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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 13.6.2005

Religion

Was glauben Sie?

Woran werden die Deutschen morgen glauben?

Glauben heißt nicht wissen. Mit diesem Satz pflegte vor Jahren einer meiner Lehrer gerne seine Schülerschelte einzuleiten. Den Glauben in religiöser Hinsicht meinte er damit natürlich nicht. Für mich persönlich ist die Aussage jedoch durchaus auch auf Religion anwendbar und hat mich zum Agnostiker werden lassen: Ich glaube, es gibt da nichts zu glauben.

Nach einer detaillierten Strichliste des Religionswissenschaftlichen Informationsdienstes gab es im Mai 2005 in Deutschland über 26 Millionen Katholiken, knapp 28 Millionen Protestanten und fast 900.000 orthodoxe Christen. Nach den christlichen Kirchen ist der Islam mit über 3 Millionen Anhängern die zweitstärkste religiöse Gruppe hierzulande. Es folgen der Buddhismus mit mehr als 200.000 Gläubigen, das Judentum mit 190.000, fast 100.000 Hindus und etwa 140.000 Anhänger neuerer religiöser Bewegungen. Grob gesprochen sind also mehr als zwei Drittel aller bei uns lebenden Menschen in verschiedenen Glaubensgemeinschaften organisiert, der Löwenanteil davon im Christentum. Andererseits bedeutet dies, dass etwa 23 Millionen Bürger hierzulande keiner Religion, oder aber Ersatzreligionen angehören.

Statistik und Wirklichkeit

Wie groß die Anzahl derjenigen ist, die zwar als Religionszugehörige gezählt werden, sich aber längst innerlich vom Glauben abgewandt haben, kann wohl niemand verlässlich schätzen. Allerdings dürfte es eine ganze Menge Katholiken und Protestanten geben, deren Kirchensteuer zwar der Staat einzieht, die jedoch nicht mehr gläubig sind und sich nur aus Bequemlichkeit oder aus sozialen und gesellschaftlichen Gründen nicht formal von ihrer Herkunftsreligion verabschieden wollen.

Zumindest die fundamentalistischen Kirchenorganisationen zu diesen zähle ich auch und hierzulande vor allem die katholische Kirche haben ganz offensichtlich Probleme, ihre realitätsfremden Grundsätze den Bürgern zu vermitteln. Wer sich nicht mit mittelalterlich anmutenden Verboten abfinden will, wechselt entweder ganz ins Lager der Nicht-mehr-Gläubigen, oder aber sucht Alternativen.

Mittlerweile wird auch auf politischer Ebene offen über die Berechtigung des Religionsunterrichts an den Schulen diskutiert. Nach dem heftig umstrittenen Kopftuchurteil macht nun das Berliner Modell von sich reden, nach dem es ein staatliches Einheitsfach in »Werteerziehung« geben solle.
Ein Abschied vom Religionsunterricht aber würde den Einfluss vor allem der christlichen Kirchen deutlich schmälern, die Mitgliederzahlen könnten drastisch absinken.

Jedem seine eigene Kirche

Wer sich nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, dass da überhaupt nichts sein sollte, kein Gott, kein göttliches Prinzip, noch nicht einmal irgendeine nebulöse Urheberschaft, der findet möglicherweise Trost in einer Ersatzreligion. Esoterik soll immer höher im Kurs stehen, sagen zumindest die Buchhändler.

Vielen Christen aber geht eine solche Abkehr zu weit, selbst dann, wenn sie von ihrer ererbten Religionsgemeinschaft enttäuscht wurden. Im Gespräch über Glaube und Religion hört man deshalb immer öfter von Bekenntnissen im Baukastenprinzip: Wenn mir das Komplettpaket (etwa des Vatikans) nicht passt, dann bastle ich mir eben meine ganz persönliche Privatreligion.
In dieser Hinsicht interessant ist, dass die Religionen in Deutschland gar nicht so homogen sind, wie es die großen Formationen vermuten lassen, die zu Anfang dieses Artikels aufgezählt wurden. Insgesamt bestehen hierzulande 116 gesonderte Glaubensrichtungen, allein fünfzig davon wurden unter dem Dachbegriff Protestantismus zusammengefasst. Aber auch die neueren religiösen Bewegungen unterteilen sich in 32 Einzelorganisationen, von denen die kleinsten gerade einmal zwanzig Mitglieder haben.

Der Trend zum personalierten Individualgott ist nicht zu übersehen. Eine wunderbare Formulierung dazu habe ich bei Frau Gröner gelesen: »Was immer ihr glaubt lasst mich damit in Ruhe. Ich hab meinen Glauben schon. Ich brauche euren nicht.«

Quo vadis, religio?

Es spricht vieles dafür, dass sich solche Entwicklungen fortsetzen werden. Die großen Glaubensrichtungen werden immer mehr Mitglieder verlieren. Daran wird auch die augenblickliche Popularität des deutschen Papstes nichts ändern, eine »Re-Christianisierung Europas« sehe ich nicht. Die Weltöffentlichkeit, Deutschland macht da gewiss keine Ausnahme, ist lediglich am plötzlichen Kick des medialen Kirchenereignisses interessiert, nicht permanent an den religiösen Inhalten.

Ein Teil der verlorenen Schäfchen wird sich in Glaubensfragen Exil in der geistigen Individualkirche suchen, andere werden Esoterik oder Wissenschaftsgläubigkeit als Ersatz wählen. Als Gegenreaktion werden jedoch sicher einige Christen in den Flügel der religiösen Fundamentalisten wechseln.

Es ist zu befürchten, dass der Ton religiöser Streitgespräche schärfer werden wird. Die Unvereinbarkeit von Meinungen und Standpunkten wird zunehmen. Glaubensgemeinschaften werden abschmelzen und zersplittern, Religion als Gemeinsamkeit immer weniger empfunden werden.

Ja, so wird es kommen, das glaube ich. Aber bekanntlich heißt ja glauben nicht wissen.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1118656303

Kommentare

Christian, 13.6.2005 um 13:27 h:

Sehr schöner Ansatz zur Debatte, ich soll mich also offenbaren...
Ich glaube...dem straff organisiertem Islam hat das Christliche Abendland nicht mehr viel entgegen zu setzen. Liegt aber auch daran, das Äpfel mit Birnen verglichen werden. Wärend die einen die Ethische Grundsätze verinnerlicht haben und sich von der zentralen Organisation an sich abkehren, sind die anderen gerade dabei das Mittelalter zu verlassen. Also Grundsätzlich sehe ich uns nicht als unterlegen an, sondern in einem anderen Zeitfenster. Die Gemeinschaft wird halt anders definiert, ist aber alles andere als schwach.

Kristof, 13.6.2005 um 13:50 h:

Der Witz ist ja, das der selbstgebastelte Glaube aus dem Baukasten gerade kein Glaube sein kann, der moralischen Halt oder eine absolute Ethik bietet.
Deshalb sind mir die Zeitgeistgläubigen noch suspekter als die römisch-katholischen oder islamistischen Betonköpfe.

Kristof, 13.6.2005 um 15:25 h:

Ich möchte ein "ß" kaufen ... :-(

Ulf, 13.6.2005 um 17:01 h:

@Chris: Diese Variante habe ich gar nicht ausreichend beleuchtet. Möglicherweise gewinnt der Islam nach entsprechender Zuwanderung ja auch hier in Deutschland weit größere Bedeutung als bisher. Eine dritte Kraft neben den Katholen und Protestanten?

@Kristof: ß ist gerade im Sonderangebot zu eins fuffzich. Aber ich denke, wir sind quitt. Der Begriff »Zeitgeistgläubiger« ist mir das allemal wert.

Claus, 13.6.2005 um 19:09 h:

Religionsunterricht hat mit Christentum doch nun wirklich nicht viel zu tun. Zumindestens kann ich dass für meine Schulzeit so feststellen. Darf nicht jeder Lehrkörper Religionsunterricht geben, solange er nur Mitglied (gläubig oder nicht) einer christlichen Volkskirche ist?
Welchen Einfluss gewinnen die protestantischen Landeskirchen oder die Katholiken denn durch den Religionsunterricht?
Das einzige, was meiner Meinung nach die Masse der Jugendlichen wirklich lockt und zieht, ist die Prostitution ihrer Seele für die Summe ihres Konfirmanten- oder Kommunionsgeldes.
Meiner Meinung nach täten die staatlich subventionierten (Kirchensteuer/-Einzug) Kirchen gut daran, keine Säuglinge mehr zu taufen, sondern stattdessen nur noch erwachsene & mündige Menschen (ja, ok, ich bin Baptist). Würden sie auf die Kirchensteuer verzichten und stattdessen in freiwillige Spenden (und somit auf den Glauben)ihre Hoffnung setzen, wie es z.B. die diversen Freikirchen sehr erfolgreich seit Jahrzenten vorleben, dazu noch alle Kirchenschätze verkaufen und die Erlöse in die Entwicklungshilfe oder Wohlfahrt stecken, in Liebe die Botschaft Jesu Christi vorleben und bezeugen: sie hätten sicherlich wesentlich mehr Einfluss auf alte wie junge Menschen als durch (selbst für Christen) todeslangweilig-muffige Religions/Werte/Philosophieschulstunden durch unmotiviert-genervte Lehrer vor schlafender Schülerschaar.
Und Frau Gröners Artikel fand ich überhaupt nicht gut. So! ;)

Christian, 14.6.2005 um 8:06 h:

Schulunterricht ist Ausübung der Staatsmacht und da hat Religion meiner Meinung nach nichts verloren. Eintreiben von Geldmitteln für die Kirche andererseits sollte auch nicht Angelegenheit des Staates sein. Bedauerlicherweise haben die Kirchen nicht das Vertrauen in ihre Schäfchen, um das in eigener Verantwortung zu übernehmen. Ethikunterricht an Schulen, bei dem man auch andere Religionen Vorstellt und hinterleuchtet hielte ich für weitaus sinnvoller. Bin ich ein Zeitgeistgläubiger weil ich an Grundsätzen festhalte, die die Kirche noch nicht mal umsetzt nur weil sie auf das Geld scharf ist? War denn Jesus damals nicht auch ein Vorreiter für seine Überzeugung und eben seinen Zeitgeist? Hat nicht er die Händler aus den Gotteshäusern vertrieben und Bedürftige und auch Kriminelle vor Übergriffen des Pöbels beschützt? Wer will heute den ersten Stein werfen? Ich bin nicht perfekt, will es auch nicht sein und bin damit glücklich, aber keiner soll mir auch vorschreiben dürfen anders leben zu müssen. Für mein Leben und Handeln übernehme ich selbst die Verantwortung. Das ist manchmal schwer genug, wenn man die vielen anderen betrachtet, die es sich viel einfacher machen. Ein Wort zu den Babtisten oder Zeugen Jehovas, verlasse deinen Partner, wenn er dich auf deinem Weg nicht unterstützt... sagt wohl alles. Und Tschüß

RokkerMur [@], 14.6.2005 um 11:39 h:

Als römisch katholischer Katholik - einer der alle Kirchensteuerexekutionen und Zustände in Österreich überlebt hat -
fängt das Paradoxum im/mit Glauben schon bei den Worten:
"Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen"
durch.
(Die Moslems haben keinen am Kreuz hängen - meine Religion schon. Das wissen wir aber alle)
Was alle nicht wissen ist das nirgends steht das jeder einzelne Mensch sich selbstverständlich ein eigenes Bild von Gott
machen darf.
Ob wer daran glaubt oder nicht.
Die vorgefertigten Schablonen sind verboten -werden aber ausgerechnet von meiner Kirche am häufigsten verwendet.

LG aus Wien
Wolfgang I.

Claus, 14.6.2005 um 20:33 h:

"Jehova, Jehova!"
Baptisten und Zeugen Jehovas haben nichts miteinander zu tun, mein wertester Herr Christof.
Dieses "verlasse deinen Partner" bekommt man dazu vermutlich eher bei Pro Familia als in einer baptistischen Freikirche zu hören.
"Was erlauben Struuunz?"
;)

Claus, 14.6.2005 um 20:35 h:

Hüstel.
Christian, ich meinte Christian!
(Autsch, aua, bitte nicht mehr -argh- schlagen)
Sorry.

Ulf, 15.6.2005 um 20:25 h:

Nochmal zum Religionsunterricht: Ich denke, dass angesichts der Standardsituation Familie besucht gerade einmal zu Ostern und Weihnachten die Kirche, gesprochen wird über den Glauben so gut wie nie viele der Quasi-Staatskirchenmitglieder (Katholen und Evangelen) hauptsächlich durch den Unterricht an Schulen dazu konditioniert wird, sozusagen bei der Stange zu bleiben.
Gäbe es keinen Religionsunterricht und auch keinen staatlichen Einzug der Kirchensteuer, so behaupte ich einmal frisch und frech, wäre die Anzahl der formal registrierten Christen in Deutschland ganz erheblich geringer. Von wegen »was glauben wir morgen«, wenn die Regierung vielleicht wirklich ihre Finger ganz aus dem Spiel ließe.

RokkerMur [@], 15.6.2005 um 22:20 h:

@Ulf
Gewisse Stellen bekommt man in Österreich nicht wenn man nicht "römisch katholisch" ist.
Ich meine keine Kirchenjobs, auch bei http://www.raiffeisen.at hast du ohne richtige ;)) Religion kaum eine Chance.

Lolle [@], 5.7.2005 um 20:42 h:

"jedem seine eigene Kirche"? Nein, das geht mir zu weit, das endet in Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit. :( Ich glaube an den Papst, und das ist auch gut so!

Ulf, 5.7.2005 um 21:47 h:

Ja, Lolle, darauf hat ja auch schon Kristof weiter oben bereits hingewiesen. Aber mal ehrlich: Genau darauf läuft es doch hinaus bei einem guten Teil der vorgeblich Glaubenden. Religion als Gemeinsamkeit? Das war mal.

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