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Freitag, 10.3.2006

Secret Service

Weltmeisterschaft 2006

Angesichts der unübersehbaren fußballerischen Schwächen der deutschen Nationalmannschaft, die einen Titelgewinn auf dem WM-Rasen in geradezu utopische Ferne rücken lassen - wer hätte das gedacht? -, ruft die Bundesregierung eine geheime Kampagne ins Leben, die der nationalen Seele zumindest einen Titel auf Abruf in Aussicht stellt: die Umweltmeisterschaft 2006.

Was zählen soll, sind nicht mehr die Tore der Bundeskicker im Turnier, sondern die Green Goals für eine klimaneutrale WM. Dazu Klaus Töpfer: »Erstmals in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft spielt die Umwelt bei Vorbereitung und Umsetzung eines Turniers eine wichtige Rolle.« - »Deutschland entwickelt sich vom Vize-Weltmeister 2002 zum UmWeltmeister 2006«, konkretisiert Bundesumweltminister Trittin.

Klimakatastrophe Körpertemperatur!Bereits in der ersten Runde des Turniers werden 572 brasilianische Fans von der Tribüne weg in Haft genommen. Ein Polizeisprecher nimmt Stellung: »Die globale Erderwärmung beträgt im Mittel 0,6°. Da ist es nicht zu verantworten, dass Besucher unseres Landes durch ungebremstes Abschwitzen und ungenügend isolierte Körperoberflächen die Erde unkontrolliert in die Klimakatastrophe stürzen. In den AGBs der Speicherchips auf den Eintrittskarten wurde mehrsprachig unter Androhung von Sanktionen auf die Pflicht zu verantwortlicher Kleidung hingewiesen.«
Der Medienpapst des Vatikans begrüßt ausdrücklich das kompromisslose Vorgehen der deutschen Ordnungskräfte: »Zügellosigkeit jedweder Ausprägung bedeutet das Ende der Menschheit!« In Kleidungsfragen liege man längst auf einer Linie mit den Mitbewerbern der Koranschulen. Sogar auf das moderne Motto burkha4barbie habe man sich im Zeichen gemeinsamer Anstrengungen einigen können.

Der lange Zeit ungeklärte Verbleib von Bundestrainer Klinsmann lässt sich schließlich zufrieden stellend aufklären. Nach der Verleihung des Bundesverdienstordens Heiliger-Sankt-Florian in Gold steuert der Coach die Missgeschicke unseres Teams von seinem US-amerikanischen Wohnsitz aus: »Da die Vereinigten Staaten das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet haben, kommt es hier auf meine paar Grad Fußballfieber auch nicht mehr an«, erklärt der Trainer. »Ich trage auf meine Weise zur Verbesserung des deutschen Klimas bei,« fügt er stolz hinzu.

Im weiteren Verlauf des Turniers scheiden ausnahmslos alle der zuvor genannten Favoriten durch Disqualifikation wegen klimatischen Fehlverhaltens aus. Die deutschen Spieler werden noch vor ihrem zweiten Spiel nach einer Thermometer-Razzia durch den Bundesgrenzschutz im Mannschaftsquartier wegen durchgängig erhöhter Körpertemperaturen ausnahmslos und durch die Bank gesperrt. Die Bild-Zeitung titelt am Tag nach dem Ausschluss: »Gemeinschaftlicher Besuch eines Hühnerbordells auf Rügen?« »Alles Hühnerficker!«, kommentiert Keeper und Käpt'n Kahn den Vorwurf mit verschnupfter Triefnase.

Sportlich in Erinnerung bleiben wird uns auf Jahrzehnte die spannende Halbfinalpartie zwischen Costa Rica und dem Team von der Elfenbeinküste, die die Westafrikaner nach insgesamt 21 Feldverweisen mit dem Ergebnis von 123:72 gewinnen. Der letzte auf dem Platz stehende Spieler, Didier Zokora, erzielt dabei in einem Kräfte zehrenden Solo über die verbleibenden zwanzig Minuten hinweg 54 Tore und wird damit sogar Torschützenkönig des Turniers.
Anschließende Proteste der Costarizenser belächelt der deutsche Kaiser Franz nach der Partie mit dem Kommentar: »Wer in sechzig Minuten mehr als 200 Liter extrem natriumhaltigen Schweißes auf deutschem Boden vergießt, der braucht sich über Konsequenzen nicht zu wundern.«

Auf das Finale haben sich die Spieler der afrikanischen Mannschaft im Anschluss durch dreitägigen Verzicht auf Getränkeaufnahme vermeintlich perfekt vorbereitet. Den Vorsprung von 22 Treffern, der dem Gegner Saudiarabien wegen des Tragens körperverhüllender, Schweiß aufsaugender Togen und Turbane laut Reglement bereits vor Beginn der Partie zusteht, können die ivorischen Recken trotz ihrer eisernen Disziplin und enormem Einsatzwillen nicht einholen.

Im Rahmen der Abschlussfeier der Fußballweltmeisterschaft wird dem saudiarabischen Team gemäß korrekt-sachlichem Protokoll, jedoch schnörkellos in der Kabine der Stadionkatakomben der WM-Pokal überreicht. Oben im Stadion feiert derweil die deutsche Nation den unumstrittenen Gewinn der UmWeltmeisterschaft 2006.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1142028701

Kommentare

vasili [@], 12.3.2006 um 11:14 h:

sehr schön! man muss sich eben nur auf seine stärken besinnen.

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