Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Montag, 5.12.2005

Brave New World

Stadtrabatt

Drunt' in da greanan Au stäht a Kaufhaus so blau, juchhe! — Oder für Nicht-Bajuwaren: »Dort unten auf der grünen Wiese steht ein wundervolles Einkaufszentrum«. Gemeint ist in meinem regionalen Kontext das Nordwest-Zentrum; oder das Main-Taunus-Zentrum. Oder das websitelose Hessenzentrum. Wenn es darum geht, Konsum auszuüben – was an sich zwar immer seltener vorkommt; aber nehmen wir mal an, es sei trotz Erhöhung der Mehrwertsteuer, trotz Preissteigerung unumgänglich, die eine oder andere Neuanschaffung zu tätigen –, dann rennen wir in Massen in die Konsumtempel, die Tür an Tür das zu bieten vorgeben, was wir en bloc benötigen. Gerne erhöhen die Kauftempel ihre Attraktivität durch Sonderaktionen, Ausstellungen, Events. Das Publikum reagiert wie die Lemminge.

Wer sind die Gekniffenen? Einzelhändler, die seit Jahrzehnten in den Innenstädten ansäßig sind, dort aber – weil nicht gemeinschaftlich organisiert – auf ihre mehr und mehr ausbleibende Kundschaft warten.
Doch jetzt schlagen sie zurück, die Städte:

City Card OberurselBei mir zu Hause gibt es seit ein paar Tagen die Oberursel Citycard. Worum geht's? — Um Bonuspunkte. Wer in der Stadt einkauft, bekommt Punkte auf seiner Karte gut geschrieben. Gesammelte Punkte kann man beim Einkaufen oder zum Bezahlen von Parkgebühren einsetzen.

Wirklich innovativ sind die Oberurseler Bonuspunkte ja nicht. Tante Emma drückte uns schon vor vier oder fünf Jahrzehnten immer Rabattmärkchen in die Kinderhände, wenn wir uns einen Liter kuhfrische Milch in die Alukanne pumpen ließen. Woher sie damals mitten in der Münchener Großstadt die frische Milch bekam, war mir immer ein Rätsel. Darüber habe ich oft nachgedacht, als ich die Rabattmarken in die einfarbig bedruckten Sammelheftchen einklebte. Wenn ein Heftchen voll war, habe ich es gegen eine Hand voll Colalutscher eingetauscht. Aber wie die Milch noch euterwarm zu Tante Emma nach Laim kam, habe ich nie erfragt.

Heute gibt es keine Tante Emma mehr. Weder in Laim, noch in Oberursel. Weder die Frischmilch vom Bauern, noch ihre Rabattmarken haben sie am kaufmännischen Leben erhalten können. Zumindest Rabattmarken gab es nämlich auch in den beiden Supermärkten, die Tante Emma solange in die Zwickmühle nahmen, bis sie aufgegeben hat.

Rabattmarken gibt es auch heute noch, selbst wenn sie sich inzwischen als Webmiles oder Happy Digits anreden lassen, weil das weltmännischer klingt als »Rabattmarke«. Außerdem sind es gar keine Marken mehr, die man in Heftchen einklebt. Überhaupt sind ja Marken mit Gummierung auf der Rückseite die Dinosaurier des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Post lässt neuerdings auch nicht mehr lecken, sondern drucken.

Das nahe Ende der Klebemarke hat zwar den Vorteil, dass kommende Generationen den gruseligen Geschmack von Gummierung auf der Zunge nicht mehr kennen werden. Aber mit dem Verschwinden der randgezackten Pickerl wird leider auch ein weiteres Stück Kultur Geschichte. So wie kuhfrische Milch in der Großstadt.

Die Rabattmarken der neusten Generation sind natürlich elektronisch. Entweder existieren sie nur binär als Zahlenwert in irgendeiner Datenbank bei Payback oder der Telekom. Manche Sammelpunkte aber kann man mit sich herumtragen, sozusagen virtuell eingeklebt in die Speicherzellen von Chipkarten. Die Oberurseler Citycard ist so ein tragbares Sammelheftchen. Man steckt es beim Einkauf in einen Kartenleser, der blitzschnell neue Rabattmarken einklebt, oder aber die bisher gesammelten löscht, wenn der Kunde Punkte gegen Ware tauscht.

Ob der Stadtrabatt es schaffen wird, die Fußgängerzone von Oberursel wiederzubeleben und die lokalen Geschäfte vor dem Tante-Emma-Schicksal zu bewahren?

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1133779820

Kommentare

christian, 6.12.2005 um 12:58 h:

Ich hasse Rabttmarken, Punktesammelcreditkarten etc, ich will den Preisnachlass sofort und nicht erst nach ansparen durch ausgeben. Welch nonsens von der Logik her. Bis ich ein Bonus teil angespart hab, stellen die die Aktion wieder ein. Damals gabs bei Esso zB fürs Tanken Klebebilder zum Sammeln, die konnten sich Kinder wenigstens anschauen, was soll ich heute mit der fünften Reisetasche und Nageletui??? Macht dem doch endlich ein Ende
Frohen Nikoklaus
Chris

Ulf, 6.12.2005 um 16:21 h:

Letzthin habe ich dazu etwas im Internet gefunden. Bei PIPPS bekommt man statt Punkten Telefon-Freiminuten, die man sofort nutzen kann, heißt es. Klingt im ersten Moment wie eine gute Idee, denn Telefon nutzt ziemlich jede(r). Beim zweiten Hinsehen macht der Anbieter jedoch einen etwas windigen Eindruck; zumindest auf seinen Webseiten.

Und natürlich: ebenfalls 'nen schönen Klaus.

Jenny, 7.12.2005 um 17:50 h:

Hi, also zu PIPPS muss ich sagen- echt klasse. Wie du dazu kommst, dass das "windig" sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Bei diesem System hat man endlich einen Mehrwert und viel wichtiger einen sofortigen nutzen. Einkaufen, PIPPS sammeln, danach gratis telefonieren. Was will man mehr....! Viele Grüße Jey

Ulf, 7.12.2005 um 21:44 h:

@Jenny: Wie gesagt, der »windige« Eindruck bezieht sich auf den Internetauftritt. Der ist meiner Meinung nach einfach unprofessionell. Fängt schon mit der Kopfgrafik an. Eine derart farbreduzierte, flächige Grafik als JPEG einzubinden, ist nicht gerade state of the art. Das Ergebnis sind dann diese Artefakte (Klumpen) im Logo und an den Zahnkanten.
Dann gibt es auch noch einige Schreibfehler, die jedem Lektor geradezu durch die Brille springen müssten. (In den FAQ heißt es zum Beispiel: »Registrieren Sie sich gleich online hier, bequemsten, kostenlos, einfach und ohne Vertragsbindung.«) Auch sowas nenne ich unprofessionell.
Bei anderen Textstellen sträuben sich mir die Haare: »Manche Handy-Typen werden folgende Fehlermeldung bringen: "Rufnummer bereits vorhanden!" - nicht davon abschrecken lassen« — Professionell wäre es, ein Feature erst dann anzubieten, wenn es funktioniert, statt die Bedienungsanleitung mit Instruktionen für all die Fälle zu ergänzen, in denen etwas nicht klappt.
Außerdem steht bei den Presseartikeln ein kleinformatiger Scan aus der Abendzeitung im PDF-Format zur Verfügung, der qualitativ saumäßig ist, aber trotzdem ein sattes MB Umfang hat.

Es kommen noch ein paar weitere Einzelheiten dazu, die ich jetzt leider nicht mehr im Kopf habe. In der Summe habe ich den Eindruck gewonnen, dass da etwas größer dargestellt werden soll, als es tatsächlich ist. Macht ja nichts, kann ja mal passieren. Aber ich schreibe hier ganz gerne Klartext, nichts für ungut.

Kommentar abgeben: