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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Freitag, 21.10.2005

Brave New World

Spam auf Baumbasis

Gefühlt unentschieden steht es im Match zwischen Spammern im Internetz und ihren auf Papier müllenden Kollegen im richtigen Leben. Über Netzspam zu schreiben, ist erstens langweilig und zweitens zu einem an allen Ecken und Enden platzierten Thema geworden, das inzwischen selbst einer Form des Spammens gleicht. Also erzähle ich lieber über die Seuche, die sich immer weiter in meinem Postkasten ausbreitet.

Seit ich – wie vermutlich ein Großteil der deutschen Haushalte – diesen Aufkleber mit dem Text »Bitte keine Werbung« angebracht habe, werden Broschüren, die ganz alleine daher kommen, wegen ihrer Exotik fast schon wieder euphorisch begrüßt. Aber natürlich findet unerwünschte Massenwerbung ihren Weg trotzdem in unseren Haushalt. Auch wenn ich alle Zeitschriften an der Tanke gewissenhaft ausschüttle, um die Beilagen zu entfernen, bevor ich sie nach Hause trage, kommt mir zumindest mit einem Abonnement der Werbemüll sozusagen durch die Hintertüre ins Wohnzimmer gequollen.

Unvermeidlich jedoch bleiben all diese anderen »Zeitschriften«. Dass ich Blitz-Tip und Äppler auf direktem Wege aus der Post- in die Mülltonne umleite, sozusagen in einer körperlichen Nachbildung meines elektronischen Spamfilters, weiß der aufmerksame Leser mit Elefantengedächtnis vielleicht noch. Ich habe mich also arrangiert mit dem Mist, rege mich gar nicht erst auf.

In der vergangenen Woche jedoch, erdreistete sich die Mülljournaille, bei mir telefonisch nachzufragen, ob ich denn auch regelmäßig den Blitz-Tip erhielte.
»Den was?«, fragte ich nach, fest entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen, der Anruferin einmal meinerseits den letzten Nerv zu rauben. Die Dame begann, mir das Wesen und die Merkmale ihres Druckerzeugnisses im Detail zu schildern. Nach einiger Zeit unterbrach ich ihren Redeschwall: »Ach, sie meinen diese Werbeumschläge, diesen unerträglichen Dumpfbacken-Pseudojournalismus, gegen den sogar die Bild-Zeitung noch nobelpreisverdächtig ist? Das Zeug landet bei uns ungesichtet im Papiermüll. Oder wir stopfen damit nasses Schuhwerk aus.«
»Also dann bekommen sie den Blitz-Tip regelmäßig?«, fragte die Anruferin nach einer kurzen Schockpause. — »Ich weiß es nicht«, antwortete ich. »Ich sehe nicht mehr nach dem Titel, ich sehe auch nicht hinein. Ich entsorge sowas sofort nach Öffnen des Briefkastens. Aber da Sie Ihr Blättchen auf Grund meiner Beschreibung erkannt zu haben scheinen, kann es gut sein, dass es Ihr Blitz-Tipp ist, der regelmäßig in meiner Mülltonne landet.«
»Sie wollen also unseren Blitz-Tip nicht regelmäßig erhalten?«, in der Stimme der Anruferin war eine Mischung aus Unsicherheit, Misstrauen und Verärgerung erkennbar. — »Richtig, Sie haben es erfasst. Präziser hätte ich es selbst nicht formulieren können.« Ich war begeistert ob der raschen Auffassungsgabe meiner Gesprächspartnerin.
»Warum kleben Sie dann nicht so einen Zettel auf ihren Briefkasten: ›Keine kostenlosen Zeitungen‹?«, wollte die Meinungsdame daraufhin wissen. — »Das Problem ist, wertes Fräulein«, erläuterte ich, »es gibt durchaus kostenlose Zeitungen, die ich lesen will. Die Oberurseler Woche zum Beispiel ist zwar sicher keine Erleuchtung in redaktioneller Hinsicht, aber immer für einen Lacher gut. Auf die will ich nicht verzichten, ehrlich nicht. Ihre Werbemüllverpackungen hingegen sind schlichtweg intellektuelle Totgeburten.«
»Wieso?«, wollte die Befragerin pikiert wissen. — Mein Frust brach sich die Bahn: »Nehmen Sie es nicht persönlich. Die Doofen sind in diesem Spiel nicht Sie und nicht ich. Der Praktiker, Real oder Metzger Müller wollen nicht kapieren, dass ich ihren Müll nicht haben will; weder direkt, noch in der Ummantelung durch Ihren Wie-war-das-doch-gleich. Warum sollte jemand, der bekanntermaßen keine Werbung erhalten möchte, verpackte Werbung lesen, nur weil sie dadurch juristisch weniger angreifbar wird? Ich sehe mir diesen Mist mit oder ohne Blitz-Tipp nicht an. Diese Schwachköpfe verschwenden natürliche Resourcen, bezahlen für die Produktion und auch noch an Sie für die Verteilung. Dümmer geht's nimmer!«
Die Erhebungsdame war hörbar überfordert durch die Situation. »Ähm, darf ich also jetzt ankreuzen, dass Sie den Blitz-Tip regelmäßig erhalten?« — »Ich weiß es nicht. Das überlasse ich Ihrer Fantasie. Aber wenn ich einen Vorschlag machen dürfte, wie wäre es mit: Erhält ihn möglicherweise, eventuell regelmäßig, befasst sich jedoch nicht mit dem Inhalt?«
»Sowas habe ich nicht auf meinem Formular«, wendete die Anruferin ratlos ein. — »In diesem Fall stecken Sie wohl in einer Zwickmühle«, resümierte ich und beendete das Gespräch.

Gestern fand ich die jüngste Ausprägung der Papierspamspeerspitze in meiner Post. Die Firma iesy lässt die Post ihre Wurfsendungen adressieren: »An die Bewohner des Haushalts …«
Auf dem gefalteten Kärtchen stand außerdem zu lesen: »Auch an Werbeverweigerer. Keine Werbung, wichtige Information!« — Und was war drin? Produktwerbung des regionalen Kabelanbieters.

Ich bin gespannt, wie sich derartige Dreistigkeit toppen wird lassen.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1129882917

Kommentare

Kristof, 21.10.2005 um 14:18 h:

Wäre ja nicht schlimm, wenn ich neben dem Postkasten einen Mülleimer hätte. Aber jeden Tag zum Altpapier zu rennen ist mir auch zu doof.

("Keine kostenlosen Zeitungen", funktioniert das?)

Christian, 22.10.2005 um 8:51 h:

Hi Ulf & Friends,
die Telefonwerbung regt mich mittlerweile schon mehr auf, als die Einlage für die Biotonne. So schlagfertig möchte ich auch mal sein, wenn ich die Lottofee mit Ihrem "Sie haben gewonnen" höre, obwohl ich nie spiele. Vielleicht schaffe ich es ja mal, diese Herrschaften aus den Call-Centern dann freundlich auf meine Gebührenpflichtige (soll ich 3,79€ je Einheit nehmen oder den Block zu 35,-€) Leitung zu legen, mal sehen ob sie dann auch noch so viele Fragen haben. Es wäre mein Traum, wenn ich das per Knopfdruck am Telefon machen könnte. Neue Geschäftsidee ...
Gruß an alle
@Ulf, jetzt muß ich erst mal die Baugeschichte lesen, da hab ich wohl was verpasst und hätte sooooooo viel dazu ironisieren und ätzen können...schade, aber wohl auch noch nicht der letzte Teil, besteht Hoffnung das du die A. verklagst?

Ulf, 25.10.2005 um 21:53 h:

Ob ich die Architektin verklage, Chris, steht in den Sternen. Ich muss jetzt erst mal sehen, dass das Bauprojekt zufriedenstellend abgeschlossen wird. Dazu wird es bestimmt noch das eine oder andere Statement beim Baukackblogger zu lesen geben. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Erstaunlich ist deine Assoziation zum akustischen Spam. Dazu wollte ich demnächst noch eine Fortsetzung schreiben. Bei mir melden sich übrigens ganz selten echte Menschen. Mir röhrt meist eine sonore Konservenstimme ins Ohr: »Guten Tag, Sie haben gewonnen!« Dann lege ich immer direkt auf. Bringt ja leider nichts, ein Band oder einen Sprachcomputer zu beschimpfen, oder in ein verfängliches Gespräch zu verwickeln.

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