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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 10.7.2006

Elektrodomestiziert

Herr Mens hat mitgezählt

Halb elf durch. Ich habe genug von den lärmenden, kindische Tänze aufführenden, teilweise noch in blau gekleideten Gestalten im Konfettiregen auf dem Bildschirm und tauche hinab in den Keller auf der Suche nach einem kühlen Bierchen. Hopfen beruhigt. Herr Mens empfängt mich am neuen Standplatz mit seinem sonoren Brummen. »Die Sektflasche brauchen Sie wohl nicht, Herr Brossmann?«, kommentiert mein Freund die Entnahme einer Bierflasche mit Bügelverschluss.

Nein, den Schaumwein hatte ich nur vorsichtshalber kühl gestellt nach dem Viertelfinale. Nur für den Fall. Herr Mens scheint meine Gedanken zu erraten: »Hätte ich Ihnen gleich sagen können, dass das nichts wird mit dem deutschen Finale. Sie wissen doch, nach diesem handgreiflichen Zwischenfall mit Argentinien. Ich sag nur eins: Frings!« — »Sie meinen, das deutsche Team war zu unfair?«, hake ich verwundert nach.

Aber Mens schnaubt mich verächtlich an, kaum dass meine Frage heraus ist: »Zu brutal? Die deutsche Mannschaft? Dass ich nicht lache! Frings, dieses Weichei! Tätowiert wie ein Hafenlude und dann gerade mal ein lächerlicher, verschämter Fausthieb! Wenn er es überhaupt gewesen ist!« Das mens'sche Kühlaggregat beginnt vor Aufregung zu schnarren. Oder liegt es an der Hitze? Aber ohne Pause fährt er fort: »Ich sag Ihnen mal was, Herr Brossmann. Die deutsche Mannschaft ist ein Haufen von Weichlingen, von lenorgespülten Waschlappen.«

»Das fängt doch schon an beim Trainer, der bei jeder Aktion seiner Mannschaft emotional ausrastet, statt kühl über notwendige Maßnahmen nachzudenken«, fährt Herr Mens fort ohne Luft zu holen. Ein unbestreitbarer Vorteil, Elektrogerät zu sein, besteht darin, keine Zeit mit Atmen verschwenden zu müssen. »Wer nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln um den Sieg kämpft, bleibt auf der Strecke!«

Zizou köpft, Materazzi stirbt»Sie brauchen sich nur einmal ansehen, wer es ins Finale dieser WM geschafft hat. Die Italiener sind nicht nur Schwalbenweltmeister, die schaffen auch am grünen Verhandlungstisch im Hinterzimmer die notwendigen Voraussetzungen für ihr Weiterrücken. Außerdem liegen sie mit 42 Punkten auf Platz zwei des Unfairness-Index; gleich hinter Paraguay, aber die haben zu wenig Schwalben auf dem Konto.« Herr Mens ist in Fahrt geraten wie der ICE zwischen Frankfurt und Köln. »Und die Qualitäten von Herrn Zidane brauche ich wohl nicht mehr im Detail zu loben. Etwas mehr als 12.600 Fouls hat es gegeben bei dieser WM, sehr löblich. Aber der Einsatz des Franzosen eben war eindeutig die Krönung; ein würdiger Abschluss eines Endspiels. Charakterfest. Mir ist schleierhaft, wie man so einen gestandenen Kerl ›Zizou‹ nennen kann. Wussten Sie übrigens, dass die französische Equipe mit 33 Wutanfällen auf dem Platz Rang eins unter allen teilnehmenden Nationen einnimmt? – Jawohl, ich habe nämlich mitgezählt

Mein Freund verstummt, und es dauert eine Weile, bis ich in seinem Brummen die Melodie von In Zaire wiedererkenne. Zaghaft werfe ich ein: »Sie glauben also nicht, dass Zidanes Kopfstoß der Gipfel sportlicher Unanständigkeit war?«

»Ach, bleiben Sie mir vom Hals mit Ihrer Unanständigkeit. Das war lediglich die Fortsetzung des Spiels mit anderen Mitteln. Zidane stößt zu, Materazzi stirbt den Schwanentod. Zwei Meister ihres Faches, sage ich Ihnen! Das muss denen erst mal ein Deutscher nachmachen, bevor man daran denken kann, Weltmeister zu werden …«

Panik. Bevor Herr Mens seine Tirade fortsetzen kann, schnappe ich mir rasch noch ein zweites Bierchen auf Vorrat und trete den Rückzug aus dem Keller an. Ich will da heute nicht mehr hinunter. Mir ist unheimlich, womit Herr Mens in seinen einsamen und kühlen Stunden die Zeit verbringt. Diese Persönlichkeitsentwicklung ist äußerst bedenklich.

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1152538232

Kommentare

Frau Muschel, 11.7.2006 um 9:21 h:

Solange Herr Mens sich noch nicht mit ,,wir sind"
Deutschland" identifiziert und das gekühlte,deutsche Bier nur noch mit schwarz-rot-goldenen Etiketten herausgibt, ist es noch nicht bedenklich bei ihm ein bisschen Persönlichkeitsentwicklung zu beobachten.
Ich mag ihn und finde seine Gedanken recht
annehmbar für einen ,,alten",gedienten Kühlschrank ! ( prosit dem Hausherrn )

Christian, 11.7.2006 um 13:16 h:

Hi Ulf und Mr Mens,
apropos neuer Standplatz ...
Grüße von oben nach unten
bis bald
Chris

Ulf, 12.7.2006 um 0:18 h:

Nein, Frau Muschel, Herr Mens ist (noch?) viel zu korrekt, um in ungebremsten Patriotismus auszubrechen. Ich bin sicher, dass in dieser Hinsicht kein Grund zur Beunruhigung besteht. Und er freut sich ganz bestimmt, wenn ich ihm erzähle, dass Sie ihn mögen.

Ein neuer Christian? »Brand« = »Nord«? Oder bin ich jetzt auf der falschen Fährte? Hamburg, oder nicht Hamburg, das ist hier die Frage. (Ich weiß schon, ich bin total kryptisch. Wahrscheinlich bist du ein ganz anderer und hältst mich jetzt für Groucho Marx auf Speed.)

Christian, 12.7.2006 um 15:58 h:

Ich bewundere deinen Scharf & Spürsinn... Voll korrekt der Mann.
Also ich sage dem Norden Ade und wechsle ins Ländle wo die Wiesen blühen und die Jobs auch und ... auch. =;-)) wie immer

Ulf, 13.7.2006 um 1:52 h:

Ins Ländle! Christian wird Nachfolger von Klinsi! — Meine Herr'n, ich hätte nie gedacht, dass du Hamburg jemals den Rücken kehren würdest. Auf jeden Fall aber viel Erfolg beim Aufblühen!

scepsis, 16.7.2006 um 10:44 h:

Sehr bemerkenswert, der Scharfsinn und das fachmännische Wissen des Herrn Mens. Nun gut, auf dem Abstellgleis im Keller hat er ca. 25 Stunden am Tag auch nichts anderes zu tun, als sich über Dinge, die die Welt nicht braucht, Gedanken zu machen oder seine Fußballkenntnisse zu komplettieren. Doch ob er auch das Video der italienischen Mannschaft beim Geheimtraining kennt? SO werden Weltmeister gemacht ;o)

Mein Ignis ist noch nicht so weit, noch kein solch ein Erfahrungsträger wie Herr Mens. Aber bald. Und dann summt er auch das Lied: 1-2-3-54, 74, 90, 2010...

Ulf, 16.7.2006 um 15:12 h:

Herr Mens lässt herzlichst danken für den Videobeweis. Er habe schon soetwas vermutet, sagt er. Und beste Grüße auch an den Herrn Kollegen Ignis. (Und was für ein Landsmann I. sei, wollte er gerne noch wissen.)

April, 6.8.2006 um 20:56 h:

Hallo, Herr Mens,
ich hoffe, es geht Ihnen gut und es war Ihnen hoffentlich nicht zu heiß ;-)) Grüße an Herrn B.

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