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Freitag, 26.8.2005

Brave New World

TamaPodchi

Eine gewisse, nicht zu leugnende Affinität zu technischem Spielzeug hat mir die Leserschaft zwar längst bestätigt. Gegen diese Anschuldigung aber spricht, dass ich erst heute die Neuauflage des Tamagotchi vor eineinhalb Jahren mitbekommen habe. Schuld an meinem Versäumnis ist – ich gestehe – eine Fehleinschätzung, nach der ich bis jetzt den iPod für den legitimen Nachfolger des Japankuschelpiepsers hielt.

Cool mit dem Eipott

Allein schon die Unmengen an Zubehör – von der Gucci-Tasche bis zur Schutzstricksocke –, die es längst für die Hörgeräte aus dem Hause Apple gibt, ließen mich vermuten, dass da mehr im Spiel ist, als die reine Liebe zur portablen Musik. Auch Schnittstellen zu anderen Technikspielzeugen lassen aufhorchen: Longplaylist zur Langstrecke über das Multifunktionslenkrad? Wie abgefahren ist das denn?

Dazu kam die fanatische Verfolgung frisch geouteter iPodisten durch Presse und Privatschreiberlinge. Ich erinnere mich noch gut an die Enttäuschung der Weltöffentlichkeit, als sich die Playliste von George W. Bush als gar nicht so sensationell herausstellte. Wie man hört, hat sich nun selbst die Queen eine Dudelkiste von Apple zugelegt. Fehlt eigentlich nur noch der Papst, der sicher das nötige Kleingeld hätte, sich einen weißen, perfekt zum Outfit passenden iPod samt der Podcasts aller bisher erschienenen Enzyklika zuzulegen. (Wie cool sähe das eigentlich aus?). Aber wahrscheinlich hat »Benny Ix-Vau-Iih!« längst schon einen. Oder zwanzig. Oder sogar siebzig, wie Lagerfeld?

Ja, ich war enttäuscht, dass es die jungfräulich weiße MusiKiste nun doch nicht gegen den Tamagotchi schaffen sollte; bis mich glücklicherweise die Zeit darüber aufklärte, dass ich einen Denkfehler begangen hatte. Das Zielpublikum des iPod sind doch gar nicht die Tamagotchi-Kids, sondern Grufties wie du und ich! Der iPod sorgt laut Jürgen von Rutenberg dafür, dass »sich klassische Teenager-Agonien bis ins Greisenalter ausdehnen können«. — Forever young!

Endlich Kult für große Kidz!

Wir waren doch schon immer neidisch auf die Jungen, die einen Kult nach dem anderen für sich entdeckten. Mit der den Älteren eigenen Gründlichkeit leben wir nun endlich unseren eigenen Psychoknick aus. Diese Interpretation erklärt, wieso auf einmal Statusfahrzeuge ausgeklügelte iPod-Schnittstellen in Serie anbieten; und warum wir so großes Interesse an Idiotien wie der Playliste des amerikanischen Präsidenten haben, für dessen Schallplattensammlung sich wohl niemand ernsthaft interessieren würde.

Nun verstehe ich auch endlich, weshalb iPods mit immer größerem Musikspeicher Absatz finden. Es geht gar nicht um die Notwendigkeit des Speicherplatzes, die sowieso niemand ernsthaft benötigt. Wer hat schon die Zeit, sich 15.000 Songs oder mehr im Wechsel ohne Löschen und Neubestücken anzuhören. Vielmehr geht es um die Potenz, die potenzielle Möglichkeit, die gesamte musikalische Vergangenheit des Besitzers abzulegen, ein ganzes Leben. Speicherkapazität ist gleich Lebenserfahrung. Was bedeuten schon ein paar hundert Euro für die Möglichkeit der lückenlosen Dokumentation der eigenen Lebensleistung? Das bisschen Geld sollte uns ein solch ausgedehnter Egotrip doch wert sein, oder? — Ja, Herr Lagerfeld: Siebzig vollgestopfte iPods zeugen von einer enormen kulturellen Leistung. Sie dürfen sich meiner Bewunderung sicher sein.

Aber wohin soll die Reise gehen? Ich möchte Herrn MS Gates ausdrücklich warnen: ein Konkurrenzprodukt zum iPod aus dem Hause Microsoft hat keine Chance. Auch dann nicht, wenn es »viel besser« ist. Auch dann nicht, wenn es neben dem Playlistenexhibitionismus weitere lebenswichtige Funktionen wie Telefonie, E-Mailboxen und ausgeklügelte Terminorganisation in einem Gehäuse anbietet. Gerade solche Wollmilchsäue werden garantiert den Kürzeren ziehen gegen den Kult.

Wir wollen gar nicht alles, wir wollen doch nur uns selbst haben, eingegossen in ein kleines weißes Plastikkästchen zum Liebhaben.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1125071768

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