarkasmus nicht kennte, seit ich bei dir mitlese, wäre ich wohl irritiert ob deiner »Mitleidstour« mit den bedauernswerten Neos. So aber erfreue ich mich an deinem schwarzen Gedankengut und merke nur mehr an, dass wir uns trotz allen braunen Geraunzes glücklich schätzen dürfen. Glücklich, weil die Burschen nach allem, was man hört und liest, untereinander derart zerstritten sind, dass echte Gefahr nicht droht. Denn bei den derzeitig präsenten demokratischen Alternativen wäre mit annähernd absoluter Gewissheit zu befürchten, dass Braun erneut ganz oben schwömme, hätten sie nur eine halbwegs emblematische »Führerfigur« zu bieten. Na dann gute Nacht!

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