Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Dienstag, 18.4.2006

Elektrodomestiziert

Herr Mens zieht um

Herr Mens muss einen gewaltigen Schrecken bekommen haben, als er die beiden Gestalten mit Schraubenziehern und Akkuschrauber in den Händen in den Kühlkeller kommen sah. Als mein Bruder und ich zielstrebig auf ihn zugingen, begann er laut zu brummen. »Ist es also jetzt soweit, Herr Brossmann«, sprach er mit zittriger Stimme. »Es geht zum Schafott?«

»Ich wusste es von dem Tag an, als Sie begannen, mal hier, mal dort alte Elektrogeräte wie mich einzusammeln«, fuhr Herr Mens fort, ohne eine Pause einzulegen. »Mein Freund, der Kurzwellenempfänger, hat mir berichtet, wie er nur knapp der Verschrottung entgehen hat können. Er stand schon auf der Abschussliste, hat er gesagt. Nur durch Zufall sei er dem Schicksal entronnen, weil damals auf dem Neubau noch kein Stromanschluss vorhanden gewesen sei und Sie auf seinen Batteriebetrieb zurückgreifen mussten, um beim Innenausbau Musik hören zu können. Jetzt bin zweifelsohne ich an der Reihe. Ich werde die Jahre vermissen, in denen ich Ihnen die Getränke kühlen durfte.«

Ein unterdrücktes Schluchzen unterbrach den Redeschwall des dienstältesten aller Kühlschränke. Mein Bruder sah mich verdutzt an. Sein Blick schien zu fragen: Dein Kühlschrank spricht mit dir?

An den Bruder gewandt wedelte ich beschwichtigend mit der freien Hand. Mein Zögern nahm Herr Mens sofort zum Anlass, sein Lamentieren fortzusetzen: »Natürlich weiß ich, dass auch in Hessen seit einigen Wochen ausgediente Elektrogeräte kostenfrei auf den Müllsammelplätzen eingeliefert werden dürfen. Ja, ich verstehe, dass Sie nun die Gunst der Stunde nutzen wollen, um sich meiner zu entledigen. Bitte machen Sie es kurz und schmerzlos, Herr Brossmann.«

Ein erneuter Schluchzer gab mir die Gelegenheit, das Wort zu ergreifen. »Sie, Herr Mens, jetzt machen Sie aber mal halblang!« — Doch mein Freund Mens fiel mir ins Wort. »Es soll ganz fürchterlich zugehen in den Kontainern, in denen man uns Alte unterbringt«, flüsterte er mit unüberhörbarem Grauen in der Stimme. »Drunter und drüber geht es dort. Haben Sie Erbarmen, ich will nicht sterben in einem dieser Konzentrationslager!«

Ich legte den Akkuschrauber beiseite und strich Herrn Mens zärtlich über die Kunststofftüre. »Mein lieber Freund«, sprach ich ihn an. »Es kann gar nicht die Rede davon sein, Sie in die Todeszelle abschieben zu wollen. Sehen Sie, ich weiß die guten Dienste noch immer zu schätzen, die Sie mir in den vergangenen zehn Jahren geleistet haben. Natürlich ziehen Sie mit uns um ins neue Haus. Ich brauche Sie, Herr Mens!« — Den Nachsatz, dass unser Budget nach dem Hausbau vollkommen erschöpft und gar kein Geld für Neuanschaffungen vorhanden sei, schluckte ich gerade noch rechtzeitig hinunter. Herr Mens ist ja so sensibel.

Schlagartig verstummte das Brummen meines kühlen Freundes. »Ich darf also hoffen?«, setzte er mit dünner Stimme hinzu. »Sie haben weiterhin ein schönes Plätzchen für mich?« — »Ein Plätzchen und eine Aufgabe«, erwiderte ich bestimmt. »Und jetzt ruhen Sie sich erst mal ein paar Tage aus, bis Sie im neuen Heim angekommen sind.«

»Danke. Danke, Herr Brossmann«, waren seine letzten Worte, bevor ich seinen Netzstecker zog und mich daran machte, ihn aus dem Holzschrank zu schrauben.

Herr Mens zieht um; zusammen mit seiner Familie. Wir alle verabschieden uns deshalb auf einige Zeit von unseren Freunden und Lesern, bis wir wieder wohlbehalten an unsere Netze angeschlossen sind. Herr Mens an den Strom, und ich an das Internet. Wir sprechen uns.

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1145384885

Kommentare

vasili [@], 19.4.2006 um 9:36 h:

nanu, wo ist denn mein kommentar von gestern hin??

Ulf, 20.4.2006 um 1:11 h:

Weiß nicht? — Hattest du dich schon mal um das Wohlergehen von Herrn Mens erkundigt?

Frau Muschel, 21.4.2006 um 8:18 h:

vielleicht wurde der Kommentar von Vasili versehentlich in einen Umzugskarton verpackt ?

Frau Muschel, 28.4.2006 um 8:41 h:

Ist das einespezielle Kühlschrank-Computersprache,
oder soll man die Kommentare als Laie nicht lesen können ?

Kommentar abgeben: