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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Freitag, 25.2.2005

Lebenszeichen

Freundschaft

Ganz dicke Freunde sind sie ja seit Mittwoch wieder, unser Gerhard und der Georg von der anderen Seite des großen Teichs. Und natürlich auch der Schackes und der Georg; und inzwischen ganz gestimmt auch der Wladimir und der Georg. Störend an den gegenseitigen Verbundenheitsbeteuerungen mit begleitendem Dauerhändeschütteln und Presselächeln ist allerdings, dass die ganze Welt weiß, wie weit entfernt die genannten Herren tatsächlich von gegenseitiger »Freundschaft« sind.

Liisa fragte gestern unter anderem nach der Definition von Freundschaft1. Kurz und bündig, mehr oder weniger zusammenhangslos sechs Fragen zu einem so schwer fassbaren Thema zu beantworten, brachte ich nicht über mich. Aber losgelassen hat mich das Stichwort den ganzen Tag lang nicht. Was ist Freundschaft?

Einigkeit herrscht sicher auf breiter Front darüber, dass die Verbindlichkeiten, die die Herren Politiker in den vergangenen Tagen demonstrierten, keine Freundschaften sind, sondern vielmehr Waffenstillstandsabkommen. — Was ich unter Freundschaft verstehe, wächst aus der zarten Pflanze der Sympathie. Ich fühle mich zunächst schlicht und einfach wohl in der Gegenwart einer anderen Person, wenn mir ihr Auftreten gefällt; wenn ihre Ansichten zu Themen, die mir selbst wichtig sind, entweder mit meinen eigenen übereinstimmen, oder aber befruchtend anders sind; wenn ich merke, dass mich diese Person ebenfalls anerkennt und achtet.
Aus der anfänglichen Sympathie kann Freundschaft entstehen durch gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse. Je mehr Gemeinsamkeiten zwei Menschen verbinden, desto enger wird ihre Freundschaft. Oder wie Joanne Rowling in ihrem ersten Potter-Roman schrieb: »Es gibt Dinge, die man nicht gemeinsam erleben kann, ohne dass man Freundschaft schließt, und einen fast vier Meter großen Bergtroll zu erlegen gehört gewiss dazu.« (Quelle)

Aus dieser Definition ergibt sich zwangsläufig die Schlussfolgerung, dass es keine Strategien2 oder Orte3 geben kann, mit oder an denen man Freundschaft suchen kann. Auch die Frage nach Mindestanforderungen an Freunde4 ist absurd. Freunde kann ich weder zielgerichtet suchen, noch kann ich sie mir aussuchen.
Beim Schreiben dieser Zeilen erinnere ich mich an »Horli«, den ich zweifellos als Freund bezeichnen darf. Ich mochte ihn gern, wir spielten über lange Zeit hinweg Schach miteinander. Aber Dritte aus meinem Bekanntenkreis grinsten oft über ihn. Zugegeben, Horli war ein bisschen verschroben und rein äußerlich das Gegenteil von mir. Wir kamen immer wie Pat und Patachon daher. Hätte ich nichts über meinen Freund gewusst, hätte ich ihn zum ersten Mal gesehen, ich hätte sicher nicht davon geträumt, ihn zum Freund zu haben. Ausgesucht hatte ich mir Horli nicht, aber trotzdem zählte er zu meinen besten Freunden.
Allein schon der Gedanke, mich auf die Suche nach Freunden zu begeben, erscheint mir völlig abwegig. Natürlich kann ich mich möglichst oft unter möglichst viele Menschen begeben, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, auf jemanden zu treffen, der mir sympathisch ist. Die gesuchte, geplante, erkämpfte Freundschaft aber ist keine solche, sondern eine Illusion; eine Seifenblase, die irgendwann zerplatzt.

Aus meiner persönlichen Ansicht über das Wesen der Freundschaft geht auch hervor, dass Freundschaften nur langsam entstehen können, wobei der Geschwindigkeitsbegriff durchaus relativ ist. Was mir noch schnell vorkommt, mag für andere bereits eine kleine Ewigkeit sein. Aber eine Freundschaft auf den ersten Blick5 kann es meines Erachtens gar nicht geben. Man kann wohl von augenblicklicher Sympathie sprechen, die gar ein Ausmaß annehmen kann, dass man geneigt ist, sie mit plötzlicher Freundschaft zu verwechseln. Aber echte Freundschaft braucht die Gemeinsamkeit über Zeit hinweg.
Meine älteste Freundschaft6 verbindet mich mit meinem ehemaligen Nachbarn auf der Schulbank. Wir kennen uns nun seit fünfunddreißig Jahren, Freunde sind wir seit vierunddreißig. Obwohl uns unsere persönlichen Entwicklungen längst örtlich voneinander getrennt haben, stehen wir miteinander in Kontakt, wenn auch ziemlich unregelmäßig. Gesehen haben wir uns zuletzt vor vier oder fünf Jahren. Aber vor ein paar Wochen schrieb mir dieser Freund, dass echte Freundschaft nicht unbedingt den direkten Kontakt brauche. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Wenn ich recht darüber nachdenke, sind genau solche Überraschungen mein Rezept für Freundschaften6, die die Zeiten überdauern:
Immer wenn du an einen Freund denkst, sieh nicht in deinem Kalender nach, ob nicht er an der Reihe wäre, sich wieder einmal zu melden. Pack die Gelegenheit beim Schopf und nimm den Kontakt auf; per Telefon oder Mail, über ein kleines Geschenk oder was auch immer. Wäge nicht ab, ob deine spontane Idee passend oder unpassend sein könnte; ob sich der Freund freuen oder ärgern könnte, (so spät) von dir zu hören. Sei bedingungslos initiativ. Nur so wird sich zeigen, ob eure Gemeinsamkeiten die Zeit überdauern, oder ob die Freundschaft verblasst.

For the records Liisas Freundschaftsfragen:
»1. Deine ganz persönliche Definition von Freundschaft?
2. Neue Freunde, fallen sie Dir einfach zu oder hast Du bestimmte Strategien, um neue Freunde zu finden und wenn ja, welche?
3. Wo würdest Du am ehesten versuchen neue Freunde zu finden?
4. Wonach wählst Du Deine Freunde aus? Hast Du so eine Art ›Mindestanforderungen‹ an zukünftige Freunde und wenn ja, welche?
5. Gibt es Deiner Meinung nach Freundschaft auf den ersten Blick? Und wenn ja, ist sie auch tragfähig?
6. Wie alt ist Deine langjährigste Freundschaft und was ist Dein ganz persönlicher Tip für eine gute tragfähige Freundschaft?«

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1109311201

Kommentare

Liisa, 25.2.2005 um 9:56 h:

Hach Ulf, das ist ja ganz wunderbar, was Du auf die sechs Fragen zu antworten gewußt hast, da stört mich doch so ein "Aufsatz" - ich finde gar nicht mal, das es einer ist - doch überhaupt nicht.

Übrigens, daß die Fragen 2-4 etwas "kritisch" sind, war mir bewußt, aber es gibt ja durchaus Menschen, die auf diese Weise an das Thema Freundschaft herangehen - vielleicht auch, weil sie es nicht anders kennen oder gelernt haben (inklusive der dann meistens daraus folgenden Enttäuschungen).

Zur Frage 2+3: Es gibt ja Menschen, die aus irgendeinem Grund sehr leicht die Herzen anderer um sich herum erobern. Die brauchen gar nicht viel zu machen und jeder findet sie sympathisch und wäre gern ihr Freund. Dann gibt's aber auch Menschen, die auf den ersten und vielleicht auch noch den zweiten oder gar dritten Blick nicht so "anziehend" wirken. Was wenn solche Menschen nun auch gern Freunde hätten? Dann heißt es doch schnell "such Dir halt welche!" Was soll so ein Mensch dann tun, bzw. wo "suchen"? Dem dürfte ja wenig damit geholfen sein, wenn man ihm sagt warte halt einfach bis Dir ein "fast vier Meter großen Bergtroll begegnet" vielleicht ist gerade jemand in der Nähe und ihr werdet Freunde! ;o)

Zu Frage 4: Diese Frage mag auf den ersten Blick "absurd" erscheinen, aber ich glaube behaupten zu dürfen, daß es nicht wenige Menschen gibt, die tatsächlich "Mindestanforderungen" an potentielle "zukünftige" Freunde haben bzw. stellen - ob diese Mindestanforderungen in der Praxis tatsächlich zum Tragen kommen hängt allerdings noch von verschiedenen anderen Faktoren ab. Ich finde es interessant, daß die meisten Menschen auf diese Frage mit mehr oder weniger "Empörung" reagieren und allein die Vorstellung jemand könnte solche "Mindestanforderungen" stellen weit von sich weisen. Wenn man dann aber mal genauer nachhakt, stellt man fest, daß es diese "Mindestanforderungen" sehr wohl gibt, beim einen eher unbewußt bei anderen durchaus bewußt. Ein weites Thema, wie Du ja auch schon zu Beginn Deines "Aufsatzes" schriebst. Man könnte viel drüber diskutieren. *s*

Ach ja, Dein Tip gefällt mir ganz ausgezeichnet, gerade in der heutigen Zeit, wo es leider nur allzu häufig vorkommt, daß selbst Freunde auf die Frage "Können wir uns mal treffen" antworten, ich muß erst mal in meinen Kalender schauen.

Danke Dir nochmal sehr, daß Du Dir die Mühe gemacht hast auf die Fragen zu antworten. :)

Ulf, 27.2.2005 um 13:40 h:

Empörung? — Nun, ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich sei über deine Fragen »empört«. Vielmehr habe ich aus meiner ganz persönlichen Sichtweise reagiert. Wie im Übrigen auch der Düsenschrieb meine ich, dass sich Freundschaft und Strategie (Suchen, Planen, Mindestanforderungen, …) gegenseitig ausschließen. Das heißt sicher nicht, dass andere Menschen unterschiedliche Herangehensweisen an Freundschaften haben können. Interessant wäre ja durchaus, einmal die Ansichten eines »Freundschafts-Strategen« lesen zu dürfen. Aber entweder traut sich niemand, in aller Öffentlichkeit laut planerisch zu denken, oder aber es macht wirklich niemand?

Liisa, 28.2.2005 um 15:44 h:

nein nein, ich hatte auch nicht gemeint, daß Du mit "Empörung" reagiert hast, wobei ich durch die "" auch andeuten wollte, daß der Begriff "Empörung" etwas drastisch gewählt ist.

Ansonsten schätze ich mal, daß kaum jemand es wagen würde in aller Öffentlichkeit über seine "Strategien" in der Gewinnung von Freunden zu sprechen, wobei auch das gewählte Wort "Strategie" provokant wirkt. *s*

Was ich im Zusammenhang mit dem ganzen Thema und den Antworten auf die Fragen auch noch interessant fand, war die Aussage etlicher Beteiligter, sie würden ihre Freunde nicht "suchen" - entweder es passiere oder eben nicht - warum "suchen" wir dann aber nach einem Partner/Ehepartner? Wenn man sich anschaut, was für einen Aufwand manche da treiben. War halt auch noch ein Aspekt, der mir im Laufe der "Diskussion" in den Sinn kam. *s*

Ulf, 28.2.2005 um 18:54 h:

Ist sowieso interessant, die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Liebe. Kam mir beim Schreiben oft in den Sinn; ich verdrängte den Gedanken jedoch jedes Mal schnell, bevor ich Gefahr lief, mich in endlosen Texten zu verlieren.

Am Rande aber angemerkt: Ich habe bislang auch nie eine Liebe gesucht. Kam immer so daher geflattert …

Marelme, 1.3.2005 um 16:32 h:

Also ich hätte gerne deine Gedanken zur Unterscheidung zwischen Freundschaft und Liebe gelesen, Ulf.
Vielleicht schreibst Du sie ja doch mal irgendwann hier. *s*

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