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Mittwoch, 15.3.2006

Spanische Splitter

El Botellón

Was beeindruckt uns nordische Touristen am meisten, wenn wir abends über Alleen und Plätze spanischer Städte flanieren? In meinem Fall war es schon immer die entspannte Atmosphäre des Lebens auf der Straße. Nach Feierabend, einem Duschbad und ausgiebiger Anwendung von Kölnisch Wasser schlendert die gesamte Nachbarschaft über die Paseos und Ramblas, man klopft sich auf die Schultern, zieht sich an den Ohrläppchen, plaudert, sitzt an den Straßentischchen der Bars bei einem Bier und ein paar Tapas, Kinder flitzen durch die Gegend, Stress scheint hier ein Fremdwort zu sein; Leben und leben lassen.

Daran hat noch nicht einmal die Gesetzgebung zum Rauchverbot etwas ändern können, da die Einschränkung nur Etablissements mit über hundert Plätzen betrifft. Die Bars und Restaurants für Einheimische sind davon nur in geringem Umfang betroffen.

 Nein zur Riesenflasche!Und doch ist nicht alles Gold, was glänzt. Die lockere Grundeinstellung ist einer gewissen Spannung gewichen. Denn wo bisher schon mal spontane Feiern ausbrachen, kleine Straßenfeste im Kreise der Nachbarschaft, zu denen ganz selbstverständlich auch alle Passanten geladen waren, beginnt sich Unmut auszubreiten. Die Botellones – zu deutsch: Riesenflaschen –, so nennt man die im privaten Kreis organisierten Straßenfeste zu mehr oder weniger begründeten Anlässen, geraten in Verruf. Die Jugend, so beschweren sich ältere Anwohner mehr und mehr, kenne keine Grenzen mehr. Auf einem Botellón in Sevilla fanden sich letzthin 5.000 trinkfreudige Teilnehmer ein, ganze Straßenzüge waren danach verwüstet.
In einem Leserbrief an El País beschreibt eine Familienmutter aus Granada ihre Empörung: Ihr Mann, die beiden Kinder und sie seien im Auto in einen Pulk alkoholisierter Jugendlicher geraten, die den Wagen zum Schaukeln gebracht, mit Flaschen geworfen, Bedrohungen und Beschimpfungen von sich gegeben hätten. Die Straßen seien mit einem Glassplittermeer bedeckt gewesen, die Polizei habe die Situation in keiner Weise im Griff gehabt.

Schuld hat natürlich das Internet, heißt es. In einschlägigen Foren werde zu sogenannten Macrobotellones, zu spontanen Mammutveranstaltungen aufgerufen. Ziel sei es, den jeweils zuvor aufgestellten Teilnehmerrekord anderer Städte zu überbieten: mehr Leute, mehr Alkohol, más juerga!
Für den kommenden Freitag, den 17. März, wurden mittlerweile für sieben spanische Großstädte Botellones ausgerufen. Die Stadtparlamente sind ratlos. Zu erwartende Besucherfluten und extremer Alkoholkonsum stellen an sich bereits eine explosive Mischung dar. Die Hinterlassenschaften am Day After solcher Großveranstaltungen, für die es keinerlei Sanitär- oder Entsorgungsplanung gibt, müssen die Probleme etwa der Berliner Love Parade locker in den Schatten stellen.
Einige Städte, darunter Madrid und Barcelona, wollen die Macrobotellones durch eilig formulierte Erlasse verbieten, andere Städte locken die jugendlichen Spaßwilligen in die Außenbezirke, zum Beispiel auf die Parkplätze von Einkaufszentren.

Lassen wir uns überraschen, wie Spanien mit dem Konflikt zwischen traditionellem Leben auf der Straße und den befürchteten Exzessen fertig wird. Leben und leben lassen?

Nachtrag, 18.3.2006:

Macrobotellón in Granada am 17. MärzWie befürchtet haben die Aufrufe zum Massenbesäufnis zu Konfrontationen geführt. Allein in Granada versammelten sich geschätzte 25.000 Teilnehmer zum örtlichen Macrobotellón. In Barcelona wurden trotz deutlich geringerer Teilnehmerzahlen 36 Polizisten und 31 Jugendliche verletzt, 54 Personen wurden verhaftet. Schaufenster und Telefonzellen wurden beschädigt, 50 Müllkontainer brannten in den Straßen. — Von »entspannter Athmosphäre« kann da wohl kaum die Rede sein.

Nachtrag, 22.3.2006:
 
Spanien, chemische Landkarte

Die Vanguardia veröffentlicht heute zum Thema botellón einen Cartoon von Ventura & Coromina mit einer »landestypischen Postkarte« unter dem Titel »Spanien, chemische Landkarte«.

Übrigens: Bei E-Script gibt es außer diesem noch 21 weitere »Spanische Splitter«. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1142445601

Kommentare

vasili [@], 19.3.2006 um 8:38 h:

oh, wieder ein wort gelernt. el botellón, los botellones?

Ulf, 20.3.2006 um 16:05 h:

Así es, Don Enrique. — Das Prinzip der Steigerung von Hauptwörtern funktioniert auch in einigen anderen Fällen; welche wollen mir denn da gerade nicht einfallen?
Ach so: el montón (von monte), el cañon (von caño), oder el calderón (von caldera).

Ein anderes Wort, das man sich im Zusammenhang mit dem botellón unbedingt merken sollte ist la resaca, der Kater. Auch hierfür gibt es übrigens die Steigerungsform, die Rückschlüsse auf den gefühlten Kopfumfang zulässt: Tengo resacón …

vasili [@], 22.3.2006 um 20:17 h:

alles ins grosse schlaue lernheft eingetragen.. ;-)

seltsam nur monte vs. montón: eigentlich ist ein haufen doch geringfügig kleiner als ein berg/gebirge - oder hat mich meine übersetzung in die irre geführt?

Ulf, 22.3.2006 um 21:35 h:

Der »Haufen« müsste eigentlich eher als »Riesenberg« übersetzt werden: un montón de deudas ist eben »ein riesiger Schuldenberg«, umgangssprachlich meinetwegen auch »ein Haufen Schulden« …

(Mein Unterbewusstsein formulierte eben dieses Beispiel aus dem Alltag. Muss ich mir Sorgen um mich machen?)

vasili [@], 25.3.2006 um 12:11 h:

ah, claro! also eine schlampige übersetzung.

nat, 29.3.2006 um 16:35 h:

la botellona...que ilusion! Si pudiera...otra vez...
un cubata por favor...
de verdad no quiero màs

Ulf, 29.3.2006 um 19:54 h:

Pues, Nat, si me preguntas a , yo también preferiría un cubata en un bar decente. Con un poco de música, si puede ser. Y una charla entre amigos. Lo de los botellones no me impresiona demasiado tampoco …

Link zu diesem Kommentar Sina, 5.2.2010 um 14:30 h:

jajaaaa. dankeschön. war sehr hilfreich. und außerdem gut geschrieben. *lob*

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