Leser seit April 2002
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Montag, 21.3.2005

Old Farts Paradise

The Lamb Lies Down On Broadway

Musikalische Revival-Auftritte sind mir im Allgemeinen eher ein Graus. In meinem Oberstübchen spuken gerne Backstage Filmaufnahmen, in denen fünfundzwanzig Elvis-Imitatoren alle in der gleichen, weißen Schlaghosenuniform nervös auf- und abwandern, während sie dem grausigen Auftritt des sechundzwanzigsten lauschen und darauf warten, endlich selbst an der Reihe zu sein. Mit diesem Bild hat das, was sich gestern Abend in der Frankfurter Jahrhunderthalle abspielte, nicht das Geringste zu tun. Dreißig Jahre nachdem Genesis ihre umstrittene Bühnenshow The Lamb Lies Down On Broadway beendet hatten, erstand die legendäre Band wieder auf.

Genesis 1974/2005The Musical Box ist eine kanadische Rockband, die sich der Aufgabe verschrieben hat, Bühnenauftritte der Musiker um Peter Gabriel und Phil Collins detailgetreu nachzuspielen. »Detailgetreu« ist dabei im absolut engen Sinn des Wortes zu verstehen. Denn obwohl die Show um das Konzeptalbum The Lamb Lies Down On Broadway nie aufgezeichnet wurde, haben die Kanadier nicht nur Instrumente zusammengetragen, die damals Verwendung fanden, sondern den gesamten Ablauf der Bühnenshow rekonstruiert: die Diashow im Hintergrund, die Kleidung (auf einmal stand Peter Gabriel in seinen hochgekrempelten Jeans auf der Bühne), die Spezialeffekte. Sogar dieses Blasenmonster aus The Colony Of Slippermen tanzte über die Bühne.

Verblüffender aber als die optische Vergangenheitsbewältigung erwies sich die musikalische Seite des Auftritts. In akribischer Perfektion spielte sich The Musical Box durch die extrem komplexen Sounds von Genesis. Augen zu und auf einmal hört man die Originalklänge aus den Siebzigern wieder. Die Stimme von Frontman Denis Gagné ist derartig nah dran an Peter Gabriel, dass den alten Fürzen im Auditorium wohlige Schauer den Rücken hinunter liefen. Phil Collins selbst hatte den kanadischen Musikern ja längst Lob für ihre Authentizität ausgesprochen, teilweise gar selbst bei Auftritten kurz mitgespielt. Aber dennoch war ich angesichts der gestrigen Performance wie hypnotisiert. Gewaltig, schier unbegreiflich, was sich dort vorne auf der Bühne in Frankfurt/Höchst abspielte!

Apropos »alte Fürze«: Wie zu erwarten lag das Durchschnittsalter der Konzertbesucher gefühlt bei deutlich über vierzig Jahren. Viel Haarausfall war zu besichtigen und auch das eine oder andere Wohlstandsbäuchlein. Aber auch eine gut erhaltene, langbeinige Mittvierzigerin im Jeans-Minirock fiel mir auf, vor dreißig Jahren wahrscheinlich der heiße Feger schlechthin auf einem Genesiskonzert. Angesichts des Altersdurchschnitts im Publikum war es vielleicht ganz gut, dass die Jahrhunderthalle bestuhlt ist. Wer weiß, wie viele Konzertbesucher die Show ohne Sitzplatz nicht durchgestanden hätten. Ein bisschen merkwürdig und nicht gerade stimmungsfördernd war es aber schon, zwei Stunden »sitdancend« auf einem Klappsessel zu hocken. Wenigstens bekam die Gruppe die miese Akustik der Halle einigermaßen durch Lautstärke in den Griff.
Diese negativen Aspekte fielen jedoch kaum ins Gewicht. Schließlich hatte schon Genesis vor dreißig Jahren einen der Deutschlandauftritte vor einem leeren Basketballfeld und umringt von den Fans in den Zuschauerkurven durchgestanden.

The Lamb Lies Down On Broadway war die letzte Produktion der Band in der Originalbesetzung mit Peter Gabriel. Zuvor hatten Musical Box bereits Selling England By The Pound nachgestellt. Ob sie Foxtrott schon im Programm hatten, weiß ich gar nicht. Auf jeden Fall aber empfehle ich allen alten Fürzen mit Faible für Genesis unbedingt den Besuch eines der noch anstehenden Auftritte in Leipzig, Berlin und Stuttgart.

Viel Spaß! Und bitte bei allfälligen Kommentaren heute ein bisschen lauter schreiben. Ich habe da so ein Summen im Ohr.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1111402801

Kommentare

Ole [@], 23.3.2005 um 11:58 h:

The Lamb lies down on broadway ist ein absolut großartiges Stück Musik. Trotz meiner jungen 24 Lenze zählt es schon seit über zehn Jahren zu meinen absoluten Lieblingsalben,, wurde zuletzt aber doch eher "vergessene Schönheit". Jetzt hab ich's wieder ausgegraben, aufgelegt und ein glückliches Schmunzeln huscht durch meine Gesichtspartien. Danke für's Dranerinnern! :)

Große Grüße aus Absurdistan,
Ole

Ulf, 23.3.2005 um 21:04 h:

Als angehender Teenager schon Fan von The Lamb Lies Down On Broadway? Mann, da lagst du aber schwer abseits vom Mainstream deiner Altersgenossen. (Was für deinen Geschmack spricht.)

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