Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Freitag, 4.3.2005

Brave New World

Klebstoffe im Haushalt

Keinesfalls möchte ich mir die Blöße geben, in das allgegenwärtige Klagen einzustimmen und Beileid heischend in die wahnsinnige, weite Welt hinauszuheulen: »Ich bin krank!«
Schließlich bin ich ein Mann und keine Memme. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Leider aber kennt ein Indianer ebensowenig die verwinkelten Gedankengänge deutscher Marketingstrategen. Einer wenig bekannten Tatsache zufolge erliegen Indianer im Vergleich zum deutschen Durchschnittsmichel genau aus diesem Grund überdurchschnittlich häufig dem Erstickungstod, wenn sie an Erkältungen leiden.

Wegen stark erhöhter Schleimbildung im Bereich meiner oberen Atemwege bin ich derzeit unbedingt auf rechtzeitige und kontinuierliche Versorgung mit Schnupftüchlein angewiesen. Ohne Zweifel würde ich in kürzester Zeit ersticken, hätte ich nicht ständig ein ausreichend aufnahmefähiges Papiertaschentuch zur Hand. Ich verwende übrigens absichtlich den Begriff Papiertaschentuch und nicht das weit verbreitete Quasi-Synonym Tempotaschentuch. Denn zu meinen Mentaldefekten gehört unter vielen anderen auch, dass ich meinen Nachbarn am Basteltisch niemals um den Uhu, sondern um Klebstoff bitten würde.

Wirkungsvolle Erziehung zur SchweigsamkeitEbensowenig beugen wir der Lärmbelästigung durch den Nachwuchs mit Tesa Krepp vor. Vorbildliche Erziehungsarbeit basiert bei uns zu Hause selbstverständlich markenfrei auf dem Begriff Klebeband. So erfolgreich bin ich in meinem Unterfangen, den Kindern keine Markendünkel mit auf ihren Lebensweg durch die harte Welt von Adidas, Bulgari, Chanel und Diesel zu geben, dass an unserem Frühstückstisch nicht nach Nutella gefragt wird. Allerdings muss ich einräumen, dass die Kinder auch nicht um Nuss-Nougat-Creme bitten, sondern um Nutoka. Dies wiederum liegt an der Weigerung der besten aller Ehefrauen, nach ihrem Aldibummel nur wegen eines Gläschens brauner Streichpaste noch einen Umweg über die Kassenschlange einer alternativen Supermarktkette zu machen. Darüber sind unsere Kinder ab und an doch ein wenig verschnupft.

Apropos verschnupft; dies war das Thema, zu dem ich ursprünglich schreiben wollte. Wie bereits erwähnt stand ich kurz vor dem Erstickungstod durch Schleimverstopfung, befand mich demzufolge auf panischer Suche nach Papiertaschentüchern. Solche befinden sich im de-skriptiven Haushalt nach einer ungeschriebenen Regel stets im Schränkchen unterhalb des Waschbeckens im WC. Doch dort fand ich keine mehr!

Ich robbte also, dem Exitus immer näher, über den eiskalten Travertinfußboden unserer unendlich scheinenden Empfangshalle bis in die Küche, vor die Füße der besten aller Ehefrauen. »Wo … Tempos …?«, röchelte ich sterbend. (Man beachte, dass der Mensch im Angesicht des Todes oftmals selbst eiserne Grundsätze missachtet.) — »Im WC-Schränkchen, wo sonst?«, antwortete nonchalant meine bessere Hälfte und rettete mein Leben, indem sie die zwei Meter zum Klo ging, um mir ein Päckchen Taschentücher zu bringen.

Papiertaschentücher?Frisch belüftet betrachtete ich die wundersame Verpackung der Tüchlein. Es stand Alouette darauf geschrieben!

Die hatte ich sehr wohl gesehen, dort unten im Schränkchen. Jedoch wäre ich niemals auf die Idee gekommen, hinter dem Produktnamen Alouette Taschentücher zu vermuten. Vielmehr schien mir die Packung einen Vorrat an Slipeinlagen zu enthalten.
Angesichts des Namens, Alouette, und der sofortigen Assoziation zwischen »alas« (spanisch für Flügel), die sich bekanntlich im Fall von Damenbinden rutschhemmend um die Beinauslassränder der Slips legen, und »Silhouette«, dem durch Werbung suggerierten Streben der Frau, selbst menstruierend keine Konturen im Slip sichtbar werden zu lassen, war der Fall für mich im Bruchteil einer Sekunde klar. Man erkennt an diesem Beispiel einmal mehr, zu welchen Höchstleistungen männliche Gehirnzellen selbst in lebensbedrohlichen Situationen fähig sind. Schier unglaublich, nicht wahr?

Was aber unterscheidet den Indianer vom Weichei? — Er wählt den Tod, statt schmachvoll in eine Damenbinde zu rotzen.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1109944801

Kommentare

Kristof, 5.3.2005 um 0:03 h:

Machense ma kein Fehler bei der Erziehung mit "Klebeband", Herr Ulf. Da darf und muss es schon "Tesa" sein. Alles andere is Kack. Tesa - Packtape und Gewebeband sind das einzig Wahre. Hören Sie auf den Experten. Kinder mit No-Name-Adhäsiva ins Leben zu entlassen ist unverantwortlich.

(Und wenn schon ohne Tesa: Es heisst einfach "Tape")

nora [@], 5.3.2005 um 4:48 h:

da sind die kinder mal 2 stunden abends aus dem haus und was machen wir? zerkugeln uns dank deines links auf zwiebelfisch. sind ueber herrn aardvark hierhergekommen und aus wien ausgewandert, bevor die rechtschreibreform gegriffen hat.
bei uns gibt es auch nur tape, weil ich hab irisch sello-tape gelernt und alle hier sagen scotch. aber meine kinder duerfen nach wie vor nutella essen.
wir lachen nun so dahin, und dem lieben mann rinnt die nase, und jetzt rate mal wo bei uns die tatues aufgehoben werden? gleich neben den slipeinlagen im kastl unter dem waschbecken im klo. und es waren prompt tempo vom vorletzten europaurlaub.

vasili, 7.3.2005 um 11:12 h:

gips in merry old england etwa keine tempos?

nora [@], 7.3.2005 um 14:10 h:

weiss ich nicht. in merry new england gibt's kleenex und puffs und scotties, aber alle hauchduenn UND 2lagig. nix fuer voralpin-pannonische rotznasen.

Ulf, 8.3.2005 um 15:46 h:

Und ich dachte immer, Duct Tape sei das Nonplusultra an der Klebstofffront. So wie vierlagiges Schneuztuch im Revier von Tempo & Co.. (Muss man sich mal vorstellen: Zweilagige Papiertaschentücher! Das ist ja fast so schlimm wie einlagiges Toilettenpapier.)

Liisa, 9.3.2005 um 9:53 h:

Danke für den Lacher! Den hatte ich nötig, auch wenn ich natürlich großes Mitleid mit Dir Held habe! Gute Besserung!

Ulf, 11.3.2005 um 1:06 h:

Danke. Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Bernadette Gogg, 24.5.2005 um 6:46 h:

kein Kommentar

Link zu diesem Kommentar ghzjhzj, 23.4.2008 um 15:14 h:

was für sinnlose menschen ihr seid

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 23.4.2008 um 18:44 h:

»Kein Geist ist in Ordnung, dem der Sinn für Humor fehlt.«
(Samuel Coleridge, englischer Schriftsteller und Philosoph, *1772 †1834)

Kommentar abgeben: