Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Freitag, 1.7.2005

Brave New World

Gehstäbchen

Natürlich ist mir vollkommen klar, dass mich das aktuelle Thema mindestens die Hälfte der geschätzten Leserschaft kosten wird. Deshalb habe ich bisher auch gezögert, mir auf die Lippen gebissen und auf die Finger geklopft, wann immer ich wieder kurz davor stand, mich nicht mehr zurückhalten zu können. Heute aber verliere ich endgültig die Beherrschung, ich kann dem Drang nicht mehr widerstehen, meine Klage hinauszuschreien in die digitale Welt.

Im vergangenen Herbst hatte ich bereits über die Skepsis geschrieben, die mich angesichts sportlicher Massenhysterie unweigerlich ergreift. Niemand sollte sich deshalb über meinen Aufschrei wundern: Ach, ihr profilbesohlten, in Leggingpelle gewursteten, gruppendynamischen GehstäbchenträgerInnen, wo ist eure Selbstachtung geblieben?

Jeden Morgen, wenn ich meine Kleinste am Waldrand der Obhut von Kindergärtnerinnen überlasse, sammeln sie sich in Paaren, Dreier- oder Vierergruppen auf dem Parkplatz und schwatzen. Sie sind leicht zu identifizieren, halten sie doch alle die Insignien ihrer Zunft fest im Griff; Skistöcke, wie sie im Winter beim Langlauf Verwendung finden.
Tatsächlich könnte man auf den Gedanken kommen, die Grüppchen könnten vom Februar übrig geblieben sein, wenn man sie aus einiger Entfernung beisammen stehen sieht. Festgeklönt, beim Tratschen die Zeit vergessen, die Schneeschmelze verpasst – Relikte aus einer längst vergessenen Kälteperiode.

Erst wenn sie sich in Bewegung setzen, ist deutlich zu erkennen, dass da keine Bretter an den Sohlen klemmen, die Füße vielmehr in ledernen Laufschuhen stecken. Irgendwann ziehen die Grüppchen dann an mir vorbei, meist in ausgelassener Stimmung, gackernd und quasselnd. Während des Gehens schwingen die Sportlerinnen die Arme wie olympische Biathleten auf Goldkurs. In der Windmühlenflügelei erschöpft sich allerdings bereits die Sportlichkeit der Damenriegen. Denn das Tempo ihrer Fortbewegung ist nicht höher als das eines gemütlichen Osterspaziergangs im Familienkreis.

Langsam, sehr langsam kämpft sich die letzte Sportgruppe auf dem Waldweg hinein in die Natur. Immer wieder bleibt das Grüppchen stehen, die Damen stützen sich auf ihre Skistöcke. Wenn sie sich noch ein kleines bisschen mehr Zeit lassen, wird es wieder zu schneien beginnen. Perplex sehe ich den kleiner werdenden Gestalten nach. Kopfschüttelnd.

Fragen drängen sich auf: Wozu dienen die Gehstäbchen? Handelt es sich bei Nordic Walking um eine zeitgeistige Ablösung des Kaffeekränzchens? Oder ist es ein weiterer Schritt der schleichenden Unterwanderung unserer Gesellschaft durch klevere schwedische Geschäftsleute? — Erst Abba, dann Ikea und jetzt Nordic Walking?

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1120226257

Kommentare

Andi, 1.7.2005 um 16:46 h:

Wüsste ich, dass ich es besser könnte, hätte ich sagen müssen, besser hätte ich es nicht gekonnt!

Einfach phantastisch! Danke!

Angel [@], 4.7.2005 um 9:34 h:

Sehr schön. Und natürlich hast du recht.
Aber ich denk mir immer wenn ich Leute mit Stöckchen spazieren gehen sehe - ohne diese Stöcke und den Hype da drum würden die vermutlich nicht mal spazieren gehen. Alles was Leute auf die Beine bringt ist gut, also auch das, egal wie albern es aussieht ...

Ulf, 5.7.2005 um 9:12 h:

Der Zweck heiligt die Mittel? Vielleicht hast du ja Recht, und es handelt sich in Wirklichkeit um eine perfekt ausgeheckte Kampagne der Krankenversicherer. Setzen wir das positive Denken fort: In ein paar Monaten werden dann bei Ebay ganze Lastwagenfuhren an Langlaufstöcken zu Schnäppchenpreisen angeboten. DHL und Hermes sollten vielleicht schon mal über Spezialtarife für Stäbchenversand nachdenken. Wie wäre es mit einer »Plusröhre« zu fünf Euro, Papprolle inklusive Porto?
Ich sehe ihn schon ganz deutlich vor mir, den wirtschaftlichen Aufschwung; getragen von einer konditionsstarken Bevölkerung, die an allen Ecken und Enden Produkte und Dienstleistungen aufkauft. Nur die Automobilindustrie sollte sich vorsehen. Der Fitnesswahn könnte sie in eine schwere Krise stürzen.

Christian, 5.7.2005 um 21:17 h:

...die Sportmesse kreierte gerade das High Tech Stöckchen mit allen Finessen samt GPS für die von dem 3% Manifest bedrohten Teil der Bevölkerung. Den Gebrauchtwarenmarkt wird das wohl auch beleben. Meine Holde zB profitiert schon davon, ich aber auch, weil ich dann zu Hause mal ne gute Stunde Ruhe hab, weil sie ein Vorläufermodell der Cousine erbte. Die Autoindustrie sollte davon auch provitieren, muß Frau doch erst mal in den Wald fahren und das angemessen mit Porsche Geländewagen incl. passender Stöckchenhalterung und Begleitung und wiederfind Automatik...Und ich schließe mich da besonders auch dem letzten Satz von Angel an...

Ulf, 5.7.2005 um 21:42 h:

In deinem Fall, Chris, gehe ich mal davon aus, dass die Holde weder im Sportflitzer, noch im Geländewagen – und erst recht ohne Stöckchenhalterung! – zum Stäbchenschwingen anfährt. Aber deine »GPS«-Meldung lässt mich dann doch wieder an den angeborenen Wahnsinn im Menschen glauben. Wie weit sind wir (herunter)gekommen.

Andererseits bringst du einen Punkt ins Spiel, an den ich bisher gar nicht gedacht habe: Vielleicht staksen die Damen nur deshalb so begeistert, wenn auch laienhaft, um ihrem Zuhause mit gutem Argument für ein oder zwei Stunden zu entkommen? Vielleicht sponsoren die Ehemänner die Gehstäbchen nur deshalb so großzügig, um ein oder zwei Stunden Ruhe zu gewinnen?

Kommentar abgeben: