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Dienstag, 21.6.2005

Relevanz des Wortes

Öffentlich schreiben? Für wen oder gegen was?

Die von mir grundsätzlich sehr geschätzte Zeit veranstaltet einen digitalen Wettbewerb auf der Suche nach interessanten, nach »relevanten« Netzpublikationen privater Publizisten: Die Stimme des Volkes im Netz der Netze, möge sie erhaben und journalistisch wertvoll sein! ó Zweifellos ist es richtig, dass nicht alles Gold ist, was im Rahmen des technisch und freizeitlich Möglichen täglich oder stündlich auf die Leserschaft am Bildschirm hereinbricht. Aber muss der Veranstalter deshalb noch im laufenden Wettbewerb mutigen Teilnehmern und potenziellen Mitmachern die Illusionen rauben, indem er Qualität und Relevanz allen (deutschen) Privatjournalen pauschal abspricht?

Wie relevant können oder müssen wir überhaupt sein? Woran misst sich Relevanz? ó Im redaktionellen Teil der Zeit war in dieser Woche ein Artikel über Weblogistan zu lesen, der die Einflussnahme iranischer Weblogs auf Politik und Gesellschaft beschreibt. Persische Digitaljournale werden darin als öffentliche Meinung und meinungsbildende Quellen durchaus ernst genommen. Weblogs iranischer Publizisten werden schon allein deshalb als relevant erachtet, weil ihre Autoren staatliche Repressalien bis hin zur Haft zu befürchten haben.

Hierzulande hingegen kräht kein Hahn danach, in welchem Tonfall Angela Merkel oder Gerhard Schröder von privaten Schreiberlingen beleidigt, abgekanzelt oder auch ernsthaft korrigiert werden. Wer nimmt schon die Stimmen einer kaum personifizierbaren Minderheit ernst. Westliche Autoren können ihre Relevanz gerade mal erkennen, wenn sie auf Grund ihrer Aktivitäten und Publikationen Probleme mit der Justiz oder dem Arbeitgeber bekommen und schlimmstenfalls den Job verlieren. Oder bestenfalls, wenn sie sich unverhofft in häufig gelesenen Publikationen zitiert sehen.

Unbestritten, es gibt einen Unterschied zwischen Folterhaft im arabischen Knast und lebenslänglich Hartz IV, genau so wie man unterscheiden muss zwischen dem öffentlichen Interesse an Berichterstattungen eines gelangweilten, Katzen haltenden deutschen Bürohengstes und eines iranischen Dissidenten. Wenn diese Unterschiede das allein gültige Maß für Relevanz sind, ist völlig klar, dass wir hier allesamt nutzlose, oder gar autistische Schattendiskussionen führen.
Für mich aber ist »relevant« schlicht und einfach das, was mich interessiert. Das mag schon mal der Mann an der Nachrichtenquelle im Irak sein. Im Normalfall aber überwiegen all die unscheinbaren Publikationen, die mich in ihrer Regelmäßigkeit und ihren schwankenden Stimmungsbildern dazu verführen, regelmäßig vorbeizuschauen. Auch wenn ich Katzenkontent eher ablehne.

Warum schreibst du?

Hört man sich um unter den Freizeitjournalisten, bekommt man oft zu hören: Ich schreibe für mich allein. Dass diese Antwort nicht ganz ehrlich sein kann und in der Mehrzahl der Fälle eine Schutzbehauptung darstellt, ist schon der Form der Publikationen zu entnehmen. Warum sollte jemand Auge in Auge mit Google und Daypop für alle Augen der Welt lesbar ein rein persönliches Tagebuch schreiben?

Die Wahrheit ist zumindest in meinem Fall irgendwo zwischen den verschiedenen Intentionen zu suchen. Wohl schreibe ich im ersten Ansatz einmal »für mich«; das heißt, ich versuche mich an Grammatik und Inhalten in einer Weise, die mir persönlich Bestätigung verschafft. Dennoch freue ich mich immer über ernst gemeinte Reaktionen aus der Leserschaft, die mir das Gefühl geben, mit meinen Gedankengängen nicht eingeschlossen zu bleiben im Elfenbeinturm der Selbstunterhaltung.
So wie ich schon mal in der Kneipe ein Gespräch mit Unbekannten vom Zaun breche, schreibe ich auch hier an die Adresse der unbekannten Leserschaft, die eventuell »Relevantes« in meinen Beiträgen entdecken mag. Wenn dann im Laufe der Zeit aus Unbekannten zumindest digitale Freunde (oder auch Gegner) werden, um so besser.

Aus meiner leichten Verstimmung wegen der Nörgeleien eines Profischreibers ist nun ohne Absicht eine Art Manifest geworden. Mir soll's recht sein, obwohl ich mich ansonsten strikt an den Vorsatz halte, nicht über das Schreiben zu schreiben. Denn Weblogs über das Webloggen gibt ohnehin schon viel zu viele.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1119333601

Kommentare

wuestenfloh [@], 21.6.2005 um 13:05 h:

Die Formulierung "Berichterstattung eines gelangweilten, Katzen haltenden deutschen Bürohengstes" finde ich besonders schön. Aber auch diesem Mitglied der Bloggergemeinde lassen Sie in Ihrem 'Manifest' ja seine Daseinberechtigung!

Kristof, 21.6.2005 um 13:38 h:

"Daseinberechtigung" !?

wuestenfloh, 21.6.2005 um 16:26 h:

O, ham se mal n 's' für mich?

Kristof, 21.6.2005 um 23:41 h:

Oh, darauf wollte ich gar nicht hinweisen :-) Ich merke das erst jetzt.

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