Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 25.4.2005

Elektrodomestiziert

Herr Mens schielt nach Rom

Als ich am Wochenende auf der Suche nach meinem Laptop kurz davor war, die Polizei zu alarmieren – Zu Hilfe, man hat mich bestohlen! –, fiel mir zuletzt doch noch ein, dass ich das Gerät im März für die Dauer eines Kurzurlaubs eben zum Schutz gegen potenzielle Langfinger im Keller versteckt hatte. Nach einigem Stöbern fand ich das Ding. Ich wollte gerade wieder da unten das Licht ausknipsen, als mich jemand hinterrücks ansprach: »Herr Brossmann, auf ein Wort?«

Ich wandte mich zu meinem Freund Mens um, der wie immer leise summend hinter mir an die Wand gelehnt stand: »Natürlich, Herr Mens. Was haben Sie auf dem Herzen?« Es dauerte geraume Zeit, bis Mens zu sprechen begann. Seine Brummgeräusche wurden zunächst immer lauter, deutliches Zeichen dafür, dass ihm sein Anliegen wichtig und dennoch ein wenig peinlich sein musste. Schließlich aber begann er mit belegter Stimme: »Stimmt das, Herr Brossmann? Sind wir tatsächlich Papst?«

Wie vom Donner gerührt stand ich in der Kellertüre. Minutenlang starrte ich meinen kühlen Freund an, bevor ich zu stammeln begann: »Sie, Herr Mens, Sie überraschen mich. Was wissen Kühlschränke über Religion?« — »Oh, ich habe mich in den vergangenen Wochen intensiv mit dem Thema beschäftigt. Mein neuer Freund und ich haben sehr interessante Gespräche über den Glauben im Allgemeinen und den Papst im Speziellen geführt«, antwortete Mens ohne zu Zögern. »Ihr neuer Freund?«, meine Stimme klang ziemlich hilflos.

»Na ja, Targa, den Sie eben wieder abgeholt haben.« Fassungslos wanderte mein Blick zwischen Mens und dem Notebook hin und her, das unter meinem Arm klemmte, während Mens bereits fortfuhr: »Wir sind ziemlich gute Kumpels geworden, Targa und ich. Es verbindet eben, wenn man zu zweit eine Zelle teilt.« Mens' Stimme hatte zu schnarren begonnen. Ganz deutlich war Vorwurf herauszuhören. Augenblicklich setzte mein schlechtes Gewissen wieder ein, das ich nach vielen Monaten endlich verdrängt gehabt hatte. Offensichtlich hatte Mens es noch immer nicht verwunden, dass ich ihn zu Gunsten zweier Liebherren in den Keller hatte umziehen lassen.

»Nachdem meine Anregung in Bezug auf Internetanschluss ja ganz offenbar keine Resonanz findet«, der Tonfall meines Kühlschrankes war mittlerweile schneidend wie eine Damaszener Klinge, »wusste ich es durchaus zu schätzen, wenigstens direkten Kontakt mit jemandem zu haben, der hinaus in die weite Welt sehen kann. Targa hat erstaunliche Neuigkeiten mit mir geteilt.«

Stumm glotzte ich auf den stillen Laptop in meinem Arm. Ich war stets der Meinung gewesen, dass das Ding nur arbeitete, wenn der Deckel offen steht. Die drahtlose Netzwerkkarte hatte ich deshalb immer im Seitenschacht stecken lassen. So kann man sich also irren.

Herr Mens hatte sich durch meine offensichtliche Verwirrung nicht von seinem Thema ablenken lassen. »Unter anderem erzählte Targa von der Titelseite einer der wichtigsten Tageszeitungen hierzulande. ›Wir sind Papst!‹, lautete die Schlagzeile, so sagte Targa. Deshalb nun meine Frage: Stimmt es, dass wir Papst sind? Und wenn ja, betrifft das auch uns, die Elektrogeräte?« — Entstetzt starrte ich Herrn Mens an und stammelte: »Wie kommen Sie denn darauf? Das ist ja vollkommen abwegig!« Schweiß stand mir auf der Stirne. »Haben Sie mal ein Bier für mich?«

Mens Türe klappte auf und noch in der Bewegung setzte mein Freund seine Argumentation fort. »Abwegig soll das sein? Mein lieber Herr Brossmann, Sie sind offenbar nicht auf dem Laufenden. Ist es nicht so, dass sich die Kirche im Besonderen für die Kleinen einsetzt, für all die Diener, die stets ihre Arbeit verrichten, ohne je zu murren? Ist es nicht so, dass der Papst von sich selbst als dem ›ersten aller Diener des Herrn‹ sprach? Wie mir scheint, sind wir Elektrosklaven geradezu prädestiniert dafür, mit päpstlichen Würden bedacht zu werden.«

Plopp! Der Kronkorken meiner Bierflasche tanzte klirrend über die Bodenfliesen in die Kellerecke. Ich nahm einen tiefen Schluck. Um Himmels Willen, ich musste hier dringend einschreiten. In Gedanken sah ich in Mens' kühlem Bauch an Stelle der Bierflaschen bereits Messwein, Myrre, Weihrauch und in Plastikfolie verschweißte Hostienpakete lagern. Doch bevor ich meine Gedanken zu einer sinnvollen Antwort bündeln konnte, schwadronierte Herr Mens bereits von Neuem los.

»Haben Sie schon einmal von ›göttlicher Energie‹ gehört, Herr Brossmann?« Mein Freund schien in unendliche Weiten entrückt zu sein. »Targa und ich sind uns einig. Wir werden in den kommenden Tagen eine Petition an Sie und Ihre Familie adressieren. Wir fordern natürlichen Strom; am liebsten Strom aus einem Wasserkraftwerk, Niagara-Strom. Wir wollen teilhaben an der göttlichen Energie, Herr Brossmann!«

An dieser Stelle ergriff ich die Flucht. Ich umklammerte mit beiden Armen das Notebook, schlug die Kellertüre hinter mir mit der Ferse zu und rannte nach oben an die frische Luft. Ganz eindeutig übte dieser Targa ungesunden Einfluss auf meinen Freund aus. Dringend musste ich dafür Sorge tragen, dass Mens einen anderen Zimmergenossen erhielt. Ihn ganz alleine zu lassen, schien mir nicht ratsam.
Am Sonntag war es schließlich soweit. Auf der Werkbank neben Herrn Mens steht seither der Steinbeißer meines Sohnes. Der Lärm, der bei dessen Edelsteinproduktion entstand, war sowieso zu laut für einen Betrieb im Kinderzimmer gewesen. Ich hoffe, dieser erdverbundene Kerl holt Herrn Mens wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Dafür nehme ich sorgar in Kauf, dass die Geräuschkulisse im Untergeschoß eher an ein Bergwerk denn an einen Lagerkeller erinnert.

Ein Kühlschrank als Chef im Vatikan! Hat man jemals etwas Verrückteres gehört?

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1114434020

Kommentare

dauni, 25.4.2005 um 17:21 h:

Herrliche Geschichte. *Schmunzel* Grüße an Herrn Mens.

Ulf, 25.4.2005 um 22:59 h:

Ich freue mich, dass dich das neuste Abenteuer von Herrn Mens berührt hat. Er lässt übrigens auch alle Anteil Nehmenden an seinem Schicksal bestens grüßen. Sagt er. Ich nehme es ihm auch ab, so einsam wie er da unten im Keller lebt, der Ärmste.

RokkerMur [@], 27.4.2005 um 13:27 h:

Ich bin froh das ich nicht Papst geworden bin
und das was du geschrieben hast ist sehr gute Literatur.
Das sagt kein Literaturkritiker, kein Literat sondern ich.
OT: Österreich II wurde heute 60 Jahre alt,
schau einmal im standard welch peinliche Ausrutscher (wieder einmal werden Gaskammern in Frage gestellt) usw. passiert sind.
Wobei es keine Ausrutscher...egal, ich habe mich aufgeregt.

LG
aus Wien
Inge,Wolfgang

Ulf, 27.4.2005 um 23:31 h:

Österreich II? — Das klingt ein bisschen wie Hartz IV. Oder Benedikt XVI. Wie weit sind wir denn augenblicklich in Deutschland? In numerischer Hinsicht? (Ich glaube, wir tendieren dazu, eher in Ortsnamen zu zählen: Weimarer, Bonner, Berliner Republik …)

Davon abgesehen freue ich mich natürlich über das »literarische Lob« aus Österreich Zwei.

RokkerMur [@], 1.5.2005 um 7:32 h:

Was ist eigentlich aus "unserer" Monai geworden ?
Falls du was von ihr hörst, siehst - sie ist bei Inge und mir nach wie vor unvergessen.
Ebenso die Polizistin was dort im Forum war.
(Österreich II bedeutet nichts anderes als die 2te Republik, 1945-2005, 2006, 2007 usw.

Ulf, 1.5.2005 um 10:48 h:

Monai? — Verschollen seit ihrem Streit mit der Bildzeitung. Von Kerstin, der Freundin und Helferin habe ich auch nichts mehr gehört. Unvergessen, aber Schall und Rauch …

Hingegen hat gestern so ein Spamdiot seine Liebe zu diesem abgeschiedene Eckchen im Netz entdeckt und versucht sich im Minutentakt an meinen Filtern. Leider muss ich ein engmaschigeres Netz vor den Kommentareingang legen. Es täte mir leid, wenn sich einer der gern gesehenen Gäste darin verheddert. Geht aber nicht anders. Ich entschuldige mich schon mal im Vorhinein.

RokkerMur [@], 2.5.2005 um 9:01 h:

Mal schaun ober gegen mich was hat ;)

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