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Mittwoch, 31.5.2006

Sheherazade Reloaded

Liebe und Hass in Orient und Okzident

Gewiss manipuliert mein Unterbewusstsein die Auswahl von Lektüre. Nur so kann ich mir erklären, dass sich zuletzt das Thema Kluft der Kulturen in den Vordergrund gespielt zu haben scheint. Nach der dunklen Seite der Liebe, über die ich letzthin berichtet habe, liegt nun Shalimar der Narr auf meinem Nachtkästchen.

Wörtlich darf man die Redewendung mit dem Nachttisch zwar nicht nehmen, lese ich doch seit einiger Zeit fast nur mehr in öffentlichen Verkehrsmitteln statt zu Hause im Bett. Andererseits passt das Bild des auf mich als Leser wartenden Romans; denn so recht habe ich mich noch nicht an das letzte Werk Salman Rushdies heran gewagt, obwohl es kein Geschenk war und ich es selbst ausgewählt habe.

Begonnen hatte ich die Serie »orientalischer Erzählungen« vor drei Jahren mit Rot ist mein Name. An diesen Roman von Orhan Pamuk erinnere ich mich noch immer ungeheuer gern. Zwar scheint die Geschichte zunächst den geringsten Aktualitätsbezug aller drei Bücher zu haben; schließlich spielt sie im mittelalterlichen Istanbul. Aber im Nachhinein interpretiere ich vieles stärker vor dem Hintergrund der Glaubenskonflikte zwischen Orient und Okzident.

Rafik Schamis Die dunkle Seite der Liebe ist in Bezug auf den Zeitraum des Plots aktueller als Pamuks Roman. Und Rushdies Narr Shalimar handelt in noch geringerer Distanz zur Gegenwart. Ob das gut oder schlecht für die Aussagefähigkeit zu den Konflikten zwischen Orient und Okzident ist, bleibt abzuwarten. Aber ein paar Leseproben aus Shalimar der Narr lassen im ersten Ansatz mentales Stirnrunzeln entstehen. Über seine Protagonistin, die junge Frau India etwa schreibt Rushdie ohne weiter führende Erläuterung: »In Hotelzimmern sah sie sich Pornos an. Es half ihr einzuschlafen, wenn sie unterwegs war. Auch daheim sah sie sich Pornos an.«

Was soll uns das sagen? Dass moderne Frauen eigentlich doch etwas für Pornografie übrig haben? Dass Pornos die Alternative zu Schlafmitteln sind? Oder dass India schlichtweg anders ist, weil sie doch ein Junge hätte werden sollen? Vielleicht urteile ich vorschnell, und die Aussage fügt sich im Laufe der Geschichte doch noch irgendwie und irgendwo ins Bild.
Wahrscheinlich stört mich an dieser modernen India einfach das Fehlen der bombastischen Gefühle der beiden anderen Romane. Dort gab es Personal, das sich seiner Herzensneigungen unbedingt und lebenslang derartig sicher war, dass ich nur staunen konnte: Die Liebe des Lebens überdauerte die Zeit ebenso unbeschadet wie lodernder Hass, tausendundeine Nacht eben, orientalische Gefühlstiefe im Guten wie im Bösen, bewundernswert oder wundersam, märchenhaft oder unglaubwürdig?

Jedenfalls bilde ich mir bis jetzt ein, dass der rationale, aufgeklärte Mensch aus westlichen Kulturkreisen Gefühls- oder mindestens Verständnisdefizite gegenüber gefühlsbetonteren, impulsiveren Orientalen hat; und deshalb Angst vor deren Entschlossenheit und Unbeeinflussbarkeit durch Argumente.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1149081647

Kommentare

Frau Muschel, 1.6.2006 um 10:10 h:

Bezugnehmend auf die Feststellung im letzten Absatz, könnte DAS eine Erklärung dafür sein, warum der rationale, aufgeklärte Mann aus westlichem Kulturkreis Gefühls- oder mindestens Verständnisdefizite
gegenüber gefühlsbetonten,impulsiven Frauen
hat und sich dadurch verunsichert fühlt..?
(werde ich nun geteert und gefedert,ob des ketzerischen Erklärungsversuches )

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