Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Donnerstag, 23.6.2005

Elektrodomestiziert

Herr Mens in der Servicewüste

Seit Tagen schon klettern die Temperaturen da draußen auf Messwerte, die der durchschnittliche, westeuropäische Organismus wie Urlaub im Umluftherd empfindet. Zwar liegt mir nichts ferner, als mich darüber beklagen zu wollen; im Gegenteil, oh du freundlichstes aller Gestirne: shine on! — Aber der gegarte Körper fordert eben Tribut. Wenn etwa der Rasenmähermann die Hälfte seines Tagwerks hinter sich gebracht hat, braucht er Flüssigkeit, um nicht im spärlichen Schatten der Koniferenhecke zur letzten Ruhe zusammenzubrechen.

Rasch hinunter in den Keller läuft er also, der Rasenmähermann, dorthin, wo in einer kühlen, dunklen Ecke Herr Mens steht und klaglos seinen Dienst verrichtet. Türe auf, kurzes Aufatmen im Schwall einer Luftwolke mit acht Grad Celsius, Wasserflasche gegriffen, Türe zu. Meine Hand liegt bereits auf dem Türgriff des Lagerkellers, ich bin auf dem Rückweg in die Gluthölle des Gartens, da schnurrt hinter mir eine sonore Stimme: »Thank you for using!«

Ich erstarre mitten in der Bewegung, die Wasserflasche entgleitet meinen schweißnassen Fingern und kracht mit dumpfem Poltern auf den gefliesten Kellerboden. PET zum Glück, kein Glas. Die Flasche, meine ich. Scherbenloser Zwischenfall.
»Sie, Herr Mens, was war das denn?«, frage ich meinen frostigen Freund und bücke mich nach der Flasche. — »Was meinen Sie denn, Herr Brossmann?«, entgegnet Herr Mens in unschuldig nonchalantem Tonfall. — »Na, ich wusste gar nicht, dass Sie englisch sprechen, Herr Mens«, verdeutliche ich die Fragestellung.

»Mein lieber Freund!«, Mens' Stimme klingt triumphierend. »Neben deutsch und englisch spreche ich noch ein ganze Reihe weiterer Sprachen. Unter diesen befindet sich Finnisch ebenso wie Französisch, Holländisch, Italienisch, Japanisch, Schwedisch, Spanisch und Türkisch … wenn sie es wissen wollen.« Er stockt kurz und fügt dann hinzu: »Wenn Sie meine Bedienungsanleitung nicht längst entsorgt hätten, könnten Sie meine vollständigen lingualen Referenzen nachschlagen.«

»Aber mit mir«, beeile ich mich anzumerken, »mit mir haben Sie bisher doch immer deutsch gesprochen!« Von dieser Seite hatte ich meinen alten Freund noch nie kennengelernt. Ich bin verblüfft. Verdattert, verdutzt. Mein Kühlschrank, das Sprachgenie! — »Das, mein lieber Herr Brossmann, liegt daran, dass ich bisher stets zu bescheiden war, Sie auf meine besonderen Vorzüge hinzuweisen.«

Was ist da bloß wieder vorgefallen? Die Stirne in Falten gelegt wie ein überzüchteter Hush Puppy sinniere ich über die Ereignisse, die in den vergangenen Tagen und Wochen unseren Haushalt erschüttert haben. Herr Mens jedoch kommt meinen Überlegungen zuvor: »Vor zwei Monaten haben Sie hier einen wahrlich unangenehmen Zeitgenossen einquartiert. So einen Steinbeißer, der Geräusche macht, gegen die Betonmischer reinste Ohrenschmeichler sind.«
Schuldbewusst ziehe ich den Kopf zwischen die Schultern. Fair war das wirklich nicht gewesen, obwohl ich die besten Absichten gehegt hatte. — »Aber zum Glück hielt der Kerl nach vier Tagen endlich die Schnauze«, schnarrt Mens weiter. »Und dann«, er hält sinnierend inne, »dann erhielt ich erneut Besuch. Ein überaus feinsinniges Gerät, dieser Herr iRiver. Das muss ich schon mal anmerken, Herr Brossmann.«

Du liebes Bisschen! Im Keller also ist meine Dudelkiste verschollen. Schon seit Tagen suche ich nach der Musikkonservendose. Mit Unschuldsmiene und im Brustton der Überzeugung haben mir alle Mitbewohner versichert, nichts über deren Verbleib zu wissen. Nun taucht das Ding in trauter Zweisamkeit mit Herrn Mens wieder auf.

»Dank Herrn iRiver weiß ich endlich, wie man Akzente setzt.« Die Stimme meines alten Freundes hat eine schwärmerische Färbung angenommen. »Es ist schließlich nicht einfach, sich gegen Prahlhänse wie die iPods zu behaupten. Niemand kann das besser beurteilen als ich.« Mens' Stimme wird plötzlich schneidend. »Auch ich habe schließlich damals gegen die unsäglichen Liebherren den Kürzeren gezogen und musste aus der Küche in den Keller umziehen.«

»Glänzen und glitzern können sie alle, diese Sonys, iPos und Liebherren, diese Aufschneider.« Herr Mens hat sich Fahrt geredet. »Aber wenn es um die wahren, inneren Werte geht, dann bocken sie und klemmen die Schwänze ein. Andere hingegen«, Mens singt seine Worte mehr, als dass er sie spräche, »andere wissen bleibenden Mehrwert zu verinnerlichen. Andere sind wie Oasen in der Servicewüste! – Benehmen! Höflichkeit! Freundlichkeit!« Schrill überschlägt sich die Stimme meines ansonsten so kühlen Freundes. »Der Wille zur definitiven Dienstleistung! Herr iRiver hat mir die Augen geöffnet!«

Stunden später, als ich den schmerzlich vermissten und glücklich wieder gefundenen iRiver ausknipse, verweilt mein Blick ein paar Sekunden länger als sonst auf seinem Display.
 

Thank you for using!

Bitte sehr. Gern geschehen.

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1119506401

Kommentar abgeben: