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Montag, 29.5.2006

Zu Gast bei Freunden™

Ich passe halt auf

Warum ist es so schwer, dieses Land zu lieben? Ich weiß es. Es ist wegen des Wetters. In elf Tagen ist es so weit. Die deutsche Nationalmannschaft wird ihr erstes WM-Spiel mit zweistelliger Tordifferenz gewinnen. Nicht weil die Ticos aus Costa Rica so schlecht Fußball spielten. Sondern weil Mittelamerikaner unter aktuellen bundesrepublikanischen Wetterverhältnissen in Kältestarre verfallen.

Deutschland heuchelt nicht. Es zeigt sein wahres Gesicht mit Regenfällen, deren Quantität die Erbauer der Überdachung der Commerzbank Arena™ mit Stolz erfüllen, mit Temperaturen, bei denen die Fans des brasilianischen Teams noch nicht einmal Bodyperks zu tragen brauchen, und mit Sturmböen, die Zuschauern wie Akteuren den letzten Rest an Spaß aus den Zwischenrippenräumen blasen. Wir sind authentisch.

Zumindest geben wir uns alle Mühe, ehrlich zu sein, auch wenn irgendwann die Regentonne das Fass überläuft. Der letzte Deutsche, der es mit bedingungsloser Ehrlichkeit versucht hat, war Uwe-Karsten Heye. Bekanntlich warnte er farbige Gäste der Weltmeisterschaft vor Besuchen in der brandenburgischen Provinz, weil sie dort mit rassistischer Gewalt und sogar ihrem Ableben rechnen müssten. Armes Brandenburg, wie soll es den Teufelskreis der Armut durchbrechen können, wenn die Aussicht auf den Geldsegen des WM-Tourismus schon im Voraus zunichte gemacht wird?

Herr Heye, nehmen Sie sich doch bitte mal ein Beispiel an der Neu-Brandenbürgerin Lorena Tello. Die gebürtige Ecuadorianerin hat die richtige Einstellung. Ich passe halt auf, sagt sie. Bravo! Die klassisch deutsche Primärtugend: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. — Passen wir Deutschen etwa nicht auf, wenn wir durch die Innenstädte von Barcelona, Neapel oder Paris flanieren? Wer dort seines Portemonnaies verlustig geht, hat eben nicht gut genug aufgepasst, ist doch klar.

Also, liebe farbige WM-Touristen: Fragen Sie Frau Tello und passen Sie ein bisschen auf. Dann passiert Ihnen auch nichts. Und falls doch, dann stiften wir Ihnen einen schicken Stolperstein. Dann soll noch einer sagen, Sie waren nicht zu Gast bei Freunden™. Unser Wetter mag beschissen sein, aber unsere Gastfreundschaft ist legendär!

Ich möchte mit bestem Beispiel voran gehen und Sie mit vier Expertentipps zum korrekten Verhalten in Deutschland willkommen heißen, die Ihnen ohne Zweifel den Aufenthalt erleichtern werden:

1. – Achten Sie auf angemessene Kleidung. Tragen Sie im Freien keine Badeschlappen, Bermudahosen und Ringer-T-Shirts. Kein deutscher Tourist würde so im Ausland auftreten. Also erwarten wir entsprechendes Verhalten auch von unseren Gästen. (Oberkörperfrei hingegen mag in Fällen weiblicher Besucher gerade noch einmal durchgehen.)
Verfallen Sie aber auch nicht ins andere Extrem. Springerstiefel, Jeans und Fliegerjacken könnten provozierend wirken. Extrem kurz geschnittenes Haupthaar sollten Sie ebenfalls vermeiden, auch wenn das Beispiel unseres deutschen Nationalstürmers Gerald Asamoah Sie dazu verleiten könnte.

2. – Singen Sie nicht in den Fußgängerzonen der Innenstädte, selbst nicht aus Freude, wenn Ihr Team eine WM-Partie gewonnen haben sollte. Straßenmusikanten dürfen in Deutschland oft nur mit behördlicher Genehmigung, zumindest aber nur in der Zeit zwischen 10 und 12, sowie 15 bis 17 Uhr auftreten. Riskieren Sie nicht unnötig Ihre polizeiliche Festnahme.

3. – Wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen auf Fragen, die Sie in perfektem Deutsch an Ortsansäßige richten, in gebrochenem Rudimentäridiom geantwortet wird. Dies liegt in keinem Fall an mangelhaften Sprachkenntnissen des Befragten. (Selbst die Zuwanderer sprechen hier gut deutsch, dies müssen sie sogar nachweisen.)
Vermutlich ist der Befragte ausschließlich darum bemüht, Ihr Verständnis sicher zu stellen, indem er Wortschatz und Grammatik auf ein Minimum reduziert: »Du da vorn links gehen!«

4. – Helfen Sie uns, das Wetter positiv zu beeinflussen. Tragen Sie stets Regenschirme bei sich; je mehr, desto besser. Statistisch erwiesen ist, dass Regenfall in Deutschland mit wachsender Anzahl offen getragener Schirme unwahrscheinlicher wird.

Besten Dank für Ihre Kooperation, viel Spaß bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™! Und passen Sie halt auf sich auf.

»Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen.«
(Uwe-Karsten Heye im Deutschlandradio Kultur, 17.5.2006) »

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1148910670

Kommentare

Ivana, 14.6.2006 um 1:37 h:

Ich finde es traurig, dass es für die Deutschen bei dieser WM nur Brasilien gibt. Alles dreht sich nur noch um Brasilien. Wo bleiben die anderen LÄNDER die auch mitmachen. Traurig, heute gab´s im Fernsehen nur brasilianische Fans, brasilianische Lieder.... Man sollte doch als Gastgeber doch vielleicht ein Bisschen neutraler sein!!! Schade

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