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Freitag, 18.3.2005

Quo Vadis?

Ein Hauch von Vergeblichkeit

Brandreden auf allen Kanälen: Der Bundespräsident konstatiert »Deutschland ist sich selbst untreu geworden« und meint damit, die Deutschen müssten sich wieder ihrer Tugenden besinnen. Die Bundesregierung lädt die Opposition zum »Job-Gipfel« und versucht dabei, ihre Handlungsunfähigkeit durch provisorischen Teamgeist zu kaschieren. Der Kanzler meint, man sei ein gutes Stück weiter gekommen, und verworthülst mit seiner Aussage die offenkundige Erfolg- und Bewegungslosigkeit in der Sache. »Bewahren durch Verändern«, heißt es in der Regierungserklärung, die bereits in dieser Kurzformel ihre Orientierungslosigkeit offenbart. Wir alle geißeln die braune Suppe, die sich am Rande der Gesellschaft im Schlamm räkelt, und wissen doch nicht, was wir ihr entgegensetzen könnten. Ein Aufstand der Gefühle regt sich, und dennoch lässt sich die Revolution nicht kanalisieren.

»Es liegt ein Hauch von Vergeblichkeit über dem an sich so vertrauten Gesumse«, analysiert die Zeit. Und das ist eine Aussage, der ich einmal von ganzem Herzen zustimmen kann. Zustimmen muss. Auch im Büro summt und brummt es an allen Ecken und Enden. Sparen™ lautet das Credo, Einsparen unter allen Umständen. Extrem ehrgeizige, um nicht zu sagen unerreichbare Zielsetzungen werden verkündet. Wer nicht einstimmt in den Tenor der offensichtlichen Vergeblichkeit, der wird ausgetauscht, verhartzt.

Auch ich verweigere mich nicht, obwohl ich mächtigen Drang verspüre, es hinauszuschreien, mein Orakel. Aber weshalb sollte ich meine Stimme erheben, weshalb aus der gesichtslosen Masse ausscheren, um der nächste Bote der nahenden Katastrophe zu sein, den der Herrscher hinrichten ließe. Schließlich habe ich drei Kinder aufzuziehen und ein Haus abzubezahlen, das noch nicht einmal steht.

Ich halte inne im geschäftigen Treiben, versuche zu fokussieren. Es muss mir gelingen, festen Stand zu erlangen im Treibsand meiner Umgebung. Und dann passiert es: Ich hebe ab und lasse die schlaffe Gestalt des Schreibknechtes, der ich bin, unter mir zurück. Höher und höher steige ich und sehe zurück, nach unten auf meine Welt.
Ahnungslos auf dem AmeisenhügelWie ein Ameisenhaufen sieht sie aus; ein Ameisenhaufen, der gerade eben von einer anschwellenden Flutwelle weggespült zu werden droht. Unermüdlich und geschäftig rennen winzige, schwarze Insekten umher, um gebrochene Wälle zu flicken, um zu retten, was zu retten ist. Dabei sehen sie nicht, wie unmöglich das Unterfangen ist. Sie können die Wassermassen nicht quantifizieren, die immer größere Teile des Hügels mit sich reißen. Versunken in ihre kleine Welt, eine jede konzentriert auf ihre paar Quadratzentimeter Zuständigkeit rackern sich die Winzlinge ab.

Die Ameisen nehmen ihn nicht wahr, den süßlichen Duft der Verwesung, der längst in der Luft liegt, diesen Hauch von Vergeblichkeit. Es wird Frühling in Deutschland.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1111125601

Kommentare

Christian, 18.3.2005 um 7:38 h:

Ulf, ich liebe diese Artikel mit diesen tragischen Überschriften von dir, sie bringen immer vieles auf den Punkt. Situationsmäßig kann ich dir nur zustimmen, habe auch drei Kinder, aber schon lange kein Haus mehr und schon gar nicht mehr die Chance dahin zu kommen, es sei denn durch Lotto. Ich zähle gerade in dieser Zeit zu denen, die nach vielen Jahren harter Arbeit und den vielen Versprechen auf bessere Zeiten durch Lohnverzicht jetzt die Quittung dafür ausgerechnet bekommen ( BFA Kontenklärung ) und feststellen, das es uneinholbare Lücken gibt und an eine Lebensgrundlage für das Alter praktisch nicht exsistiert. Jetzt müßte spätestens eine Zusatzvorsorge eingeleitet werden, die das abfedert, aber ohne Job wird das nichts. An Konsum denke ich anbei schon garnicht und nicht an Urlaub etc. Eigendlich sind wir volkswirtschaftlich ausgemustert und warten nur noch auf die nächste Öl-/Gaspreiserhöhung oder die Anhebung der Mehrwertsteuer.
Es hat nicht nur den Hauch der Vergeblichkeit, wenn gleichzeitig den anderen die Taschen platzen ...CB =:)

Ulf, 18.3.2005 um 19:09 h:

Ja, Christian, es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn man Geschichten wie die deine kennt. Ich will dazu gar nicht mehr viel sagen. Wir haben das ja bereits vor Jahren (?) erörtert. Aber es tut mir in der Seele weh, dass sich bei dir seither nicht die kleinste Wendung zum Positiven ergeben hat.

kathleen [@], 20.3.2005 um 2:11 h:

Die Menschen gehen nicht mehr auf die Straße. Weil die Angst regiert. Und so lange es nicht mich trifft, investiere ich keine Energie in die Nöte der anderen. Um mit Simmel - ja, wirklich, der - zu sprechen: Jeder für sich und Gott gegen alle.
In diesem Land wird sich erst etwas ändern, wenn begriffen wird, daß die Misere einzelner keine Einzelmisere ist. Es trifft viele, unfassbar viele. Die Einschläge rücken näher, für jeden von uns auf eigene Art, aber sie rücken näher.
Da kann nur der Generalaufstand, die Wiederentdeckung der Solidarität helfen. Nur sehe ich das leider vereinzelt, bei mir, bei ein oder anderem Freund, aber der große Aufschrei in der Masse, der Druck der Vielen, der fehlt.
Wie kann man ihn indizieren? Muß man wirklich warten, bis es noch mehr Menschen dreckig geht?
Keine Antworten hier. Wieder nur Fragen...

Ulf, 20.3.2005 um 13:37 h:

»Jeder für sich und Gott gegen alle.« Der ist gut. Hätte ich dem Simmel gar nicht zugetraut. Aber wer weiß, in welchem Zusammenhang er das gesagt oder geschrieben hat. Aber die Erkenntnis macht traurig; so wie die Geschichte der jungen Frau traurig macht, die in der U-Bahn von ein paar Jungs angepöbelt wurde und der nur eine alte Frau auf Krücken zu Hilfe kommen wollte. Alle anderen weggesehen. Schweine. (Bei wem habe ich das doch gleich gelesen?)

Nein, keine Antworten. Hier nicht, anderswo nicht, von dir nicht, von mir nicht, heute nicht und morgen auch nicht.

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