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Montag, 4.4.2005

Abschied

Ein pontifikaler Nachruf

Millionenscharen pilgern nach Rom, um der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. beizuwohnen. Ich selbst bin erst seit gestern Nacht von einem Kurzurlaub aus Polen zurück (von dem hier noch die Rede sein wird) und habe bisher dank meiner nicht einmal rudimentären Sprachkenntnisse so gut wie nichts mitbekommen. Nur die Tatsache des Ablebens des polnischen Papstes war auch ohne ein Wort der Landessprache zu verstehen nicht zu übersehen und zu überhören.

Kardinal Wojtyla beim Picknick nahe Krakau, 1975Trotz meiner längst dokumentierten Aversionen gegen die katholische Kirche im Generellen und gegen den verflossenen Papst im Speziellen habe ich rasch mein Lieblingsfoto von Karol Wojtyla aus dem internetten Schuhkarton gekramt. Das Bild zeigt den Mittfünfziger Karol beim Picknick im Kreis von Freunden. Zwischen der privaten und nur schwer mit seinem späteren Amt zu verbindenden Idylle in Shorts und Netz-T-Shirt sowie den medial aufgebauschten Sterbeszenen aus dem Vatikan liegen dreißig Jahre. Dreißig rastlose Jahre, in denen der Mann auf dem Foto zum Überraschungspapst gekürt wurde, sich durch extreme Reisetätigkeit in Medienbegleitung den respektlosen Beinamen »Betonküsser aus Polen« einhandelte und sich schließlich mit erzkonservativen Entscheidungen in Alltagsfragen zur Speerspitze der reaktionären Hardliner in der katholischen Kirche machte. Ein Pontifex, also Brückenbauer, war Johannes Paul II. gewiss nur in sehr begrenzter Hinsicht.

Stets habe ich die Ansicht vertreten, dass der Vatiken den Fehler begeht, sich drängenden Problematiken des modernen Lebens durch Rückzug auf anachronistische Grundsätze zu verschließen. Mag es meinetwegen noch angehen, in Fragen des Zölibats und der Frauenordination auf althergebrachten Regelungen zu verharren. Solche Kritikpunkte betreffen in erster Linie die interne Organisation der katholischen Kirche, insbesonders deren eigene Nachwuchssorgen. Für verantwortungslos hingegen halte ich es, Kirchenmitglieder durch unverrückbare Standpunkte etwa zu außerehelichem Sex, Empfängnisverhütung oder Homosexualität in völlig unangebrachte Gewissensnöte zu treiben. Auch die Hartleibigkeit von Papst und Kirche in Sachen Abtreibung und Sterbehilfe empfinde ich persönlich als falsch, räume jedoch ein, dass diese Grundsatzfragen unmöglich in allen Details auszuleuchten und somit individuelle Ansichtssache sind.

Bleibt nach dem Tode Karol Wojtylas die Frage, ob er in den 27 Jahren seiner Amtszeit dem Unternehmen Katholische Kirche in der Summe eher genützt oder geschadet hat. Meine persönliche Antwort in die Ausdrucksform eines Analysten gegossen lautet:
Das Marketing von Chef Johannes Paul II. war bis in die letzten Sekunden hinein perfekt; Bekanntheitsgrad der Marke und Werbeeffekt waren nicht weiter optimierbar. Die Angebotsentwicklung ließ jedoch schwer zu wünschen übrig; mit dieser Produktpalette lassen sich selbst Stammkunden nur schwer halten, geschweige denn neue Märkte erschließen.

Alles Gute bei deinem neuen Job auf Wolke Sieben, Karol!

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1112617936

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