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Dienstag, 26.7.2005

Unter Geiern

Leitkultur goes crazy

Enthusiastisch skandiert die Frauenstimme mit fränkischer Klangfärbung in das Mikrofon, so dass Rückkopplungen die wohnzimmerlichen Lautsprecher knattern lassen: »Dommy, Dommy, Dommy!« Der Haribomann präsentiert sein blondgelocktes Haupt den Zaungästen der Bayreuther Festspiele, deren Reaktionen der Lokalsender in die Wohnstuben Hessens transportiert. »Der bleibt einfach ewig jung«, entschuldigt die Jubeltante ihren Ausbruch. Eine Leidensgenossin versteigt sich gar in die Aussage, Angela Merkel habe ganz einfach »wunderschön« ausgesehen. Ganz Deutschland schwelgt im rosaroten Wagnerrausch.

Ganz Deutschland? Nein, ein unbeugsamer Haushalt im Hessischen leistet Widerstand. Zu siebt erklimmen wir die Hänge des Feldberges im Taunus. Statt nibelungischen Leitkulturbildern zu frönen, fallen wir in die Bleibe des lokalen Kulturmatadors Hendoc ein.

Beim Betrachten gigantischer Holzplastiken und bei ein paar Gläsern Apfelwein bekommt die regionale Verkehrspolitik ihr Fett weg. Man muss wissen, dass Hendoc sein Domizil an der Zufahrtsstraße zum rhein-mainischen Zentralmassiv hat. Im Minutenabstand fegen hochfrequent jaulende Japanreiskocher an seinem Anwesen vorüber, der Applauskurve ein paar Kilometer weiter oben entgegen.

»Wenn die Motorgeräusche einmal für einige Zeit ausbleiben«, erklärt Hendoc, »haben sie die Straße gesperrt, unten am Kreisel. Es dauert dann immer einige Zeit, bis ein einzelnes Fahrzeug langsam vorbeifährt; der Leichenwagen. Dann hat es dort oben wieder einen final zerlegt. Der Hochtaunuskreis ist so unermesslich reich, dass er sich eine öffentliche Rennstrecke leisten kann.« Hendoc kredenzt ein weiteres Glas Stöffsche und geht dazu über, die Effekte der Vergoldung seiner Sphären und Donnervögel zu erläutern.

Auf dem Parkplatz in der Applauskurve steht an Wochenenden vorsorglich ein Rettungswagen bereit. Auch dieser ist zur lokalen Institution geworden. Der Falkner, der oben auf dem Feldberg seine Raubvögel fliegen lässt, weiß dazu eine nette Anekdote zu erzählen. Einer seiner Geier ist unbestreitbar Blaulichtfan. Wenn es nicht warm genug dazu ist, dass der massige Flieger ausreichend Thermik findet, um nach dem Ausflug zurück zum Gipfel zu gelangen, dann landet er zur Freude der Passanten und Sanitäter gerne auf dem Dach des Rettungswagens weiter unten in der Kurve, direkt auf dem Blaulichtdom.

Leider nicht überliefert sind Augenzeugenberichte, wer denn in der Regel schneller ist, wenn es auf der Rennstrecke kracht: Leichenwagen oder Geier. Ich nehme mir vor, Hendoc bei meinem nächsten Besuch nach seinen Beobachtungen zu fragen. Vielleicht ließen sich ja auch der jugendliche Wagnerrecke Gottschalk und die wunderschöne Frau Merkel zu einem Ausflug zum Feldberg im Taunus überreden? Auf Motorrad mit Beiwagen zum Studium am Objekt? Hendoc, der Geier und ich, wir wären ganz sicher dabei.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1122357601

Kommentare

kathleen [@], 27.7.2005 um 21:12 h:

Oh, ich kenne das alles - die Strecke, die Kurve, den Sanka, die Stille, sogar den Geier!
Als ich noch in der Ecke lebte, kriegte man mich für nichts in der Welt an einem Wochenende auf diese Straße.
Des Holzkünstlers Site läßt übrigens eine Frage offen: wie, wo und zu welchem Preise könnte man eines dieser Wunderwerke bekommen? Kontaktmöglichkeit leider Fehlanzeige...

kathleen [@], 27.7.2005 um 21:21 h:

Nachtrag: Zumindest die Kontaktadresse habe ich jetzt doch noch gefunden... Mpf.

Ulf, 27.7.2005 um 21:56 h:

Ach, du kennst meine Ecke derart intim? Wusste ich doch gar nicht. Der Hendoc lebt ein zurückgezogenes Leben. »Stress darf hier nicht aufkommen, bloß das nicht«, sagt er immer. Und er meint es todernst damit. Er war Zeit seines bisherigen Lebens ein engagierter Mensch in allem was er anpackte. Aber er hat zur rechten Zeit die Reißleine gezogen. Das ist wohl seine hervorragendste Tat. Gegen alle Widerstände, wohlgemerkt.

Hendocs Skulpturen oder Möbel gibt es auf Verhandlungsbasis im Auftrag. Aber da macht er auch nicht alles. Nur das, was ihm persönlich Spaß macht. Meiner Tochter sagte er nett verpackt, aber deutlich, dass er gar nicht daran denke, ihr eine Affenskultur zu schnitzen; den Affen zu machen. Das sei der Unterschied zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Sehr sympathisch, sehr offen, der Hendoc.

Aber um dir einen Vorgeschmack zu den Preisen zu geben, sei erwähnt, dass zum Beispiel diese hölzernen Sitzeier, -inseln, mit markenzeichigen Zinneinlagen in den Holzrissen in der Preislage um die drei- bis viertausen Euronen liegen pro Stück. Laut Preisliste im Wohnzimmer. Kontakt per E-Mail, oder noch besser übers Telefon.

Und außerdem danke, Frau Kathleen, für das Telefonat von eben. Bei uns ist Land unter, jetzt. Hagel, horizontaler Regenfall, aus der Ferne Martinshörner im Chor. Die Welt geht unter

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