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Mittwoch, 14.6.2006

Spanische Splitter

Unabhängigkeitstag im Stadion

Weit oben auf den Rängen sitze ich im Zentralstadion in Leipzig und starre meinen Nachbarn an, einen kleinen, etwas dicklichen Kerl, der sein Fähnchen schwenkt mit vier roten Streifen auf goldenem Grund, immer dann wenn die Ukraine den Ball in Richtung des spanischen Tors treibt. Stirnrunzelnd betrachte ich die Fahne. Ohne Zweifel handelt es sich um eine Senyera.

Endlich mal 'ne große Fahne!Wie wir natürlich alle seit frühester Kindheit wissen, gilt die Senyera als älteste Flagge der Welt. In grauer Vorzeit gegen Ende des ersten Jahrtausends hatte dieser historische Bartträger, Wilfried der Haarige, im Nordosten Spaniens den Anfang gemacht mit der berühmten Reihe der Grafen von Barcelona und damit die Wurzeln Kataloniens gelegt. Muss ein verdammt wilder, unerschrockener Kerl gewesen sein, dieser haarige Willi. Denn die Legende will uns weis machen, dass er damals nach einer schweren Verwundung im Schlachtengetümmel vom König selbst aufgesucht worden sei und für seine Tapferkeit einen güldenen Schild überreicht bekommen haben soll. Der König habe vier Finger in das Blut des Grafen getaucht und damit die vier Streifen auf die Senyera gemalt, heißt es. — Na ja, wie das halt immer so ist mit den Legenden: Wahr sind sie nicht, aber derartig Herz erwärmend, dass man sie einfach weitererzählen muss.

Mein Fahne schwingender Nachbar heißt Jordi Puig i Valls, stammt aus dem Ort Cerdanyola del Vallès nördlich von Barcelona und feuert die Gegner der spanischen Selección an. Auf die Frage, ob das nicht zumindest erklärungsbedürftig sei, reagiert der Katalane ziemlich empfindlich. Tatsächlich sehe ich mich gezwungen, mir in der Folge seine Tiraden bis zum bitteren Ende anzuhören, um zu verhindern, dass die Senyera in ein spanisches Tischtuch verwandelt wird, indem Don Jordi mit meinem Blut Querstreifen aufmalt.

»Mein Herr, ich möchte Ihnen wahrlich keinen Vortrag über die Unterdrückung der Katalanen durch die kastilische Zentralregierung halten«, beginnt mein Nachbar zu dozieren. »Besetzt haben sie uns, unsere Sprache wollten sie uns verbieten, aber unser Geld, das haben sie immer gern genommen! – Peró per fí s'acabat, cony

Katalatrikot?Längst hat er sich in Fahrt geredet, der Herr Puig. »Ich sage Ihnen, spätestens die Weltmeisterschaft 2022 wird in Catalunya stattfinden!«, er schüttelt zur Bekräftigung die Faust mit der Fahne. »Und als Gastgeber spielt dann nicht etwa die spanische Selección, hören Sie, sondern Catalunya!«

Vor Aufregung bekommt Herr Puig einen Schluckauf und schnappt ein paar Mal nach Luft. Ich nutze die Zwangspause in seinem Monolog, um meinen Einwurf anzubringen: »Aber, Don Jordi, wie wollen Sie das denn hinbekommen? Immerhin ist doch Cataluña eine spanische Provinz?« — »Aber wie lange noch?«, ungeduldig unterbricht mich mein Gesprächspartner. »Tito hätte sich auch niemals träumen lassen, dass einst eine montenegrinische Nationalmannschaft an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilnehmen würde. Das wird schneller gehen, als Sie contrarevolucionario sagen können, mein Herr. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!«

Beunruhigt starre ich auf die noch unversehrte Rechte des Eifernden. Er muss meinen skeptischen Blick bemerkt habe, denn ein wenig beleidigt fährt er fort: »Sie glauben mir nicht, mein Herr? Dann lesen Sie doch einmal die Times

2020? – The new independent countries fo Europe

»Im Übrigen sind wir uns längst einig, Don Igor und ich«, setzt Herr Puig in ruhigerer Tonlage und voll Überzeugung erneut an. »2018 findet die Weltmeisterschaft in Pridnestrovskaya Moldavskaya Respublika im Stadion von Sheriff Tiraspol statt; und vier Jahre danach in Barcelona, Girona und Lleida.« — »Einen Moment bitte, Don Jordi«, ich bin nun vollends verwirrt. »Wer sind Don Igor und dieser Sheriff Tiraspol?«

Igor Smirnov»Sie wissen aber auch überhaupt nichts, mein Herr«, Jordi Puig wird nun ärgerlich. »Igor Smirnov ist der künftige Präsident der künftigen Nation von Transdniestr und Sheriff Tiraspol ist kein amerikanischer Polizist, sondern die Fußballmannschaft der Hauptstadt, die dann als Nationalmannschaft aufspielen wird und im Übrigen bereits jetzt über ein Stadion mit FIFA-Zulassung verfügt!« Der Triumph im Blick Don Jordis ist nicht zu übersehen.

Aber das war doch der reine Irrsinn: Mein neuer Bekannter paktierte da mit irgendeinem russischen Potentaten, verplante die Austragung der Weltmeisterschaften in dubiosen Zwergstaaten, die hinter den sieben Bergen wie Pilze aus dem feuchten Waldboden schossen, während Merkel und Chirac sich bemühten, der europäischen Union Gesicht und Richtung zu geben.

Die Welt beginnt sich vor meinen Augen zu drehen, als die Ukraine Spanien mit 0:4 unterliegt und Don Jordi missmutig maulend das Stadion verlässt. Ich wanke, stolpere über den Plastiksitz vor mir und stürze kopfüber hinunter in die Tiefe der Arena, immer tiefer, immer schneller, bis ich auf einmal mit pochendem Herzen aus meinem Bett hochfahre, ein paar hundert Kilometer entfernt vom Leipziger Zentralstadion. Ich wische mir den kalten Schweiß von der Stirn. Ein Albdruck, zum Glück alles nur geträumt!

Oder etwa doch nicht?

Nachtrag am 19.6.:

Sind Sie für Nationalmannschaften auf Länderebene?Aus deutscher Sicht wirkt die Forderung nach National-Teams auf Länderebene in hohem Maß abwegig. Eine aktuelle Umfrage der katalanischen, gemäßigt konservativen Tageszeitung Vanguardia belegt, dass tatsächlich mehr als die Hälfte der Leser ihrer Onlineausgabe ein katalanisches Nationalteam befürworten würde.

Ich bedanke mich beim dekadenten Genie für den humorigen Hinweis auf Timesartikel und -grafik.

Übrigens: Bei E-Script gibt es außer diesem noch 21 weitere »Spanische Splitter«. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1150297819

Kommentare

victor ferrer garcia?

Link zu diesem Kommentar victor ferrer garcia [@], 18.11.2007 um 11:58 h:

ich bin erst 14 aber ich bin dafür das es endlich mal ein land gibt das land catalunya .
ich finde ihren bericht super
der catalane denkt genau richtig
über eine antwort würde ich mich gerne freuen
adeu

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