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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 2.5.2005

Brave New World

Die Zukunft der Arbeit

Auf der Suche nach dem Wahlvolk geißelt Franz Müntefering den Kapitalismus, vergleicht Top-Manager mit Heuschrecken, die um den Globus ziehend die Sozialsysteme kahl fressen. Ganz bestimmt finden die Sozialdemokraten mit ihrer Schelte offene Ohren und Herzen beim einen oder anderen verängstigten oder verärgerten Bürger. Angesichts der Diskussion um die Diskrepanz zwischen Gewinnmaximierung und Belegschaftsminimierung vor allem in multinationalen Unternehmen bin ich selbst durchaus geneigt, dem Münte zu applaudieren, wenigstens insgeheim. Einer muss es ja mal aussprechen, denkt man, auch wenn er dafür sogleich eins aufs Maul bekommt.

»Unternehmen müssen auch in Deutschland Gewinne machen dürfen!«, kontern die Kritiker der neuen alten SPD-Strategie. »Sonst wandern sie ins weniger unternehmerkritische Ausland ab.« Sogar grüne Politiker stimmen ein in den Chor derjenigen, die dem Kapitalismus-Bashing Einhalt gebieten wollen. Interessant am aktuellen Politstreit ist, dass kaum jemand die Prämissen prüft. Die einen sehen mehr Jobs durch eine mehr oder weniger erzwungene Reinvestition der Unternehmensgewinne, die anderen im Stützen des Kapitalismus in der Hoffnung, es werde dann automatisch mehr Arbeit geben.

Auf die Idee, dass keine von beiden Seiten Recht haben könnte, kommen nur wenige. Einer dieser seltenen Querdenker ist Jeremy Rifkin, auf dessen These mich Liisa aufmerksam gemacht hat. Die Stuttgarter Zeitung veröffentlicht ein Interview mit Rifkin, der eine verblüffende und nach meinem Dafürhalten sehr überzeugende These zur wirtschaftlichen Zukunftsentwicklung vertritt: »Langfristig wird die Arbeit verschwinden. Deutschland führt eine Scheindiskussion.«

Kurz gefasst proklamiert Rifkin folgendes: Egal ob man die Unternehmen kritisiert, oder ob man sie politisch unterstützt, es wird langfristig in keinem Fall dazu führen, dass Arbeitsplätze geschaffen werden. Weder in Deutschland, noch irgendwo im Ausland. Menschliche Arbeit ist generell ein Auslaufmodell. Auf Grund des technischen Fortschrittes werden die Nischen immer enger, in denen Menschen eine Aufgabe effizienter als Computer und Maschinen erledigen können. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass unsere Nachkommen so wie noch unsere Vorfahren und in gewissem Ausmaß auch unsere eigene Generation gegen Lohn körperliche oder geistige Leistung erbringen wird.
Laut Rifkin wird die menschliche Zukunft auf unserem Planeten davon abhängen, wie wir auf diese unaufhaltsame, unausweichliche Entwicklung reagieren:
»Der technische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Ich sehe zwei Alternativen für unsere Zukunft. Die eine ist eine Welt mit Massenarmut und Chaos. Die andere ist eine Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können.«

Jeremy Rifkins Argumentation ist schlüssig und bietet Erklärungen für die Probleme, mit denen wir uns massiv konfrontiert sehen. Die angebotenen Lösungsansätze jedoch stimmen mich wenig optimistisch. Ich glaube eher an Massenarmut und Chaos, als an die Menschheit im Paradies auf Erden. Denn es sieht leider überhaupt nicht danach aus, als fände Rifkin mit seiner These Gehör bei den Architekten unserer gesellschaftlichen Zukunft.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1115027573

Kommentare

Liisa, 2.5.2005 um 18:08 h:

Freut mich, daß ich Dich zu einem neuen Eintrag anregen konnte. Ich befürchte übrigens auch, daß wir in Deutschland uns schwer tun werden mal umzudenken. Hoffen wir, daß der Umschwung doch rechtzeitig kommt, bzw. daß bis er kommt, nicht zuviele der Langsamkeit der Entwicklung zum Opfer fallen.

Bastian [@], 2.5.2005 um 21:53 h:

Naja, wie das in Deutschland eben immer so ist.....es ändert sich eben doch nichts so schnell

Ulf, 3.5.2005 um 0:04 h:

Das wirklich Spannende an der rifkinschen These hat ja nichts mit typisch deutschen Defiziten etwa im Bereich der Veränderungwilligkeit und -fähigkeit zu tun. Sie gilt für die USA genauso wie für Indien oder Europa; sie gilt global. Die Frage ist nicht, welche Region oder welche Nation schneller mit der Zukunft fertig wird. E sgeht nicht um uns hier und um die dort. Es geht vielmehr darum festzustellen, ob wir als Menschheit anpassungsfähig genug sind, oder ob wir ein Auslaufmodell sind.

Im schlimmsten Fall wird sich die globale Gesellschaft in einer Mad-Max-Konstellation wiederfinden, in der sich die Besten ein paar Jahre Überlebensvorsprung sichern, danach aber um so unausweichlicher selbst zu Grunde gehen.

Der Instinkt der Wirtschaftsbosse ist gut und schön, solange es darum geht, Konkurrenz auszuschalten. Was aber, wenn keine Konkurrenz mehr existiert, wenn sie irrelevant ist? Was aber, wenn hoch performante Prozesse und Produkte keine Abnehmer mehr finden, weil einfach keine Nachfrage mehr da ist? Ich habe das alles noch gar nicht zu Ende gedacht. Aber in meinen Fantasien geht die Geschichte nie gut aus.

Christian, 3.5.2005 um 22:36 h:

Der Lothar Späth sagte dazu, wir sind der Zoo, es gibt bald für jedes Tier einen Pfleger. Und in der Süddeutschen klagt die Generation Praktikum über unbezahlte Arbeit. Meine Lage ist ja bekannt und ich war froh, als ich wenigstens noch dabei sein durfte, selbst das geht ja nun nicht mehr. Seid wir Papst sind, ist doch eh alles anders, 2006 sind wir dann Weltmeister und dann gewinnt I´ll be back noch gegen Busch den Wahlkampf... dann wurd es mir auf der Welt zu klein und ich flog in das All hinein...( Insterburg&CoKG). 60 Jahre nach W II Ende hat die Nachfolgegeneration endlich die Verantwortung ihrer Eltern übernommen und deshalb beschlossen auszusterben, ein klitzekleiner Beitrag zum Umweltschutz. =;)

RokkerMur [@], 5.5.2005 um 8:53 h:

Gestern habe ich Hartz im Stern TV gesehen
und würde alles nicht so schwarz sehen.
Nicht wegen Hartz - seit gestern ist der für mich wieder ein Mensch. (Topmanager sollen sich 10 Stunden täglich um ihre Arbeit kümmern und 1 Stunde um Arbeitslose)
Das wäre für Deutschland eine kurzfrustige erfolgsversprechende Zwischenlösung.

Das Problem mit der Arbeitsplätzeabwanderung/Firmenverlagerung wird erst ein Ende haben wenn es kein Land mehr gibt welches "billigere Konditionen" bietet.
Ich werde das nicht mehr erleben - in der Zukunft könnte sowas geschehen.

Ich denke nicht das Arbeit verschwinden wird - es gibt genug zu tun.
Was für Arbeit aber - ja da gibt es stumpfsinnige Tätigkeiten welche ruhig verschwinden können, andere Arbeit wird nicht weniger sondern täglich mehr.

Eine Lösung um welche alle Staaten nicht herumkommen werden ist ein "Grundgehalt für Jede/n".
Wenn wer mehr haben will muß er arbeiten, wenn ihm seine Zeit für Arbeit zu Schade ist kann er sich halt keinen höheren Level leisten.

Entschuldige Ulf`i das ich mich ausgesponnen habe ;]

Ulf, 5.5.2005 um 22:07 h:

Brauchst dich wirklich nicht zu entschuldigen, Rokker. Ich finde solche Meinungskundgebungen wie die deine ja immer sehr interessant, egal ob sie mir zustimmen oder nicht.
Und in einem gebe ich dir sicher Recht: Den Fortfall der Arbeit werden wir alle nicht mehr erleben. Ob nach oder während des Billiglohn-Outsourcings.

Interessante Idee übrigens: »Topmanager sollen sich 10 Stunden täglich um ihre Arbeit kümmern und 1 Stunde um Arbeitslose« Von dir oder von Hartz? (Wobei das mit den zehn Stunden eigener Arbeit vielleicht variabler zu sehen wäre.)

RokkerMur [@], 6.5.2005 um 0:32 h:

Das hat Hartz gesagt und seither mag ich ihn und hebe mein über ihn verhängtes Einreiseverbot in Österreich auf. (Habe ich gewagt)
Dort:
Werde morgen etwas dazuschreiben.
Ein Spammail ist auch zu dir, von mir.

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